Geistliches Leben

Freitag, 25. Mai 2012

Aufbruch nur aus Gottes Geist

Was wir von der Kirche des Anfangs lernen müssen – Gedanken zum Johannes-Evangelium 20, 19–23 von Dipl. Theologe Klaus Haarlammert

Tage zwischen Bangen und Hoffen, nervenaufreibende Spannung nach dem unvorstellbaren, jähen Absturz; der schändliche Tod Jesu am Kreuz stieß die Jünger in den Abgrund. Was ist jetzt, was wird? Diese Frage hat ihnen schier das Herz zerrissen. Dazu das Unfassbare, dass er, der Getötete und Begrabene, einigen von ihnen erschien – nicht in ihren Träumen, sondern leibhaft und lebendig. Das verstörte sie nur noch mehr. Und dann: Jesus tritt in ihre Mitte – durch die verriegelte Tür mitten in ihre Angst, die sie verschlossen hatte. Er zeigte ihnen seine Hände und seine Seite – seine Wunden. Wahrhaft, er ist es: der Gehenkte, der Gemordete, aber er ist anders, er lebt. Aus dieser Erfahrung des Unglaublichen fassten sie ihren Glauben in das Bekenntnis: Jesus ist der Herr! Das heißt: Dieser Jesus, der am Kreuz sein Leben opferte, ist von Gott auferweckt; er ist der Christus, der Messias, der Herr. Später wird dieses Glaubensbekenntnis breiter, weiter, bis zu dem, wie wir es heute beten. Der Kern aber ist: Jesus ist der Herr! Das ist unser Glaube.
Diesen Glauben haben wir aber nicht aus uns oder gar selbst erfunden und formuliert, sondern aus Jesus, der ihn uns in seinem Heiligen Geist „eingehaucht“ hat – nicht nur den Jüngern damals, sondern in unserer Taufe auch uns. Nur aus dem Heiligen Geist können wir sagen: Jesus ist der Herr! Und aus diesem Heiligen Geist werden wir immer jetzt – heute – zur Gemeinschaft der Glaubenden, die sich um dieses Bekenntnis scharen, gefügt: zu diesem „einen einzigen Leib“ mit seinen vielen verschiedenen Gliedern mit ihren unterschiedlichen Begabungen, der aus dem einen einzigen Atem Gottes lebt. Der „eine einzige Leib“ ist der des Auferweckten, der wir sind: Uns, die Christen, gibt es nur aus dem gemeinsamen Bekenntnis „Jesus ist der Herr!“
Gerade dieses „Stück“ hoher Theologie des Apostels Paulus, das uns die Kirche an diesem Pfingstfest als (zweite) Lesung „vorschreibt“, ist zu allen Zeiten seit Beginn der Kirche von höchster Brisanz, heute mehr denn je. Es wird so viel von Veränderungen und Aufbrüchen geredet, von dringend gebotenen Reformen, von der Zukunftsfähigkeit der Kirche, aber es hat den Anschein, als ob damit nur Strukturen gemeint seien – und der „Glaube“, wenn die nur „stimmen“, so oder so, wäre alles wieder im Lot. Wenn man da nur nicht einer Täuschung aufläuft, die in ernüchternder Enttäuschung ausgeht. Events wie Katholikentage übrigens, deren Strukturen bestens „gemacht“ sind, bergen in sich dieselbe Gefahr von Täuschung und Enttäuschung, wenn man ihre quirlige Lebendigkeit des Glaubens in den Gemeinden Tage später vergebens sucht.
Natürlich können und müssen wir Ordnungen schaffen, Strukturen bilden; so ist unser Leben nun mal; aber wir dürfen sie nicht für das Eigentliche halten; im besten Fall müssen wir sie sogar zwar nicht wieder abschaffen, aber doch vergessen können, wenn wir sie mit Leben gefüllt haben. Halt! Gefüllt haben, mit Leben, Wir? Nein, richtig ist: Wenn wir die Strukturen und Ordnungen mit Leben füllen gelassen haben, das uns nur der Geist Gottes schenken kann und um das wir ihn in aller Demut, dass wir dies eben nicht „machen“ können, bitten müssen. Da ist das Bild, das uns Paulus hier vorstellt, treffend: Der Leib und die verschiedenen Glieder mögen wir für Struktur und Ordnung nehmen; ihre Lebendigkeit – sogar auch ihre Funktionalität im Gesamt des Leibes – kommt nicht aus ihnen selbst, ist auch nicht Folge von Struktur und Ordnung, sondern kommt aus dem einen Heiligen Geist: aus dem „einen Gott: Er bewirkt alles in allen“.
Dies alles ist gesagt und geschrieben in eine Zeit des Umbruchs und des Aufbruchs, die an Radikalität nicht zu überbieten ist, wenngleich die Herausforderungen an uns enorm hoch sind. Wir jedoch haben die Geschichte des Glaubens, aus der wir lernen können, vor allem diese wunderbaren Anfänge in der pfingstlichen und nachpfingstlichen Kirche. Von daher gilt für uns heute: Grundsätzlich ist dieses Glaubensbekenntnis „Jesus ist der Herr!“ unverrückbar in die Mitte zu stellen. Einzig um dessentwillen dürfen wir getrost Strukturen und Ordnungen schaffen, die aber immer offen sein müssen für das Wirken dessen, den wir als den Herrn glauben und bekennen; alles ist daran zu messen. Letztendlich aber ist inständig zu beten um seinen Heiligen Geist, die Kirche zu erneuern, weil wir sie nur ganz bedingt erneuern können; und absolut offen zu sein für den Heiligen Geist, dass wir ihn wirklich wirken lassen, auch wenn er Strukturen und Ordnungen, von denen wir überzeugt sind, dass sie recht und gut seien, im Sturm umeinander wirbelt und verwirft. Keiner darf seine eigene Ordnung für absolut halten, weder die da oben noch die da unten, weder die da vorne noch die da hinten. Gott allein ist es, der „bewirkt alles in allen“.      

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