Geistliches Leben

Donnerstag, 12. Januar 2012

Berufen zu Nachfolge und Zeugnis

Zeigen, wie ein Leben nach dem Evangelium aussieht – Gedanken zum Johannes-Evangelium 1, 35–42 von Studiendirektor i.R. Theo Wingerter

Auf einem Schlussstein in so mancher Kirche ist  ein Lamm dargestellt. Ein sichtbarer Hinweis auf das Wort, das Johannes zu zwei von seinen Schülern beim Vorübergehen Jesu sagt.  „Seht, das Lamm Gottes“. Wir hören dieses Wort jeweils vor der Austeilung der Kommunion. Im Buch Jesaja 53,7 ist mit dem Lamm der „Diener“ oder „Knecht Gottes“ gemeint, der  seinen Lebensauftrag darin erkennt, den Willen Gottes zur Geltung zu bringen, obwohl ihm dies Spott, Verachtung, Hass, Verfolgung und schließlich den Tod einbringt.  Selbstlos  weist Johannes auf Jesus, das Lamm, den Knecht Gottes hin.  Was die beiden Jünger mit diesem Hinweis anfangen, steht in ihrer freien Entscheidung. Sie können das Wort ihres Meisters hören, es einfach zur Kenntnis nehmen und weiter bei Johannes bleiben. Sie können aber auch die vertraute Person und ihre Lehre zurücklassen und den Aufbruch in das Unbekannte wagen. Dafür entscheiden sie sich. Über diesen Mann aus Nazaret wollen sie mehr erfahren.
„Was wollt ihr?“ Sie  sollen sich darüber klar werden, was sie letztlich suchen, was ihnen wichtig ist, warum sie dem Rabbi aus Nazaret folgen. Ihre Antwort „Wo wohnst du?“ ist mehr als eine Verlegenheitsaussage. Nicht das Äußere seiner Wohnung interessiert sie. Es bewegt sie zu erfahren, wo Jesus in seinem Innersten  zuhause ist und was ihm wertvoll ist, wohin er sich zurückziehen und wo er zur Ruhe kommen kann. Sie wollen erleben, womit Jesus vertraut ist und wo er ganz bei sich ist und zu seiner Mitte findet. Sie wollen etwas ahnen davon, wie er von Gott und den Menschen spricht und von seiner Art zu beten. Jesus lädt sie ein. „Schaut euch um. Ich verberge euch nichts. Ich biete euch an, mein Leben mit mir zu teilen.“ Sie sollen einen Tag mit ihm verbringen. So können sie entdecken, wo er geborgen ist  und woher er seine innere Kraft nimmt. Sie werden etwas vom Geheimnis seiner Person kennen lernen. Was das Reich Gottes, die Mitte seines Lebens, ist, legt er zu Beginn seines Wirkens ihnen nicht in Gleichnissen dar. Aber er lebt  ihnen vor, wie er aus seiner Verbindung mit Gott heraus handelt mit Erbarmen und bedingungsloser Hinwendung zum Menschen. Auf diese Weise bekommt Reich Gottes im Alltag für sie ein Gesicht.
Zur Nachfolge Jesu einladen heißt nicht, Katechismuswahrheiten lehren oder auswendig vor sich her sagen. Menschen für die Nachfolge Jesu zu gewinnen bedeutet, sie an seinem  eigenen Leben als Christ teilnehmen zu lassen und zu zeigen, wie Leben  nach dem Evangelium aussehen und gelingen kann. Es ist immer Jesus, der beruft. Menschen sind dabei nur wie Werkzeuge. Seine Jünger beruft er, indem er eine menschliche Beziehung zu ihnen aufbaut.  Er überredet nicht und übt keinen Druck aus. Frei sollen sie sich entscheiden.
Jesus geht das Wagnis ein, dass  seine Einladung ausgeschlagen wird. Er achtet die Freiheit derer, die auf der Suche sind. Er riskiert, dass sie kein Verständnis  aufbringen für das, was ihn im Innersten bewegt und was ihm heilig ist. Sie können es in den Schmutz ziehen und verächtlich machen.
Die beiden Jünger tun es nicht. Wie ihnen Jesus in seinem Zuhause begegnet, muss sie beeindruckt und verändert haben. Er hat sie überzeugt. Aus suchenden Jüngern des Johannes sind Menschen geworden, die in Jesus den Messias gefunden haben. Für sie gilt: Wer etwas vom Geheimnis der Person Jesu, von seinem Vertrauen auf Gott und seiner Liebe zu ihm,  von seinen Hoffnungen und Ängsten erfahren hat, der sucht – in aller Freiheit – weiterhin seine Nähe und er will weitergeben, was er mit Jesus erlebt hat, damit auch andere Menschen von Jesus fasziniert werden.
Simon, der Bruder des Andreas, ist einer von denen, die sich in die Nähe  Jesu rufen lassen. Er wird von Jesus angenommen wie er ist, „der Sohn des Johannes“, mit seiner ihm eigenen Veranlagung und prägenden Erziehung, seinem Beruf und seiner Lebensgeschichte. „Simon“, das war einmal – jetzt gilt „Kephas – Petrus – der Fels“.  Jesus  weist ihm eine neue Aufgabe zu, seine wirkliche Berufung: wie ein festes Gestein zu sein und anderen Halt zu geben. Er wird das bisher Vertraute hinter sich lassen und aufbrechen in eine ungewisse Zukunft. Er wird seine eigenen tragfähigen Erfahrungen mit Jesus machen und sie weitergeben an andere.
Berufung zur Nachfolge ist eine Einladung an Menschen aller Jahrhunderte. Alle sind gerufen zu einer lebendigen Beziehung mit Jesus und zu entdecken, wo er „wohnt“, wo er zuhause ist. Die Formen einer solchen Beziehung werden sehr verschieden sein und beschränken sich nicht auf sog. geistliche Berufe. Auf verschiedene  Art und Weise folgen Menschen der Einladung und nehmen ihre je eigene Aufgabe wahr. Wie bei der Berufungserzählung im heutigen Evangelium achtet Jesus die freie Entscheidung eines jeden Menschen. Wer jedoch die Einladung annimmt, folgt nicht einer Lehre, sondern einer Person: Jesus Christus.

wingerter@khg-kl.de

 

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