Kirche und Welt

Donnerstag, 19. Januar 2012

Obdachlosigkeit und Armut machen krank

Deutscher Caritasverband stellte in Berlin seine aktuelle Jahreskampagne vor

In Deutschland gibt es rund 250000 Obdachlose. Mehr als 90 Prozent von ihnen sind krank. Foto: KNA

Ein Leben in Armut wirkt sich stark auf die Gesundheit aus. Besonders gefährdet sind Wohnungslose. Wer keine feste Unterkunft hat, ist oft Wind und Wetter ausgesetzt und hat selten hygienische Verhältnisse, um sich und seinen Körper zu pflegen. Aus Scham und aufgrund bürokratischer Hürden gehen viele Wohnungslose nicht zum Arzt. Der Deutsche Caritasverband hat deshalb seine diesjährige Jahresaktion unter das Thema gestellt „Armut macht krank – Obdachlosigkeit erst recht“.

Dirk S. geht nur schleppend, ihn schmerzt jeder Schritt. Über den breiten Spezialschuhen des Berliners ist eine weiße Bandage sichtbar. Der 47-Jährige leidet unter einem Lymphödem, eine krankhafte Flüssigkeitsansammlung in den Beinen. Dazu kommen weitere gesundheitliche Probleme. Seitdem er als Untermieter von einem Tag auf den anderen vor die Tür gesetzt wurde, lebt Dirk S. auf der Straße – inzwischen sind es sieben lange Monate. Zur neuen Jahreskampagne der Caritas kann er nur zustimmend nicken: „Armut macht krank“ heißt das Motto 2012.
Dirk S. schaut am Rande zu, als der Präsident des Deutschen Caritasverbands, Peter Neher, die Kampagne am 11. Januar in der Hauptstadt eröffnet. In der Pankower Suppenküche der Franziskaner präsentiert Neher erschreckende Zahlen: Langzeitarbeitslose sind doppelt so oft krank wie erwerbstätige Menschen, auch ihre Lebenserwartung ist deutlich kürzer. So liegt sie bei einer langzeitarbeitslosen Frau rund acht Jahre unter der einer Frau mit hohem Einkommen, bei Männern beträgt die Differenz sogar elf Jahre.
Einen besonders schlechten Gesundheitszustand weisen Menschen ohne Wohnung auf. Obdachlose Männern haben eine Lebenserwartung von 46 Jahren, das sind 30 Jahre unter dem Durchschnitt aller Männer. Als weitere Risikogruppen nennt Neher Asylbewerber und Zuwanderer, die sich ohne Aufenthaltserlaubnis in Deutschland aufhalten. Obwohl auch „illegale“ Migranten bei akuten Schmerzen Anspruch auf ärztliche Behandlung haben, trauen sie sich aus Angst vor einer Meldung bei der Ausländerbehörde und folgender Abschiebung nicht zum Arzt, betont der Chef des katholischen Wohlfahrtsverbands.
Notwendig ist nach seinen Worten deshalb ein regulärer Zugang zum Gesundheitssystem auch für solche Menschen. Dafür müssten etwa niedrigschwellige Angebote wie Straßenambulanzen von Caritas und Diakonie ausgebaut und über die gesetzliche Krankenversicherung finanziert werden. Auch die Praxisgebühr stelle für bedürftige Menschen ein zusätzliches Hindernis dar und müsse deshalb abgeschafft werden, fordert Neher.
Er belässt es aber nicht bei Appellen an die Politik. Neher mahnt auch die Gesellschaft insgesamt zu mehr Toleranz. Obdachlose Menschen gehen oft auch aus Scham vor den Blicken der anderen Patienten nicht in eine Arztpraxis, wie er weiß. Auch die Angebote der Caritas selbst müssten auf den Prüfstand, kündigt Neher an. So soll der Verband prüfen, wie stark seine Dienste Menschen in schwierigen Lebenslagen unterstützten, ihr Recht auf Gesundheit und Zugang zu Leistungen durchzusetzen.
Anders als in vielen vorangegangenen Jahren sind die Plakate zur Kampagne – dem Thema entsprechend – Kdiesmal in eher tristen Brauntönen gehalten. Zu sehen sind Menschen, die sichtbar vom Leben gezeichnet sind, als Porträtfotos in einem Portemonnaie. „Ein Platz für Fotos von Menschen, die einem wichtig sind“, erläutert die Leiterin des Caritasreferats Öffentlichkeitsarbeit und Fund-raising, Barbara Fank-Landkammer. Anlässlich der Kampagne wird auch ein neuer Sozialpreis ausgelobt. Der Katholische Krankenhausverband Deutschland prämiert Projekte in Kliniken auszeichnen, die sich um Menschen „am Rande der Gesellschaft“ kümmern.
Dirk S. hat Glück gehabt. Ein Kältebus der Berliner Stadtmission hielt eines Nachts an seinem Schlafplatz. Er nahm ihn und seinen Kumpel mit zu einer Notunterkunft. Dort wiesen ihn Mitarbeiter auf das Arztmobil der Caritas hin, das regelmäßig Notunterkünfte, Suppenküchen oder bestimmte Parks anfährt. Das sucht er jetzt regelmäßig auf und lässt sich seine Füße verbinden. „Die teure Salbe und die Bandagen – das kann ich gar nicht bezahlen“, sagt er. „Hier werde ich gut versorgt – und als ganz normaler Mensch behandelt.“ (Birgit Wilke)

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