Zum Thema: Dr. Werner Scholze-Stubenrecht

„Der Anstand und die Heiligkeit des Ortes verbieten das Ausspucken in der Kirche“

Dr. Werner Scholze-Stubenrecht,
Programmleitung Duden

Als Junge bewunderte ich meine viel ältere Cousine M., weil sie, eine durchaus fromme und gottesfürchtige Frau, ein Schild mit obiger, etwas skurril anmutender Aufschrift in ihrem Zimmer aufgehängt hatte und mir augenzwinkernd anvertraute, das habe sie aus einer Wallfahrtskirche „mitgehen lassen“. Ich vermute heute, dass der wohl in früheren Zeiten notwendige Hinweis eher aus einem Trödelladen stammte; zu jener Zeit glaubte ich ihr den Diebstahl, der durch die „Heiligkeit des Ortes“ seine besondere Verruchtheit gewann.

Das Wort „heilig“ war mir bekannt und vertraut: Von der Heiligen Dreifaltigkeit, dem Heiligen Geist, dem Heiligen Vater und dem Heiligen Stuhl, von der Heiligen Jungfrau und von den Heiligen im Himmel hatte ich gehört, die heilige Erstkommunion lag bereits hinter mir, und oft hatte ich schon im Vaterunser die Worte „geheiligt werde dein Name“ gesprochen. Das dritte Gebot lernte ich in der Form „Gedenke, dass du den Sabbat heiligst“, wo das Verb „heiligen“ auch in sprachlich moderneren Fassungen wie „Du sollst den Feiertag heiligen“ erhalten geblieben ist. Wahrscheinlich waren mir im Geschichtsunterricht auch schon die Heiligtümer der alten Griechen, Römer und Germanen begegnet, und vielleicht hatte ich mich gelegentlich darüber gewundert, dass manche Menschen statt vom „heiligen Georg“ oder von „Sankt Georg“ in wohl unbewusster Verdoppelung vom „heiligen Sankt Georg“ sprechen.

Dass „heilig“, wie es der Duden umschreibt, „im Unterschied zu allem Irdischen göttlich vollkommen und daher verehrungswürdig“ heißen kann, oder auch „von göttlichem Geist erfüllt, göttliches Heil spendend“, oder in weiterer Bedeutungsnuance „durch einen göttlichen Bezug eine besondere Weihe besitzend“, wird mir sicher nicht explizit, aber zumindest annähernd als vage Vorstellung gewärtig gewesen sein.

Viel später, als die Sprachwissenschaft zu meinem Beruf geworden war, las ich in den etymologischen Nachschlagewerken, dass der Ursprung des Wortes, das uns immerhin schon im Althochdeutschen und in gotischer Runenschrift begegnet, nicht ganz gesichert ist. Es mag von einem untergegangenen germanischen Substantiv mit der Bedeutung „Zauber, günstiges Vorzeichen, Glück“ hergeleitet und so mit dem heutigen Substantiv „Heil“ verwandt sein, das unter dem Einfluss des Christentums auch im Sinne von „Erlösung von den Sünden, Gewährung der ewigen Seligkeit“ gebraucht wurde. Für möglich halten die Sprachwissenschaftler aber auch eine Bildung zu dem Adjektiv „heil“ in der Bedeutung „gesund, unversehrt; gerettet“.

Im gegenwärtigen Sprachgebrauch kennen wir nicht nur das Adjektiv „heilig“, das Verb „heiligen“ und die Substantive „Heiliger“, „Heiligkeit“ und „Heiligtum“. Zu der in den Wörterbüchern dokumentierten Wortfamilie gehören auch „unheilig“ (ein eher veraltetes Wort, das aber als Name einer erfolgreichen Band wieder Aktualität gewonnen hat), „entheiligen“ und „heiligmäßig“.

Unter den Zusammensetzungen ist der „Heiligenschein“ nicht nur aus Malerei und bildender Kunst bekannt. In bildhaftem Sprachgebrauch wird das Wort nicht selten ironisch verwendet:

„Vielleicht sollten die christlichen Politiker beim Zurechtrücken ihres Heiligenscheins wieder mal in der Bibel nachlesen“, heißt es polemisch in einem kritischen Zeitungsartikel, in dem es um Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit in der Politik geht. Dazu passt, dass wir durch einfache Vertauschung der Wortbestandteile von „Heiligenschein“ den „Scheinheiligen“ erhalten, der zum durchaus negativ besetzten Adjektiv „scheinheilig“ gehört. Die Mehrdeutigkeit des Wortes „Schein“, das „Abglanz, Licht“ ebenso wie „Trugbild, Unwahrheit“ ausdrücken kann, macht diese sprachliche Nähe von Gut und Böse möglich.

Da „heilig“ zu den im Deutschen relativ häufig gebrauchten Wörtern gehört, war und ist es anfällig für Bedeutungs- und Gebrauchserweiterungen, die sich nicht zuletzt in einer deutlichen Profanisierung ausdrücken. Ganz ungeniert verwendet es die informelle Umgangssprache in Formeln der Überraschung oder des Ärgers wie „Heiliges Kanonenrohr!“, „Heiliger Strohsack!“, „Heiliger Bimbam!“ – der Ursprung solcher Vereinnahmung liegt wohl in der frühen Verwandtschaft von Heil- und Segenswünschen mit Zauber-, Beschwörungs- und Verwünschungsformeln.

Ander Formen der Profanisierung stellen „heilig“ zu Alltagsdingen, die uns besonders wichtig sind: „Opas Mittagsschlaf ist ihm heilig“ heißt nur, dass Störer mit heftigen Reaktionen rechnen müssen, und wenn vom „heiligen Rasen“ eines Fußballstadions die Rede ist, dann soll dieser Spielort als etwas ganz Besonderes, Ehrfurchtgebietendes charakterisiert werden. Wer etwas „hoch und heilig“ verspricht, will seine Wahrhaftigkeit und Zuverlässigkeit sprachlich hervorheben, und wenn wir jemandes Verhalten oder Äußerung mit „O heilige Einfalt!“ kommentieren, dann unterstellen wir ihm oder ihr höchste Naivität und Unwissenheit.

Sprechen wir redensartlich von „heiligen Kühen“, meinen wir – meist in kritischer Distanz – das, was anderen als unantastbar, besonders wertvoll gilt. Dem liegt die konkrete Verehrung dieser Tiere in hinduistischen Religionen zugrunde, die angesichts der in vielen ländlichen Gegenden Indiens überlebenswichtigen Rolle der Rinder als Lieferanten von Milch, Leder, Dünger und Brennstoff sehr plausibel ist.

Rechtfertigenden Charakter misst man dem Wort „heilig“ bei, wenn man behauptet, in seinen „heiligsten Gefühlen“ verletzt zu sein und sich deshalb in „heiligem Zorn“ zur Wehr setzt, dies vielleicht sogar als seine „heilige Pflicht“ ansieht. Spätestens wenn dann ein „heiliger Krieg“ zum Vorwand für Mord und Selbstmord wird, dürfte das in unserem Kulturkreis auf Unverständnis und Ablehnung stoßen.

Dieser noch keineswegs vollständige Überblick zeigt, wie breit gefächert unser sprachlicher Umgang mit dem Wort „heilig“ heute ist. Nehmen wir diese Vielfalt als Chance, es vielleicht ein wenig bewusster als bisher zu gebrauchen.

Heilige sind Wegweiser zum Leben

Weihbischof Otto Georgens

„Berufen zur Heiligkeit“. Ich weiß, in manchen Ohren klingt das provozierend, doch im Grunde ist es eine Kernaussage des Zweiten Vatikanischen Konzils: Wir Christen sind zur Heiligkeit berufen. Diese Berufung verbindet uns alle: Bischöfe, Priester, Ordenschristen, Laien … Anders gesagt: Alle Getauften und Gefirmten sind zur Heiligkeit berufen – nach dem Vorbild der Heiligen, die uns Wegweiser zum Leben sind.

Doch wer von uns bringt schon diesen Satz über seine Lippen: Ich bin berufen zur Heiligkeit?

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