Kultur

Donnerstag, 25. Februar 2016

Die Menschenrechte der Gefolterten

Vor 425 Jahren wurde Friedrich Spee geboren

Friedrich von Spee. Foto: wikipedia

Für die pflichteifrigen Richter und Inquisitoren, aber auch für die verantwortlichen Bischöfe und Landesfürsten ist es eine unerhörte Provokation: Das Werk „Cautio Criminalis“ (zu deutsch etwa „Vorsicht beim Prozess!“) wird 1631 auf dem Höhepunkt der Hexenverfolgungen anonym veröffentlicht. Die Spitzel der Inquisition bringen bald heraus, wer der Autor dieser Streitschrift ist: der Paderborner Jesuit und Moraltheologe Friedrich von Spee.

Spee ist als Verfasser frommer Betrachtungen und eingängiger Kirchenlieder geschätzt und als Querdenker gefürchtet. Seinen Lehrstuhl hatte er ein Jahr zuvor bereits verloren; das Pamphlet gegen die Hexenverfolgung wird ihm nun wohl endgültig den Hals brechen. Erstaunlicherweise steht der Jesuitenorden zu seinem rebellischen Mitglied, wenn auch nur halbherzig: Spee wird 1633 nach Trier versetzt und nicht zu den letzten Gelübden zugelassen, aber auch nicht ausgestoßen. Zwei Jahre später stirbt er dort, nachdem er sich bei der Pflege der Opfer des Dreißigjährigen Krieges an einer Seuche angesteckt hatte.

Friedrich von Spee stammte aus altem Adel: Am 25. Februar1591 – vor 425 Jahren – kam er als Sohn eines Burgvogts in Kaiserswerth bei Düsseldorf zur Welt. Erzogen in der renommierten Kölner Jesuitenschule Tricoronatum, trat er dort in den Orden ein und träumte von einem abenteuerlichen Leben in den indischen Missionen. Doch die Jesuiten sahen den Schwerpunkt ihrer Arbeit im von Glaubenskämpfen zerrissenen Deutschland. Spee sollte als Moraltheologe in Köln die geistige Auseinandersetzung mit der Reformation führen. Er muss ein eindrucksvoller Lehrer gewesen sein. Ein aus seinen Vorlesungen zusammengestelltes Handbuch erlebte mehr als 200 Auflagen. Doch schon begann man sich über seine Ansichten zu beschweren. 1628 wird er ins niedersächsische Peine versetzt.

Spees Vorlesungen kennt heute keiner mehr – ganz im Gegensatz zu seinen zahllosen Kirchenliedern. „Zu Betlehem geboren“, „Als ich bei meinen Schafen wacht“, „Lasst uns erfreuen herzlich sehr“, „Ihr Freunde Gottes allzugleich“ – alles Werke des vielseitig talentierten Barockpoeten. Nicht zu vergessen natürlich sein unsterbliches Adventslied: „O Heiland, reiß die Himmel auf“. Dort heißt es unter anderem „Wo bleibst du Trost der ganzen Welt Darauf die Welt all Hoffnung stellt? O komm! ach komm! vom höchsten Saal, Komm tröst uns hie im Jammertal.“

Der leidenschaftliche Ruf nach dem Retter darf durchaus als Schrei der unschuldig Inhaftierten, Gefolterten und Verbrannten jener Tage verstanden werden. Denn ihre Not hatte Spee als Seelsorger und Beichtvater kennengelernt. Anders als die Theoretiker der Hexenjagd, denen er vorwarf, in ihren Studierstuben merkwürdige Gedanken zu spinnen, ging er in die Gefängnisse, begleitete Verurteilte zum Richtplatz, studierte Akten und Verhörprotokolle und sprach mit den Richtern.

Seine Ergebnisse fasste er in der „Cautio Criminalis“ zusammen: „Persönlich kann ich unter Eid bezeugen, dass ich jedenfalls bis jetzt keine verurteilte Hexe zum Scheiterhaufen geleitet habe, von der ich unter Berücksichtigung aller Gesichtspunkte aus Überzeugung hätte sagen können, sie sei wirklich schuldig gewesen.“

Spee klagt die Menschenrechte der unzähligen Gefolterten und ums Leben Gebrachten ein und fordert eine faire Gerichtsprozedur. Mit seiner Verteidigung der Menschenwürde der Inhaftierten bringt er sich in höchste Lebensgefahr. Aufrechte Theologen und Dorfpfarrer, die sich ebenfalls vor die Opfer des Massenwahns gestellt hatten, waren oft genug selbst vor Gericht gezerrt und als Teufelsbündler hingerichtet worden.

Aber: Die Verfolgungen ebben nach der Veröffentlichung der Streitschrift ab. Anfang des 18. Jahrhunderts beruft sich der große Aufklärer Christian Thomasius ausdrücklich auf Spee. Doch erst 1755 wird in Deutschland die letzte Hexe hingerichtet. (red)

Redakteur:  Redaktion

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