Kultur

Donnerstag, 06. Juli 2017

Geistesgrößen für immer bewahrt

Literaturarchiv in Marbach am Neckar – Sammler der Dichter und Denker

Das Schiller-Nationalmuseum und das Literaturmuseum der Moderne in Marbach sind zentrale Orte für die deutsche Literatur. Foto: actionpress

Literatur ist harte Arbeit, weniger Geistesblitz und Musenkuss. Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach zeigt, wie Schriftsteller gearbeitet haben und will neue Forschungstrends setzen.

Die Nachlässe sind in 44000 grünen Kästen abgelegt. Eng bekritzele Papierzettel. Handschriftliche Entwürfe mit Streichungen oder eingefügten Worten. Tintenkleckse und Eselsohren auf vergilbten Blättern. Zitterige Schreibmaschinenschrift. So sieht Literatur im Entstehungsstadium aus. Wie wie Schriftsteller gearbeitet haben vom ersten Satz bis zum fertigen Buch, lässt sich im baden-württembergischen Marbach am Neckar beobachten.

In der Geburtsstadt von Friedrich Schiller (1759-1805), auf einem Hügel mit Blick über das Tal des Neckarstädtchens, befindet sich das Deutsche Literaturarchiv Marbach. Dem 1955 gegründeten Institut kommt eine ganz besondere Aufgabe zu: Es ist das Archiv der deutschen Geistesgrößen. „Wir sammeln deutschsprachige Literatur und Philosophie von 1750 bis zur Gegenwart in allen ihren Erscheinungsformen“, sagt Archivleiter Ulrich von Bülow.

Sammeln, ordnen, erschließen und die schriftlichen Quellen Forschern und Literaturinteressierten zugänglich machen: Es ist eine Mammutaufgabe, die sich das größte Literaturarchiv in freier Trägerschaft in Deutschland gesetzt hat. Das weitläufige Ensemble besteht aus vier Einheiten: dem Deutschen Literaturarchiv, dem 1903 eröffneten Schiller-Nationalmuseum, dem Literaturmuseum der Moderne und dem Collegienhaus – einem Gästehaus.

Die gesamte Einrichtung wird vomVerein Deutsche Schillergesellschaft getragen und hat rund 280 Mitarbeiter. Finanziert wird sie zu 95 Prozent aus Mitteln des Bundes und des Landes Baden-Württemberg.
Das unterirdische Archiv ist mehr als 2000 Quadratmeter groß. Hier schlummern gut gekühlt in 44000 grünen Kästen rund 1400 Sammlungen, Nachlässe sowie Materialien, die Schriftsteller dem Archiv schon zu Lebzeiten überlassen haben. All die großen Namen deutscher Literatur und Geistesgeschichte sind vertreten, von A wie Ilse Aichinger bis Z wie Carl Zuckmayer.

Auch die schriftlichen Hinterlassenschaften von Literaturkritikern, Übersetzern sowie die Archive namhafter Verlage werden in den langen Gängen gehütet. Zum Fundus kommen noch 450 000 Bilder und Objekte hinzu, vor allem Autorenporträts, Gemälde und Fotografien – und eine stattliche Totenmaskensammlung.

Die Glanzperlen aus dem Literaturarchiv zeigt nicht nur die Dauerausstellung über das schwäbische Dichtergenie im Schiller-Nationalmuseum. Ein paar Meter weiter präsentiert das 2006 eröffnete Literaturmuseum der Moderne neben Wechselausstellungen seine Dauerausstellung „Die Seele“: Rund 300 Exponate aus den Beständen des Literaturarchivs werfen Schlaglichter auf Autoren und ihr Werk aus dem 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart.

In Glasvitrinen liegen handschriftliche Entwürfe, so auch Franz Kafkas erstes Manuskriptblatt zu seinem Roman „Der Prozess“ von 1914. Spannend zu sehen, wie Kafka an der berühmten Eingangszeile feilte. „Jemand musste Josef K. verläumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Interessant ist eine kleine, aber wichtige Änderung in der handschriftlichen Urfassung: Kafka hatte „gefangen“ geschrieben, dieses Wort dann aber gestrichen und „verhaftet“ darüber gesetzt.  

„Verhaftet“ sei in seinem Bedeutungsgehalt viel stärker, erklärt Magdalena Schanz, die stellvertretende Leiterin der Museen. In diesem Wort schwinge das Gefühl der Willkürlichkeit mit, die der kleine Mensch „K“ verspürt. Er sieht sich dem intransparenten Handeln einer großen, unheimlichen Behörde ausgeliefert.
Immens sei die Herausforderung, Literatur in einer digitalen Welt mit sich wandelnden Technologien für zukünftige Generationen zu erhalten, sagt Archivdirektor Bülow. „Wir speichern für die Ewigkeit“, nennt er das Ziel. Das Literaturarchiv wolle auch Ideen in die Forschung geben und neue Trends setzen, ergänzt Marcel Lepper, der Leiter des Forschungsreferats.

Auch aus Kapazitätsgründen könne und wolle das Literaturarchiv nicht alle Objekte erwerben oder übernehmen, die ihm angeboten werden. Oftmals seien deutschsprachige Bestände in ihren Herkunftsländern besser aufgehoben. „Es geht um das Wissen, nicht um das Besitzen“, sagt Lepper. Sinnvoll sei es, etwa Archiven in Israel bei der Pflege und Erforschung ihrer Bestände von deutschsprachigen Schriftstellern wie Kafka und seines Freundes Max Brod zu helfen.

Niemals könne man ein schriftstellerisches Werk voll und ganz ergründen, sagt Literaturwissenschaftlerin Ellen Strittmatter, die Leiterin der Museen. Literatur sei wie eine Zeitkapsel: „Man öffnet etwas, und mit etwas Glück kann man sich über einen guten Fund freuen." (Alexander Lang, epd)

Informationen
Das Schiller-Nationalmuseum und das Literaturmuseum der Moderne sind dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr geöffnet, montags geschlossen, außer an Feiertagen. Der Lesesaal der Bibliothek ist montags bis freitags von 8.30 bis 20 Uhr sowie samstags von 10 bis 17 Uhr geöffnet.
Noch bis zum 6. August ist im Literaturmuseum der Moderne die Schau „Rilke und Russland“ zu sehen: Sie präsentiert Zeugnisse der Rilkeschen Russland-Faszination, die unter anderem aus dem Rilke-Archiv in Gernsbach sowie aus russischen Museen stammen. Ab 21. September nimmt die Ausstellung „Die Familie“ die spezielle Form der Dichter-, Künstler- und Gelehrtenfamilie in den Blick. Der Eintritt zu den Museum kostet für Einzelbesucher 9 Euro, ermäßigt 7 Euro, für Familien (2 Erwachsene und Kinder bis 12 Jahre): 18 Euro. Gruppen (ab 10 Personen ): 7 Euro / Person.

Redakteur:  Redaktion

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