Im Wortlaut

Mitten im Tag ein Fest der Auferstehung – Von Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann

Liebe Schwestern und Brüder,

„Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung.“ Bei diesem neueren Kirchenlied kommen mir unmittelbar Menschen, Augenblicke, Bilder vor Augen. Zum Beispiel der Schüler, der mir erzählt hat, wie schrecklich er über Wochen hin gemobbt und bedroht wurde, so dass die Angst sein täglicher Begleiter war. Bis jemand aufgestanden ist und sich zu ihm gestellt hat und sie gemeinsam Licht in das dunkle Treiben gebracht haben. Da verlor die zerstörerische Macht ihre ganze Bannkraft – und die Täter wurden in ihrer eigenen Erbärmlichkeit offenbar.

Oder der Augenblick, an dem die Nachricht kam, dass der Tumor bei jemandem, der mir sehr viel bedeutet, nicht bösartig war – nach schier endlosen Tagen des lähmenden Wartens auf den Befund. Da wurde mir wieder einmal anschaulich klar, was das heißt, „im Schatten des Todes zu sitzen“ – und welche Lebensfreude eine einzige gute Nachricht wecken kann.

Und da sind nicht zuletzt die Bilder meines ersten Besuches bei der somalischen Familie, Großmutter, Mutter und acht Kinder – das kleinste ist erst einige Monate alt –, die in eine der Wohnungen im Bischofshaus eingezogen ist. Was für eine Dankbarkeit schlug mir da entgegen! Und ich konnte nur an Hand der schrecklichen Nachrichten erahnen, die uns ja schon seit Jahren aus diesem Land im Dauerkrieg erreichen, was diese jungen Gesichter in ihrem Leben schon alles gesehen und durchgemacht haben. Diese selben Gesichter, ihre leuchtenden Augen, sind mir in diesem Jahr ein besonderer Wegweiser auf Ostern hin.

Unvergesslich sind mir aber auch die Momente, in denen es, irdisch gesehen, keinen Erfolg, keine Rettung gab – und die doch ein Fest der Auferstehung waren. Ich erinnere mich noch so gut wie gestern an einen meiner ersten Krankenbesuche als junger Kaplan. Als Kind hatte ich meine Oma kurz vor dem Osterfest verloren. Ich war zuhause gerade begeisterter Messdiener, sollte aber nach der Beerdigung bis zum Osterfest im Haus meiner Oma im Rheinland bleiben. Es war in diesen Tagen vielleicht mein erstes tieferes Erleben dessen, was der Tod bedeutet – und welche existentielle Bedeutung die Feier der Kar- und Ostertage entfalten kann.

Viele Jahre danach, als ich gerade in Paderborn mein Studium begonnen hatte, wurde ich ein zweites, einschneidendes Mal mit dem Sterben konfrontiert, und zwar durch den tragischen Tod meines damaligen Heimatpfarrers. Er war ein sehr sportlicher Mensch, der auf einmal schwer erkrankte. Als Jugendlicher in der heimatlichen Diasporagemeinde, zumal als jemand, der wie er Priester werden wollte, war ich nahe mit seinem Leidensweg verbunden. Das waren unvergessliche gemeinsame Stunden, die dem jungen Abiturienten das Herz öffneten Diese beiden einschneidenden Erlebnisse bildeten bis dahin meine einzigen unmittelbaren Erfahrungen mit dem Tod.

Nun wurde ich zum ersten Mal als Priester zu einer Sterbenskranken gerufen. Ich erinnere mich noch genau an das durchdringende Gefühl der Ohnmacht auf dem Weg ins Krankenzimmer. Ich legte mir die Worte zurecht – und verwarf sie sofort wieder. Angekommen erwartete mich jedoch etwas ganz anderes: eine vollends bewusste und gefasste Frau, die in ihrer Sterbestunde mich jungen, unsicheren Kaplan mit ihrem ungebrochenen Glauben zutiefst getröstet hat. Ich habe ihr noch die Hand gehalten bis zum letzten Atemzug – und es erschüttert mich noch heute, wie ihr Tod in meinem Erleben zumindest für einen tief berührenden Augenblick ein Fest der Auferstehung war. Viel später, beim Tod meines eigenen Vaters ist es mir ähnlich ergangen.

So ist mir immer klarer geworden, dass das Geheimnis der Auferstehung nicht an den Wunden dieser Welt vorbei ergründet werden kann. Es offenbart sich nicht erst jenseits dieses Lebens, sondern mitten darin. Und nur die Liebe, die den Wunden und Leiden nicht ausweicht, weist den Weg ins Leben. Der Auferstandene ist kein anderer als der Gekreuzigte. Eine Gesellschaft, die dem Blick des Gekreuzigten (und mit ihm aller Leidenden) ausweicht und die meint, durch Abschottung und Grenzziehung irgendeinen Konflikt dieser Welt lösen zu können, lässt sich nicht von der Zuversicht ins Leben, sondern von der Angst vor einander leiten. Wer den Nächsten in Not, wer immer es auch sei und woher er auch komme, nicht als seinen Bruder oder seine Schwester erkennt, wer unfähig wird zum Mitempfinden, zum Mitleiden, der verweigert nicht nur dem anderen die notwendige Menschlichkeit, er tötet sie auch in sich selber.

Es gibt keinen christlichen Weg der Hoffnung an dem Gekreuzigten vorbei. Das müssen die Jünger erkennen, denen der Auferstandene seine Wundmale entgegenhält. Nur die Liebe öffnet die Augen für die Wahrheit der Auferstehung. Der Verstand lässt sich von allem, was dagegen zu sprechen scheint, beeindrucken. Nur die Liebe bleibt beim Anderen – bis ins Letzte. Wie Maria Magdalena. Und genau dadurch wird sie zur ersten Zeugin der Auferstehung. Die Liebe ist immer konkret. Der Auferstandene erscheint nur den „auserwählten Zeugen“, nur denen, deren Herz durch den Anblick des Gekreuzigten geöffnet wurde.

Von den Krankenstationen und Hospizen höre ich immer wieder, dass Angehörige zu den Schwestern und Pflegern sagen: Bitte, benachrichtigen Sie mich, wenn mein Angehöriger gestorben ist. Sie wollen oder können nicht beim Sterbenden bleiben und seinen Anblick ertragen. Und nach dem Sterben wird vielfach auf eine schnelle Abholung des Leichnams gedrängt. Sie wollen oder können nicht mehr mit dem Toten zusammenwohnen und ihn so aus ihrer Mitte verabschieden. Und manchmal beschleicht mich das große Unbehagen, dass mit den vielen Verbrennungen, die heute üblich sind, – ohne dass ich hier über den Einzelfall urteilen möchte, vor dem ich hohen Respekt habe – auch eine eigentümliche Vorstellung einer „sauberen Lösung“ miteinhergeht, als ob der Tod des anderen, seine „körperliche“ Anwesenheit, etwas Ansteckendes haben könnte.

Die Angst vor der „Ansteckung“ durch die Not des Anderen bringt nicht nur eine inhumane Gesellschaft hervor. Sie gibt dem Tod erst seine Macht – und will man ihn noch so sehr verdrängen und ans Ende schieben, umso unheimlicher ist er allgegenwärtig. Wer das Kreuz aus dem privaten wie dem öffentlichen Raum entfernen will, beseitigt letztlich nicht den Tod, sondern das Leben. Überall aber, wo Menschen nicht wegsehen, sondern die Hand ausstrecken und die Wunden dieser Welt berühren, wo sie die Hand reichen und die Liebe siegt, feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung.

Diese Freude wünscht Ihnen aus ganzem Herzen

Ihr Bischof
Karl-Heinz Wiesemann

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