Im Wortlaut

Predigt im Gottesdienst zum pilger-Agenturfest 2015

am 05. September 2015 von Weihbischof Otto Georgens

„Der Himmel ist voller Menschen, die reisen“, sagt Timothy Radcliffe. Man könnte genauso gut sagen: Die Erde, die Welt ist voller Menschen, die reisen. Unsere Reisen sind oft Symptome einer Suche, einer vagen Hoffnung. Manchmal fällt es schwer, eine klare Trennlinie zwischen Tourismus und Pilgerfahrt zu ziehen. 5 Millionen Menschen besuchen Lourdes pro Jahr, 2 Millionen Fatima. Während der Sommermonate machen sich 6000 Jugendliche auf den Weg nach Taizé. Europa ist kreuz und quer durchzogen mit Pilgerwegen. Das Pilgern als Ausdruck des Glaubens teilen wir mit Muslimen, die nach Mekka, mit Hindus, die nach Varanasi, Schintoisten, die zum Berg Fuji, und allen Gläubigen, die sich auf Abraham berufen und nach Jerusalem ziehen.

Sich pilgernd auf den Weg machen ist verwurzelt in unserer menschlichen Natur. Es kann Ausdruck einer tiefen religiösen Überzeugung sein, aber ebenso Auszeit und Freiraum für diejenigen, die unsicher sind und hoffen, irgendetwas auf der Strecke selbst oder an ihrem Ende zu finden. Unzählige sind auf dem Weg nach Santiago de Compostela. Oft sind sie zögerlich, wenn es um ihren Glauben geht, und stehen der Lehre der Kirche eher misstrauisch gegenüber. Aber sie sind überzeugt davon, dass sie eine Reise machen müssen. Statistisch gesehen mögen sie keiner Kirche angehören und es auch wenig reizvoll finden, am Sonntag zum Gottesdienst zu gehen. Aber sie fühlen sich gut, wenn sie am Schrein ankommen und dort die Statue des heiligen Jakobus umarmen, der wie sie als Pilger gekleidet ist.

Für unsere Vorfahren war Pilgern notgedrungen eine strapaziöse Angelegenheit. Sie hatten keine Wahl. Der moderne Pilger kann es sehr viel bequemer haben. Trotzdem entscheiden sich Millionen für den Fußweg oder das Fahrrad. Ohne Fleiß kein Preis, sagt man wohl. Dante bezeichnet Jakobus den Patron der Pilger, als Apostel der Hoffnung. Nach Thomas von Aquin bezieht sich die Hoffnung auf ein „bonum futurum arduum possibile“, ein zukünftiges Gut, das schwer, aber nicht unmöglich zu erreichen ist. Jungen Menschen können wir nur etwas von unserem Glauben vermitteln, wenn wir bereit sind, mit ihnen unterwegs zu sein – ganz wörtlich bisweilen, aber mehr noch im übertragenen Sinn.

Den Pilgerreiz, der allen Menschen in den Beinen steckt, gilt es zu hegen und zu pflegen. Er ist Ausdruck einer zumindest impliziten Hoffnung. Wir sind wie Schwalben, die sich danach sehnen, fortzuziehen, wenn der Frühling kommt, oder wie die Lachse, gepackt vom tiefen Bedürfnis, stromaufwärts nach Hause zu schwimmen. Darum faszinieren Geschichten wie „Der Herr der Ringe“ so viele Menschen. Sie berühren einen tiefen Hunger, sich auf Abenteuer zu begeben, wie Bilbo, der rast- und ruhelos einfach nicht sesshaft sein kann. Wir müssen mit den Menschen gehen, wie Jesus mit den Jüngern nach Emmaus gegangen ist, selbst wenn sie, wie die Jünger, mitunter in die falsche Richtung zu marschieren scheinen.

Unsere christlichen Vorfahren lebten inmitten einer Geschichte, die zurückschaute auf die Schöpfung und nach vorn blickte auf das Gottesreich. Wir kommen von Gott und kehren zu ihm zurück. Pilgerfahrten waren Ausdruck dieser Hoffnung. Unsere Gesellschaft tickt anders. Aber auch das Vertrauen in säkulare Hoffnungen ist sehr viel schwächer geworden. Wir gehen nicht länger zusammen auf eine gemeinsame Bestimmung zu.

Sind uns Menschen des 21. Jahrhunderts die Träume von einer besseren Zukunft abhanden gekommen? Hugh Rayment-Pickard schreibt: „Um uns herum sehen wir New-Age-Religionen, die eine individualistische Frömmigkeit und sofortige Befriedigung bieten; eine Gesellschaft, die getrieben ist vom Konsum, ein Streben nach unmittelbarer Kommunikation, ein Misstrauen gegenüber aller Ideologie; ein kurzfristiges Denken in der Politik; Wahlmüdigkeit; und christliche Kirchen, die immer mehr aufgesogen werden von Fragen der inneren Organisation … Der Glaube der Moderne, dass wir die Welt besser machen können, wird schwächer. Die Gegenwart ist unser neuer Zeithorizont, unser sicherer Hafen im Ozean der Zeit.“

Eine völlig andere Logik liegt dem Lied „Pilger sind wir Menschen“ zu Grunde, das Diethard Zils nach einer Melodie von Edward Elgar gedichtet hat. Gerade die dritte Strophe dieses Liedes reißt einen neuen Horizont auf. Sie lautet: „Land der großen Hoffnung, Zukunft die uns winkt, Gott in unserer Mitte, Sonne, die nicht sinkt. Gott schenkt uns Vertrauen und ein Arbeitsfeld. Er will mit uns bauen eine neue Welt.“ Ich liebe dieses Lied, weil es den Zeithorizont der Gegenwart sprengt und die Hoffnung auf ein Ziel wach hält, an dem unsere Sehnsucht Erfüllung findet. Es ist der Pilger, der Mensch unterwegs, der die Hoffnung nährt: „Wir haben hier keine Stadt, die bestehen bleibt, sondern wir suchen die künftige“ (Hebr 13,14).

Der Seelsorger und Lyriker Andreas Knapp legt allen Pilgern folgende Wegweisung ans Herz:

Pilgerwegweisung

lass karten und navi daheim
lerne fragen und vertrauen
bleib stets unterwegs
zwischen steinen und sternen
so lange du andern noch was nachträgst
gehst du noch nicht deinen eigenen weg
wandernd lebe nicht auf großem fuß
sondern von der hand in den mund
brich nicht deinen wanderstab
über deinen irrwegen
trag nicht zu schwer an dir selbst
mit einem ölzweig kann man fliegen
von ziel zu ziel
wird der weg dir wesentlicher
dein fernweh aber bleibt
dein treuer pilgerführer bis nach hause

 

 

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