Marxist ist er, gewiss; so verstand er sich jedenfalls selbst zeitlebens: Ernst Bloch aus Ludwigshafen (1885 bis 1977), der Philosoph mit jüdischen Wurzeln in einem christlichen Umfeld. Aber passt er wirklich so eindeutig in diese Schublade „Marxismus“? Ist es bei ihm so einfach mit der dem Marxismus eigenen Implikation des Atheismus? Da muss mehr sein – ein religiöser, jüdisch-christlicher Marxist etwa? Wieso wurde sonst sein Denken – bei aller klaren Kritik und deutlichen Abgrenzung – von namhaften Theologen aufgegriffen? Am 8. Juli jährte Ernst Blochs Geburtstag zum 125. Mal, das Ernst-Bloch-Zentrum in Ludwigshafen, das sein philosophisches Erbe bewahrt, besteht seit nunmehr zehn Jahren.
Als Sohn jüdischer Eltern wächst Ernst Bloch in der aufstrebenden Industriestadt auf – die BASF bestand am Tag seiner Geburt bereits zwanzig Jahre und veränderte das Leben des kleinen Städtchens in der Pfalz, die zu Bayern gehörte; die Verschiedenheit zwischen dem von der neuen „Arbeiterklasse“ geprägten Ludwigshafen und dem bürgerlichen Mannheim beschäftigt ihn sehr, wie er später bekennt. Nach dem Abitur 1905 studiert er Philosophie in München und Würzburg, in seiner Promotion 1908 kam schon die „Idee der Utopie“ zum Tragen, die mit dem „Prinzip Hoffnung“ seinen Marxismus bestimmt. Er geht nach Berlin, wo er sich mit Georg Lukacs anfreundete, in Heidelberg schließt er sich 1911 dem Kreis um Max Weber an. Im Ersten Weltkrieg emigriert er in die Schweiz, ab 1918 lebt er als freier Autor vorwiegend in München und Berlin, verfasst sein erstes Werk „Geist der Utopie“. Er schreibt fürs Feuilleton literarische Beiträge. Auch politisch ist Bloch aktiv, im Exil begrüßt er die Russische Revolution und die Weimarer Republik, mit Kommunisten und Sozialisten kämpft er gegen die erstarkenden Nationalsozialisten. Nach deren Machtergreifung 1933 muss er ins Exil, 1938 nach Amerika; dort entsteht unter anderem „Das Prinzip Hoffnung“, sein philosophisches Hauptwerk, dessen drei Bände ab 1954 erscheinen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrt Ernst Bloch nach Deutschland zurück und wird als bekennender Marxist zunächst zum „Star-Philosoph“ der DDR, in Leipzig erhält er 1948 eine Professur. Doch zunehmend wird seine Philosophie angegriffen als „antimarxistisch“ und „revisionistisch“, und Bloch geht seinerseits immer mehr auf Distanz zum Regime, die durch den Einmarsch der Roten Armee in Ungarn 1956 endgültig wird, 1957 erhält er Lehr- und Schreibverbot. Nach dem Bau der Mauer 1961 kehrt er von einer Reise in den Westen nicht mehr in die DDR zurück. Fast achtzig Jahre alt, übernimmt er eine Gastprofessur in Tübingen, der Titel seiner Antrittsvorlesung: „Kann Hoffnung enttäuscht werden?“ Seine Vorlesungen haben gewaltigen Zulauf, eigentlich beginnt jetzt erst seine Wirkung; er ist ein gefragter Gesprächspartner und Vortragsredner, schreibt wichtige Werke wie die „Tübinger Einleitung in die Philosophie“ und das viel beachtete Buch „Atheismus im Christentum. Zur Religion des Exodus und des Reichs“. Auch politisch engagiert er sich als Ideengeber für die Linken. Er erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1967), Ehrendoktorwürden, die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatstadt Ludwigshafen (1970); am 4. August 1977 stirbt er. 1986 wird in Ludwigshafen die Ernst-Bloch-Gesellschaft gegründet, 1997 die Stiftung Ernst-Bloch-Zentrum, das 2000 eröffnet wird: Archiv, Ausstellung über Leben und Wirkung, Ausrichtung von Veranstaltungen, Verleihung des Ernst-Bloch-Preises.
Während ein „klassischer“ Marxist in der Regel auf das Diesseits fixiert ist und hier die Erfüllung seiner Visionen zu finden glaubt, ohne den Ausgriff aufs Jenseits und auf Gott, reicht Ernst Bloch in seiner Philosophie erstaunlich weit ins Metaphysische hinein; der Atheismus hat für ihn viele Leerstellen und Hohlräume, die von gefährlichen Ideologien (wie dem Nationalsozialismus) gefüllt werden (können). Bereits in seinem Werk „Geist der Utopie“ (1918) spricht er vom Noch-Nicht des Künftigen und dem hoffenden Ausgriff dorthin; er folgt Karl Marx in dessen wirtschaftlich-ökonomischen, sozialen Vorstellungen, reklamiert bei ihm aber wesentlich „die neuen, eigentlichsten Abenteuer des freigelegten Lebens, das Wozu“, also die metaphysische, religiöse Dimension der Hoffnung.
Dies greift Bloch in „Das Prinzip Hoffnung“ (veröffentlicht ab 1954) auf, ausgehend von den Fragen „Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wohin gehen wir? Was erwarten wir? Was erwartet uns?“. Bloch entwirft eine grandiose Schau auf Welt und Menschen bis in zahllose Aspekte eines Traums von einer besseren Welt (so der ursprüngliche Titel), der hier und da bereits in aller Unvollkommenheit als erfüllt erfahren wird. Gott gibt er darin keinen Raum, sofern er der gezähmte Gott christlichen Dogmatismus und hierarchischer Strukturen ist, wohl aber wenn er Jahwe ist, der Gott des Exodus, der in die Freiheit führt; es ist – wie Theodor W. Adorno resümiert – eine paradoxe Einheit von Theologie und Atheismus darin, wenn es heißt: „Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor der Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende.“ Wie in „Geist der Utopie“ bereits: Unserer Hoffnung bleibt der in uns reifende, werdende Gott – eine durchaus biblische Sicht, gar im Johannes-Evangelium, bei Paulus und im Buch der Offenbarung (die „Apokalypse“), auf das Bloch oft zurück greift.
„Das Prinzip Hoffnung“ hat, zusammen gelesen mit „Atheismus im Christentum“(1968), eine nachhaltige Wirkung; jetzt arbeitet Bloch die religiösen Wunschbilder von „Das Prinzip Hoffnung“ aus auf ihre Gültigkeit hin: dass das in ihnen enthaltene Streben nach Erfüllung richtig, berechtigt ist. Der Exodus ist Befreiung zum Weg in die Freiheit, und das Reich Gottes ist Reich der Freiheit, das aus Revolution (nicht politisch, sondern biblisch als „Umkehrung“ verstanden) wird. So gehört Theologie durchaus ins Bloch’sche Denken, wohl deshalb bekämpften seine Gegner ihn als „verkappten Metaphysiker“.
So ist es nicht verwunderlich, dass seine Philosophie weit hinein wirkt in die Theologie, vor allem der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, ausdrücklich in der „Theologie der Hoffnung“, in der so genannten „politischen Theologie“ und in der „Theologie der Befreiung“; auf katholischer Seite ist da vor allem Johann Baptist Metz zu nennen. Der wesentlich auf ihn zurück gehende Beschluss der „Gemeinsamen Synode der deutschen Bistümer“ in Würzburg – als Konkretisierung der Aussagen des Konzils auf Gesellschaft und Kirche in Deutschland hin – über „unseren Glauben in dieser Zeit“ mit dem Titel „Unsere Hoffnung“ (1975) liest sich wie eine äußerst differenzierte christliche und theologische Antwort auf „Das Prinzip Hoffnung“; auch vorher bereits die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ (Freude und Hoffnung) des Konzils (1965), die in äußerst bedeutenden Lehrschreiben der Päpste vor- und nachbereitet wurde. Ernst Bloch würde wahrscheinlich seine Wirkung nicht so umfassend sehen, vielleicht sogar ablehnen. Aber sicher ist, dass er die Fragen, die dahin führen, aufgeworfen hat, wenn auch viele seiner Antworten nicht die der Theologie sind. Das Gespräch jedenfalls ist noch längst nicht abgeschlossen. (Klaus Haarlammert)
Ernst-Bloch-Zentrum: Walzmühlstraße 63, 67061 Ludwigshafen; Bibliothek und Verwaltung: Montag bis Donnerstag, 8.30 bis 12 Uhr, 13.30 bis 16 Uhr, Freitag nur vormittags; Dauerausstellung: Dienstag und Mittwoch von 14 bis 17 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr, und nach Vereinbarung; Eintritt 2 Euro, ermäßigt 1 Euro, Führungen (nach Vereinbarung) ebenso. Auskunft und Programm: Telefon 0621/504-2041 oder 504-3041; E-Mail: info@bloch.de – Internet: www.bloch.de
Liebe Schwestern und Brüder, Jesus gibt im heutigen Evangelium auf diese Frage eine provozierend klare Antwort: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes!“ Und: „Keiner, der die Hand an den Pflug legt und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.“ (Lk 9, 60.62) Damit übertrifft Jesus an Radikalität den alttestamentlichen Propheten Elija, der seinen Mantel über Elischa wirft und ihn so zur Nachfolge ruft, aber noch zulässt, dass sich Elischa zuvor von seinen Eltern verabschiedet.
Radikale Aufbrüche geschehen nicht selten aus der puren Not heraus... lesen Sie hier weiter.