Liebe Schwestern und Brüder!
Mit jedem Advent stellt sich die Kirche in das Dunkel eines Neuanfangs. Mit allen Sinnen und Kräften richtet sie sich aus auf das Licht aus der Höhe, das unseren unsicheren Schritten den Weg in die Zukunft erhellt, und erwartet voll Sehnsucht die Ankunft Gottes in unserer Welt. So ruft uns der Prophet Jesaja heute zu: „Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn, und zum Haus des Gottes Jakobs. Er zeige unsseine Wege,... wir wollen unsere Wege gehen im Licht des Herrn.“ (Jes 2, 3.5) Jedes Mal bringt der Advent eine heilsame Verunsicherung mit sich. Wir haben Gottnicht zu Besitz, wir müssen sein Angesicht immer neu suchen und nach seinen Wegen fragen. Wir müssen unser Treiben unterbrechen, damit sein Handeln an unssichtbar wird, seine Ankunft mitten in unserer Welt.
Damit teilen wir das Schicksal der ganzen suchenden und fragenden Menschheit, doch leitet uns dabei die sichere Verheißung: „Der Herr ist nahe!“ Ja, Paulus sagt sogar: „Jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe.“ (Röm 13, 11f) Paulus weiß, auf welchem Hintergrund er solch zuversichtliche, heilsgewisse Worte spricht. Gerade im Römerbrief zeichnet er ein sehr realistisches Bild seiner Zeit, das sich keinerlei Illusionen macht über ihren Zustand. So ruft er seinen Gläubigen zu: „Bedenkt die gegenwärtige Zeit!“ Nur wer vom Schlaf aufsteht, wer sich der Wahrheit in aller Ehrlichkeit stellt, der Wahrheit der Kirche in der Welt von heute, wird auf die Gottesbegegnung vorbereitet sein. Während die Menschen, wie uns Jesus im Evangelium sagt, „in den Tagen vor der Flut aßen, tranken und heirateten“ (Mt 24,38), erkannte Noah als einziger das Zeichen der Zeit. Als einziger blieb Noah wach für den Anruf Gottes.
Damit ist das entscheidende Kriterium genannt: Es geht nicht darum, wie wir uns als Kirche besser und unangefochtener in dieser Welt einrichten können, sondern darum wach zu werden für die neue Chance der Gottesberührung und Glaubensvertiefung. Wir ziehen uns dabei nicht aus der Welt zurück, sondern deuten sie hellwach vonden Möglichkeiten Gottes her, vom Licht seiner Verheißung. Wir wollen nicht, wie im Beispiel des Evangeliums von den Männern auf dem Feld und den Frauen an der Mühle, rückständig bleiben, sondern uns mitnehmen lassen von der Dynamik des Geistes Gottes. Die entscheidende Frage ist: Lassen wir uns in unserem Denken, Wünschen und Handeln, in unseren Projektionen für die Zukunft von Gott, von seinem Geist, vom Einbruch seiner Wirklichkeit unterbrechen? Und: Gilt dasselbe auch für unsere Ängste, Resignationen und Zweifel? Was trauen wir ihm in seiner Kirche zu? Glauben wir dem heiligen Paulus, dass das Heil jetzt in dieser bedrängenden Situation der Herausforderung und des Umbruchs uns näher ist als je zuvor?
Damit der Umbruch zum Aufbruch werde, bedarf es der Unterbrechung von Gott her: „Er zeige uns seine Wege.“ Viele Fragen und scheinbar plausible Antworten stellen sich aus der Gottesperspektive nochmals ganz neu und anders. So möchte ich allen zurufen: „Lasst Euch unterbrechen von Gottes Anspruch, damit Ihr nicht überrascht werdet von der Ankunft des Herrn, sondern jetzt schon sein Heil, seine Verheißung in den Blick für morgen nehmt!“ Daher lade ich Sie alle ein, das heute beginnende Kirchenjahr zu einem Geistlichen Jahr, zu einem Jahr des Innehaltens und des Stillwerdens vor Gott, zu einem Jahr der Neuorientierung auf den Herrn werden zu lassen. Ich habe ein großes Vertrauen in das geistliche Potential unserer Diözese, in die Charismen, die der Herr uns schenkt. Das Diözesane Forum, das vor zwei Wochen getagt hat, war für mich und für viele eine große Ermutigung. Mehr als einhundert Frauen und Männer aus unserer Diözese, Priester und Laien, Haupt- und Ehrenamtliche aus unterschiedlichen Bereichen, haben mit großem Ernst, kritischem Blick und gemeinsamer Liebe zur Kirche um die zukünftige Struktur unserer Pfarreien gerungen und haben am Ende in großer Einmütigkeit die Empfehlung verabschiedet, die ich im kommenden Jahr umsetzen werde. Dabei war jedem bewusst, welche Verantwortung er trägt und wie schmerzhaft notwendige Entscheidungen sein können. Ich habe hier einen neuen Mut, eine neue Zuversicht erfahren. Dafür bin ich sehr dankbar. Wie wichtig ist es also, dass wir uns jetzt gemeinsam geistlich auf den Weg machen, die angezielten Strukturen mit Leben zu füllen, die wichtigen Inhalte, die uns als Christen bewegen, neu aufzunehmen, und aus Gottes Verheißung heraus aus Vertrautem aufzubrechen!
Wir haben bewusst vier Jahre Zeit bis 2015 für diesen gemeinsamen Prozess angesetzt, der auf möglichst breiter Ebene von allen mitgestaltet werden soll. Dazu ist das Geistliche Jahr der Unterbrechung und Neuorientierung auf Gottes Wort und Gottes Gegenwart der erste entscheidende Schritt. Dabei kommt es nicht darauf an, möglichst viele spirituelle Angebote zu organisieren, sondern es geht darum, unser alltägliches Christsein, unser bestehendes Gemeindeleben bewusst an wichtigen Stellen auf Gott hin zu unterbrechen in Augenblicken der Stille, des Gebetes, desgeistlichen Austausches. Das Seelsorgeamt hat hierzu zahlreiche Anregungen undHilfen erarbeitet. So werden an den vier Adventssonntagen Gebetskärtchen ausgegeben, die uns bei der Unterbrechung unseres Alltags auf Gott hin ganz konkret helfen wollen.
Auf dem heutigen Kärtchen steht das Wort „Stille“. Damit können wir uns Tag für Tag daran erinnern lassen, dass wir Gottes Wort und Wirklichkeit nur vernehmen, wenn wir uns bewusst Augenblicke der Stille freihalten.Ich möchte dazu ein Beispiel anführen, das ganz einfach zu verwirklichen ist, aber spürbare Wirkung erzielen kann. Vor dem Tagesgebet in der heiligen Messe wird uns zugerufen: „Lasset uns beten!“ Dann soll eine angemessene Zeit der Stille folgen, damit sich alle bewusst in die Gegenwart Gottes stellen und sich in der Kraft des gemeinsamen Priestertums im stillen Gebet mit allem, was sie bewegt, an Gott wenden. Das Tagesgebet in der heiligen Messe heißt deshalb „Collecta“, weil es die persönlichen Gebete der Gläubigen in dem liturgischen Gebet der ganzen Kirche auf die Feier des entsprechenden Tages hin sammelt. Ich bin überzeugt, dass die bewusste Einhaltung dieser unterbrechenden Stille uns die wirkmächtige Gegenwart Gottes gemeinsam näher bringen kann als so manches, was wir reden und tun.
Im Jahr 2011 feiern wir auch die 950. Wiederkehr der Weihe unseres Domes. Dieses Jubiläum der Mutterkirche unseres Bistums verbindet sich gut mit dem Geistlichen Jahr in der ganzen Diözese. Im Alten Testament war das Jubliläumsjahr, das Jobeljahr, ein Jahr der Brache, also der Unterbrechung. Äcker wurden nicht bewirtschaftet, und man unterbrach sein gewöhnliches, eingeübtes Treiben. Ja noch mehr, der ganze Besitz wurde neu geordnet. Im Jobeljahr fielen alle Ländereien zurück an den einzigen Herrn der Schöpfung und der Geschichte, der das Land neu verteilte.
Das alles beinhaltete eine gewaltige Zumutung an das Volk Gottes, und diese Brache und Umeignung schienen allen vernünftigen und ökonomischen Kriterien zuwider. Musste Israel mit dem Glauben an einen Gott, der so fordernd war, im Konkurrenzkampf mit den umliegenden Völkern nicht hoffnungslos unterliegen, nutzte es doch offenkundig die naturgegeben Ressourcen nicht effizient. Sinnlos konnte der Verzicht erscheinen – und doch hat gerade dieser Verzicht sich als zukunftsmächtiger erwiesen als alles andere. Weil von Gott alles erwartet wurde, konnte das Volk Israel selbst das Exil und die langen Jahrhunderte der Zerstreuung in alle Welt überstehen, während andere Völker längst verloschen sind. Die Zeit derBrache erwies sich als Quelle neuer Fruchtbarkeit, und das immer neue Empfangen des Landes wurde zu einer das Überleben sichernden Ermutigung, Neuland unter den Pflug zu nehmen.
„Kommt“, ruft der Prophet Jesaja uns zu, „wir ziehen hinauf zum Haus Gottes.“ Die Wallfahrt zum Tempel nach Jerusalem war für den frommen Juden Inbild seines ganzen religiösen Lebens, immer neu auf Gott hin aufzubrechen. Und Paulus macht uns deutlich, dass eine solche Wallfahrt uns geistlich umwandelt: „Gottes Tempel – der seid ihr.“ (vgl. 1 Kor 3, 17) Indem wir uns aufmachen aus der Kraft der Verheißung Gottes heraus, werden wir selbst zu dem, wohin wir uns bewegen: zum Tempel des Heiligen Geistes – ähnlich wie wir in der Eucharistie zu dem werden, was wir empfangen: zum Leib Christi. Daher soll unser Domweihjubiläum mit einer großen Wallfahrtswoche zu Beginn des Oktobers gefeiert werden, zu der ich jetzt schon herzlich einlade. Unser Dom ist dabei mehr als ein großartiges historisches Bauwerk. Er ist das Symbol für das himmlische Jerusalem, für die Heimat im Glauben, die uns stärkt, ermutigt und tröstet. Gott schenke uns für unser Geistliches Jahr seinen Segen. Beginnen wir es in der adventlichen Zuversicht: Der Herr ist nahe!
Es segne Euch der allmächtige und liebende Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Ihr Karl-Heinz Wiesemann, Bischof von Speyer