Aus dem Bistum

Mittwoch, 27. Juni 2012

Den Aufbruch des Konzils miterlebt

„pilger“-Interview mit dem früheren Ludwigshafener Dekan Gerd Babelotzky

War bis vor kurzem Dekan in Ludwigshafen: Dr. Gerd Babelotzky. Foto: Heib

Der bisherige Ludwigshafener Dekan Dr. Gerd Babelotzky hat sich am vergangenen Sonntag in den Ruhestand verabschiedet. Mit ihm sprachen wir über Zukunftspläne, seine Arbeit in Ludwigshafen und über Erinnerungen aus seiner Studienzeit in Rom.

Herr Dr. Babelotzky, Sie waren 14 Jahre Pfarrer in Ludwigshafen.
Was war für Sie das Besondere, in dieser Stadt Seelsorger zu sein?

Ludwigshafen ist die größte Stadt im Bistum Speyer und das Dekanat ist das einzige Stadtdekanat darin. In dieser Geschlossenheit liegt Kraft, die sich im partnerschaftlichen Miteinander zwischen protestantischer Kirche, Stadt und Industrie entfalten kann. Zugleich bieten die Ortsteile, wie z. B. Friesenheim, eigene Traditionen und eine fast familiäre Nähe, aus der die Menschen Kraft schöpfen können. Mehr und mehr wird allerdings die multi-kulturelle Zusammensetzung der Bevölkerung zu einer großen Herausforderung.

Wo liegen für Sie Höhepunkte in Ihrer Amtszeit als Dekan des Stadtdekanats Ludwigshafen?
Der erste Höhepunkt war zweifellos der große Ökumenische Kirchentag zur Jahrtausendwende, dem 2007 ein zweiter großer Kirchentag zum Stadtjubiläum von Mannheim folgte, der die Innenstadt fast so füllte wie jetzt der Deutsche Katholikentag. Unseren Beitrag in Höhe von rund 80000 Euro haben wir übrigens ganz aus Spenden finanziert. Faszinierend war für mich die von der BASF initiierte Offensive Bildung in den Kindertagesstätten, bei der wir als Katholische Kirche dank der Kompetenz des Heinrich Pesch Hauses und seiner Mitarbeiterinnen mit unseren Projekten – „Vom Kleinsein zum Einstein“ und „Erzählprojekt“ – regelrecht Furore gemacht haben. Das gemeinsame Fronleichnamsfest, das wir zum Stadtjubiläum mit Tausenden von Leuten im Jahre 2003 in der Innenstadt feierten, war ebenfalls ein schöner Höhepunkt wie auch viele ökumenische Gottesdienste auf Stadtebene bei frohen und traurigen Anlässen. Nicht vergessen will ich die Einrichtung des „Lichtpunktes“, der Passantenseelsorge beim S-Bahnhof.

Die (ökumenische) Zusammenarbeit in der Region war Ihnen stets ein Anliegen – warum?
Weil ich, wie ich manchmal zu sagen pflege, eine protestantische Nische in mir habe. Ich habe über Calvin gearbeitet und kann vieles nachvollziehen, was die Reformatoren damals bewegte. Manches davon könnte und sollte noch mehr Eingang in die katholische Kirche finden. Wenn ich nur an die „Freiheit eines Christenmenschen“ denke, für die Martin Luther plädierte, dann meine ich: ein bisschen mehr davon täte auch uns Katholiken  gut. Da ich nicht erwarte, dass es auf der Ebene der Lehre eine Einigung gibt, gilt es eben praktisch zusammen zu arbeiten und zu leben so gut es geht. Das Zeugnis der Einheit ist ja mit das stärkste Glaubenszeugnis, das wir vor der Welt geben können

Die Fusion der Ludwigshafener Pfarreien nach dem Modell „Gemeindepastoral 2015“ werden Sie nicht mehr vor Ort mitgestalten. Sind Sie da eher erleichtert, oder hätten Sie das noch gerne begleitet?
Dieser Prozess, zu dem es wohl unter den gegenwärtigen Bedingungen kaum eine Alternative gibt, hat schon viel Sorgen, Zweifel und auch Schmerzen mit sich gebracht. Auf der anderen Seite gab es aber auch eine Reihe positiver Erfahrungen beim Zusammenführen der Pfarreien. Sicher bin ich ein Stück weit erleichtert, aber die Herausforderung reizt auch.

Sie haben in Rom studiert, Anfang der sechziger Jahre, und so hautnah das II. Vatikanische Konzil miterlebt: Was war das für eine Zeit, welche Erinnerungen haben Sie daran?
Es war eine ungemein  spannende Zeit. Wir haben Weltkirche live erlebt und waren uns bewusst, an einem historischen Ereignis teilzuhaben. Sehr aufmerksam haben wir den Werdegang der einzelnen Erklärungen und Konstitutionen und die damit verbundenen Auseinandersetzungen verfolgt und genossen es, bekannte Bischöfe, Professoren und auch Politiker aus verschiedenen Ländern hautnah zu erleben. Wir haben frischen Wind und echte Aufbruchsstimmung verspürt.

Hat sich die Kirche vom Konzil wegentwickelt, oder ist sie noch
auf dem Weg der Umsetzung?

Ja und nein. Ich will schon anerkennen, dass uns vieles selbstverständlich geworden ist, was ohne das Konzil nicht möglich gewesen wäre: die Religionsfreiheit z. B., die Muttersprache in der Liturgie, die engagierte Mitarbeit der Laien, neue pastorale Berufe, ein neues Bild von Kirche usw., aber leider gibt es in unserer Kirche auch den Rückwärtsgang, der schon damals begonnen hat, als die Synode der Deutschen Bistümer mit ihren Eingaben in Rom auf eine Mauer des Schweigens stieß. Bernhard Vogel hat das bei der Konzilsgala des Deutschen Katholikentages in erfrischender Weise deutlich gemacht. Und wenn ich an das Drama mit den Piusbrüdern denke, fühle ich mich gar nicht gut.

Nachdem Sie jetzt noch für vier Wochen Ihr „eigener Nachfolger“ sind, haben Sie ab 1. August Ihren Ruhestand vor sich. Was haben Sie sich für den neuen Lebensabschnitt vorgenommen? Welche Hobbys warten auf Sie, wo werden Sie seelsorglich aktiv bleiben?
Ich bin schon jetzt im Ruhestand und habe nur noch die Administration der Pfarreien übernommen. Natürlich werde ich helfen, wo ich gebraucht werde. Aber seit der überaus positiven Erfahrung mit den Biblischen Weinproben reizt es mich, den Glauben auch auf unkonventionellen Wegen zu verkünden. Die Jakobswege meines früheren Mitarbeiters Martien van Pinxteren sind z. B. so ein Projekt oder die erlebnishafte Erschließung der Leidensgeschichte Jesu und seiner Auferstehung, wie sie von einem Team um Pastoralreferent Thomas Bauer in Lingenfeld praktiziert wurde, das Erzählprojekt aus der Offensive Bildung..., aber ich weiß ja nicht, wie viel Zeit und Möglichkeiten mir noch bleiben.
Und im Übrigen will ich manches auch noch genießen: Radfahren und schwimmen, die eine oder andere Reise, schöne Wanderungen und Spaziergänge mit Abschluss in einer Weinstube. Ich freue mich darauf.    (Fragen: hm)

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Hubert Mathes
Keine Kommentare

Pilger-Community

Um Kommentare verfassen zu können müssen Sie in der Pilger-Community angemeldet sein.

Falls Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich
hier kostenlos registrieren.

Die Kommentarfunktion dient dem Austausch der Pilger-Community untereinander. Alle Kommentare drücken ausschließlich die Ansichten der Autoren (Nutzer) selbst aus. Der Betreiber der Website www.pilger-speyer.de ist für den Inhalt einzelner Beiträge nicht verantwortlich. Hier finden Sie die  ausführlichen Nutzungsbedingungen und Regeln zur Kommentarfunktion.

23. Oktober 2014

„Neue Atheisten reißen Gräben auf“

Professor Dr. Armin Kreiner über ein neues Phänomen


16. Oktober 2014

Jubiläumsfest in Gerbach

Bischof Wiesemann feiert mit 300 Gästen 25-jähriges Bestehen von „Chara“


09. Oktober 2014

Germersheim: Umbau des Klosters beginnt im Januar

Pfarrei und Bistum nutzen historisches Gebäude künftig gemeinsam


News rund um den DOM

23. Oktober 2014

Schönheitspflege für Marienstatue

Gnadenbild im Speyerer Dom gereinigt und ausgebessert


21. Oktober 2014

Regensburger Domorganist beschließt Orgelzyklus

Franz Josef Stoiber spielt Abschlusskonzert der diesjährigen Reihe „Deutschlands Domorganisten zu...


20. Oktober 2014

Weihnachtskonzerte der Dommusik Speyer

Vorverkauf hat begonnen – Konzerte mit der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz


Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren