Aus dem Bistum

Freitag, 18. Mai 2012

Ismael Khatib stellte sich Schülerfragen

Palästinensischer Vater spendete israelischen Kindern Organe seines toten Sohnes

Der Verlust seines Sohnes hat Ismael Khatib geprägt. Den Schülerinnen der neunten und zehnten Klasse des Edith-Stein-Gymnasiums schilderte er die Gründe für die Organspende. Foto: Landry

Ismael Khatib wirkt gelassen. Der schlanke Mann mit den tiefdunklen Augen grüßt legere mit der linken Hand, schlüpft behände aus seiner Sommerjacke und steht schließlich hemdsärmelig vor rund 120 Schülerinnen der neunten und zehnten Klassen des Speyerer Edith-Stein-Gymnasiums im Filmsaal. Khatib hat etwas zu erzählen; die Mädchen haben vieles zu fragen. Der Mann aus Palästina ist zum Symbol des Friedens geworden. Seinen Sohn hat er dabei verloren.

„Das Herz von Jenin“ heißt der Titel der packenden Dokumentation, die ebenso erschreckend wie bewundernswert die Geschichte eines Vaters vor Augen führt, der die Organe seines Sohnes zur Verfügung stellt, um sechs anderen Kindern das Leben zu retten. Das Phänomen dabei: Der elfjährige Ahmed war 2005 von israelischen Soldaten beim Spielen auf offener Straße erschossen worden; seine Organe helfen israelischen Kindern zu leben. Eine außergewöhnliche Sequenz im Zuge des anhaltenden Nahostkonflikts.
Jedes Räuspern wirkt lärmend in der bahnbrechenden Stille, die sich im Filmsaal eingestellt hat. Gebannt verfolgen die Schülerinnen den Filmausschnitt, den Lehrkraft Juliana Felske als Einstieg zeigt. Ihr Freund Dennis Schilling ist derjenige, der das Treffen mit Khatib angestoßen hat.
„Er hat viele Berichte gesehen und es war sein Herzenswunsch ihm mitzuteilen, wie viel Respekt er ihm zollt für sein Handeln“, erklärt Felske. Über ein soziales Netzwerk habe Schilling Khabit ausfindig gemacht. Aus dem E-Mail-Kontakt wurde schnell das Angebot eines Besuchs im Gymnasium.
Respekt schlägt dem Gast entgegen, dessen Handeln ihm 2010 den hessischen Friedenspreis eingebracht hat. Ein wenig Scheu ist auch dabei. Nur langsam trauen sich die Mittelstufenschülerinnen an den Gesprächspartner heran. Khatib, 46 Jahre, zeigt Geduld. Auch bei Antworten mit persönlichem Inhalt. Hinter der Entscheidung, die Organe seines ermordeten Sohnes zu spenden, steht er heute noch. „Ich wollte den Israeli damit eine Nachricht übermitteln“, lässt Khatib durch seinen Übersetzer Fakhri Hamad wissen: „Auch paläs­tinensische Kinder haben ein Recht zu leben.“
Der Verlust des Sohnes hat den Vater geprägt. Wie seine Frau auf sein Ansinnen reagiert hat, die Organe des toten Sohnes zu spenden, will eine Schülerin wissen. „Das erste Telefonat vor der Entscheidung habe ich mit ihr geführt“, sagt Khatib. Sein Bruder sei an Nierenversagen gestorben, da kein passendes Organ zum Transplantieren gefunden werden konnte. Das Erlebte im Kopf, stimmte seine Frau der Spende zu.
Wie andere Menschen darauf reagiert haben, interessiert eine andere Schülerin. „Zu Beginn haben sie es nicht verstanden: Wir werden von den Israeli unterdrückt und die Organe meines Sohnes retten deren Kinder das Leben“, weiß Khatib. Der Dokumentarfilm habe die Denkweise verändert und bewusst gemacht: Keines der Kinder – weder auf palästinensischer noch auf israelischer Seite – hat etwas mit dem Krieg zu tun. Die Initiative zum Film, berichtet Khatib auf eine weitere Nachfrage, sei von einem Panzerfahrer ausgegangen, der rund 600 Häuser in seiner Heimat zerstört habe. „Er fühlte sich wohl schuldig“, vermutet er.
Was die Regierung zurzeit tue, um den Konflikt zu lösen, will eine Schülerin wissen. Khatib lächelt. Die Gewalt im palästinensischen Volk soll unterbunden werden, sagt er dann. Das Ziel dabei: zu verhindern, dass Israeli gegen Steinewerfer vorgehen.
Die Mädchen sind beeindruckt von Khatib und seiner Geschichte. Um die 350 Schülerinnen haben an dem Vormittag Kontakt mit dem Gast aus dem Nahen Osten. Am Abend haben Felske und Schilling nochmals eingeladen in den Filmsaal. Alle Interessierten sollen die Möglichkeit haben, Khatib persönlich kennen zu lernen. Die eingegangenen Spenden fließen in das Kinder- und Jugendzentrum „Cuneo Center for Peace“ in Jenin, das er leitet. Die Einrichtung soll helfen, Kinder von der Straße und so aus der Schusslinie zu holen. „Frieden machen“, betont Khatib, „kostet sicher weniger als Krieg zu führen.“ (Redaktion)

Information:

„Das Herz von Jenin“ wurde 2010 als bester Dokumentarfilm mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Er stammt aus dem Jahr 2008 und wurde in Hebräisch/Arabisch mit deutschem Untertitel gedreht. Den Film gibt es auf DVD.

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