Aus dem Bistum

Freitag, 22. Juni 2012

Missbrauchs-Opfer kritisieren Orden

Johanneum in Homburg: Ist die Zahl der Betroffnen größer als bisher bekannt?

Zum ersten Mal passierte es, als Bernd Held 13 Jahre alt war: Er wurde im Internat des Johanneums Opfer sexueller Übergriffe durch einen Ordensgeistlichen „Ich wachte auf und wusste zunächst gar nicht so recht, was los ist“, erinnert sich der heute 46-jährige Familienvater. Held ließ die nächtlichen Berührungen des Geistlichen, der unter Alkoholeinfluss stand, regungslos über sich ergehen. 


Es blieb nicht bei dem einen Mal. Die Handlungen wiederholten sich von da an immer wieder. Bald musste der Achtklässer feststellen, dass er nicht der Einzige war. Auch die anderen beiden Schüler, die mit ihm das Zimmer teilten, wurden Opfer der sexuellen Übergriffe des damaligen Präfekten.
Bernd Held zog die Konsequenzen und verließ nach der achten Klasse das Internat, das er nur wenige Jahre zuvor unbedingt besuchen wollte und für das er sogar sein behütetes Elternhaus in Schiffweiler verlassen hatte. „Ich wurde externer Schüler, habe jedoch in der Hälfte der Zeit den Unterricht geschwänzt.“ Der einst so gute Schüler, der einmal Lehrer werden wollte, musste schließlich die neunte Klasse wiederholen und am Ende das Gymnasium sogar ohne Schulabschluss verlassen. Nun stand der 16-Jährige vor dem Nichts: mit schweren seelischen Verwundungen aufgrund des vielfachen Missbrauchs und ohne berufliche Perspektive.
Das Ganze ist jetzt 30 Jahre her und ereignete sich am Internat des Johanneums in Homburg. Bernd Held war von 1976 bis 1982 Schüler am Gymnasium in Trägerschaft der Hiltruper Missionare, das damals nur Jungen offenstand. 
Gemeinsam mit etwa zehn weiteren Betroffenen sexuell motivierter Übergriffe und sexueller Gewalt durch Mitglieder des Ordens der Hiltruper Missionare hat er im Februar 2011 die „Initiative Ehemaliger Johanneum Homburg“ gegründet, um eine umfassende Aufklärung und Aufarbeitung der Geschehnisse am Johanneum zwischen 1970 und 2000 sowie die Entschädigung der Opfer zu erwirken. Konkret fordert die Initiative von den Hiltruper Missionaren die Übernahme der Verantwortung für das Fehlverhalten einiger seiner Mitglieder, die Anerkennung des den Opfern widerfahrenen Unrechts sowie eine an ihren Bedürfnissen orientierte Aufarbeitung der Missbrauchs­erfahrungen.     
Zwei Treffen haben mittlerweile zwischen Mitgliedern der Initiative und Vertretern der Hiltruper Missionare, darunter dem Missbrauchsbeauftragten des Ordens, Pater Dr. Martin Kleer, stattgefunden. Geleitet wurden die Gespräche von einem Moderator, dem Professor für Soziologie an der Katholischen Hochschule Mainz, Dr. Bernhard Haupert. Zuletzt traf man sich am 29. Mai in Kaiserslautern.
Laut Bernd Held habe es dabei einige Fortschritte gegeben. Nach seinen Schilderungen herrschte bei dem Treffen Einigkeit was die Zahl der Opfer betrifft. So hätten die Hiltruper Missionare, die ursprünglich von zehn Betroffenen ausgegangen seien, nun eingeräumt, dass es sich um 18 bisher bekannt gewordene Opfer handle. Des Weiteren sei man überein gekommen, dass nicht zwei, sondern bis zu acht Täter grenzverletzendes Verhalten gegenüber Kindern und Jugendlichen gezeigt hätten. „Aber sowohl das Johanneum als auch der Orden haben diese bewiesenen Zahlen bisher nicht veröffentlicht“, kritisiert Held. 
Pater Kleer widerspricht der Darstellung von Bernd Held. Wie der Missbrauchsbeauftragte des Ordens auf Anfrage mitteilte, halten er und der Orden weiterhin an zehn Betroffenen und zwei Tätern fest. „Wir können doch nicht einfach auf Zuruf Mitbrüder beschuldigen“, gibt er zu Bedenken. Die weiteren acht Opfer, von denen die Rede sei, hätten sich an Professor Haupert gewandt. „Wir als Orden haben ihn gebeten, von den Betroffenen die Erlaubnis einzuholen, dass die Informationen an uns weitergegeben werden, damit wir sie prüfen können“, beschreibt er das weitere Verfahren.
Gegen die zwei Patres, die zugegeben hatten, vor mehr als 25 Jahren im ehemaligen Internat des Johanneums Kinder sexuell missbraucht zu haben, hat die Ordenskongregation der Herz-Jesu-Missionare in Rom, so der offizielle Name der Hiltruper Missionare, Strafdekrete erlassen. Der Haupttäter wird demnach dauerhaft jeglichen Dienstes in der Kirche enthoben und es wird ihm geboten „ein Leben des Gebetes und der Buße innerhalb einer Kommunität der Ordensgemeinschaft zu führen“. Dem zweiten Täter wird „dauerhaft jeglicher unbeaufsichtigte Kontakt mit Minderjährigen untersagt“. 
Bernd Held und seine Mitstreiter  sind insgesamt von der Vorgehensweise der Patres enttäuscht. „Uns drängt sich der Eindruck auf, dass sie nur das zugeben, was ohnehin nicht zu leugnen ist.“ Diese Einschätzung teilt auch die Elternsprecherin des Gymnasiums Johanneum, Karin Seyfert, die sich seit Jahren gemeinsam mit der Initiative um eine Aufarbeitung der Missbrauchsfälle bemüht. „Ein wirklicher Aufklärungswille ist bisher leider nicht erkennbar“, bemängelt sie. 
Für Pater Kleer sind die Anschuldigungen haltlos. „Von Anfang haben wir die Öffentlichkeit informiert, so dass die Medien ausführlich darüber berichten konnten“, stellt Kleer klar. Darüber hinaus hätten Betroffene jeder Zeit die Möglichkeit, sich an den Orden zu wenden. Der Forderung der Initiative, dass der Orden insgesamt die Verantwortung für die Missbrauchsfälle übernimmt, erteilt Kleer eine klare Absage. „Wir können uns doch nicht für etwas entschuldigen, was ein Mitbruder getan hat.“ Auch den Vorwurf der Betroffeneninitiative in diesem Zusammenhang, die Mitbrüder hätten von den Vorgängen gewusst, weist Kleer entschieden zurück. „Die Mitbrüder haben mir versichert, dass dies nicht der Fall ist.“ Lediglich Pater Hans Ollertz, der ehemalige Leiter des Internats, habe eingeräumt, dass Anfang der 80er Jahre eine Mutter ihn zu Übergriffen gegen ihren Sohn in Kenntnis gesetzt hätte. Pater Ollertz sei sich der Tragweite jedoch nicht bewusst gewesen. 
Für den Missbrauchsbeauftragten übernimmt der Orden allerdings sehr wohl Verantwortung, „indem wir zahlen“. Ehemaligen Schülern des Homburger Gymnasiums, die nachweislich Übergriffen von Patres ausgesetzt waren, bieten die Hiltruper Missonare Entschädigungsleis­tungen an, die sich an den 2010 verabschiedeten Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz und der Ordensoberenkonferenz zum Umgang mit den Missbrauchsfällen orientieren. Ein Antragsformular kann auf der Homepage der Hiltruper Missionare heruntergeladen werden. Im Raum stehen Zahlungen von bis zu 5000 Euro. Für Bernd Held und seine Mitstreiter „sind die Richtlinien und das ganze Prozedere untragbar“. 
Allein der Antrag habe eine abschreckende Wirkung, „weil der Betroffene seitenlang sehr persönliche Fragen beantworten muss, unter anderem nach Datum und Uhrzeit der Taten sowie nach dem genauen Tathergang“. Statt wie ein bürokratischer Fall betrachtet zu werden, wünscht sich die Initiative Ehemaliger, „dass der Orden auf uns zugeht und uns fragt, wie er jedem Einzelnen von uns helfen kann“, bekräftigt Bernd Held. Dabei gehe es auch aber nicht ausschließlich um Geld.
„Die Leitlinien sind der Maßstab, an den wir uns zu halten haben“, bekräftigt Kleer. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass bei der Erstellung des Regelwerks Opferverbände mit einbezogen gewesen sind. Bisher haben drei Betroffene finanzielle Leistungen erhalten. Bei drei weiteren Opfern übernimmt der Orden die Therapiekosten. 
Einer von ihnen ist Bernd Held. Er hat es geschafft, auch ohne Schulabschluss beruflich Fuß zu fassen. Über persönliche Beziehungen kam er zu einer Ausbildung als Elektrotechniker. Heute ist er Elektrotechnikermeister und Technikinformatiker. Privat lief es nicht ganz so rund. Held hat zwei gescheiterte Ehen hinter sich, Folgen seines erschütterten Urvertrauens aufgrund der Missbrauchserfahrungen, wie er heute weiß. Mit der Therapie möchte der zweifache Vater die Geschehnisse in seiner Kindheit verarbeiten um ein unbeschwerteres Leben führen zu können. Der 46-Jährige hat Glück: Seine jetzige Familie unterstützt ihn dabei. (pede)
Siehe auch herzu den Wochenkommentar

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Redaktion
Keine Kommentare

Pilger-Community

Um Kommentare verfassen zu können müssen Sie in der Pilger-Community angemeldet sein.

Falls Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich
hier kostenlos registrieren.

Die Kommentarfunktion dient dem Austausch der Pilger-Community untereinander. Alle Kommentare drücken ausschließlich die Ansichten der Autoren (Nutzer) selbst aus. Der Betreiber der Website www.pilger-speyer.de ist für den Inhalt einzelner Beiträge nicht verantwortlich. Hier finden Sie die  ausführlichen Nutzungsbedingungen und Regeln zur Kommentarfunktion.

23. Oktober 2014

„Neue Atheisten reißen Gräben auf“

Professor Dr. Armin Kreiner über ein neues Phänomen


16. Oktober 2014

Jubiläumsfest in Gerbach

Bischof Wiesemann feiert mit 300 Gästen 25-jähriges Bestehen von „Chara“


09. Oktober 2014

Germersheim: Umbau des Klosters beginnt im Januar

Pfarrei und Bistum nutzen historisches Gebäude künftig gemeinsam


News rund um den DOM

23. Oktober 2014

Schönheitspflege für Marienstatue

Gnadenbild im Speyerer Dom gereinigt und ausgebessert


21. Oktober 2014

Regensburger Domorganist beschließt Orgelzyklus

Franz Josef Stoiber spielt Abschlusskonzert der diesjährigen Reihe „Deutschlands Domorganisten zu...


20. Oktober 2014

Weihnachtskonzerte der Dommusik Speyer

Vorverkauf hat begonnen – Konzerte mit der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz


Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren