Geistliches Leben

Freitag, 18. August 2017

Frohe Botschaft für alle

Glaube ohne Leistung – Radikales Offensein für Gott genügt – Gedanken zum Matthäus-Evangelium 15, 21–28 von Diplom-Theologe Thomas Bettinger

Das Evangelium zu diesem Sonntag gehört zu den bekanntesten Passagen des Neuen Testaments. Und doch verstört es mich jedes Mal. Die Schroffheit, ja Arroganz Jesu der kanaanäischen Frau gegenüber ist unerträglich. Der, der die Bergpredigt verkündet und die Barmherzigen gepriesen hat, zeigt sich hier gar nicht barmherzig. Er überhebt sich über die Frau, antwortet ihr zunächst nicht und verweigert ihr jede Hilfe. Ist ihm das Schicksal der Tochter dieser Frau, die von einem Dämon gequält wird, egal? Nur, weil sie nicht dem Gottesvolk Israel angehört, eine „Heidin“ ist?

Dabei kennt doch Jesus die Schrift: „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen“, heißt es im Buch Levitikus 19, 34. Auch die Stelle aus dem Jesaja-Buch, unsere heutige erste  Lesung, ist deutlich: „Die Fremden, die sich dem Herrn angeschlossen haben, die ihm dienen und seinen Namen lieben, um seine Knechte zu sein, alle, die den Sabbat halten und ihn nicht entweihen, die an meinem Bund festhalten, sie bringe ich zu meinem heiligen Berg und erfülle sie in meinem Bethaus mit Freude“ (Jes 56, 6–7). Hat die Frau denn nicht ein Glaubensbekenntnis abgelegt? Indem sie Jesus als Sohn Davids bekennt, bekennt sie sich doch zum Gott seines Volkes Israel, zu Jahweh, dem „Ich bin da“ (Ex 3, 14). Ist er das nur für sein erwähltes Volk? Er ist doch der Schöpfer von Welt und Mensch, Vater und Mutter aller Menschen, auch der beiden „heidnischen“ Frauen.

Jesus weiß das sicher. Er glaubt aber offenbar, mit seiner Frohen Botschaft „nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“ zu sein. Rechtfertigt dies seine harte Haltung der Frau und ihrer Not gegenüber? Auch den Jüngern geht sie auf die Nerven. „Schick sie weg“, heißt es im griechischen Urtext richtig. In ihnen hat die Frau keine Fürsprecher. Das Heil nur den Schafen des Hauses Israel? Es ist noch nicht lange her, da lehrte uns die Kirche: „Extra ecclesiam nulla salus – außerhalb der Kirche kein Heil“, damit war die katholische Kirche gemeint. Da wurden sogar Christen ausgeschlossen. Die „heidnische“ Frau lässt diese Haltung Jesu nicht zu. Sie protestiert gegen eine menschenverachtende Theologie. Sie wirft sich vor Jesus hin, sie liefert sich ihm aus: „Herr, hilf mir!“ Im Schrei ihrer Ohnmacht offenbart sich eine radikale Hilfsbedürftigkeit, ja noch mehr: eine existenzielle Gottesbedürftigkeit. Die Kanaanäerin spürt, dass Gott „der Herr“ in Jesus kraftvoll gegenwärtig ist. Er vermag heil, er vermag ganz zu machen.

In seiner Antwort bleibt Jesus immer noch auf Distanz: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den ,Hündchen‘ vorzuwerfen.“ Selbst wenn hier die verächtliche Bezeichnung „Hunde“ für die Heiden, wie sie uns in der jüdischen Literatur begegnet, abgemildert ist in „Hündchen“ (so die genaue Übersetzung), stellt sich Jesus immer noch „herrisch“ über die „Heidin“. Und die lässt sich nicht abweisen, sie widerspricht mutig, mit einer beachtlichen Selbstachtung. Klug und schlagfertig hebelt sie Jesu Argumentation aus: „Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen“ (Mt 15, 27). Werden die Kinder Israels ärmer, wenn Gott sich mit dem Brot seines Wortes auch den „Heiden“ zuwendet? Gehen ihnen Heil, Lebensfülle und göttliche Würde verloren? Ist es nicht vielmehr so, dass das Leben an Wert und Fülle – und eben auch Würde – gewinnt, wenn wir es mit anderen teilen? Selbst wenn dieses Leben wie den „Hündchen“ nur „bröckchenweise“ gegeben wird? Jetzt verändert sich Jesu Haltung, er scheint wie aufgebrochen: „Frau, Dein Glaube ist groß.“ Und er fügt hinzu: „Dein Wille geschehe!“

Unsere Erzählung macht eine wichtige Aussage über Jesus: Er ist wahrer Mensch. Auch Jesus macht, wie alle Menschen, eine Persönlichkeitsentwicklung durch, er unterliegt einem Erkenntnisprozess, gerade was seine göttliche Sendung betrifft. Auch er muss sich befreien von angelernten Glaubenssätzen, von dogmatischen Lehrgebäuden. Er lernt, was Gott von ihm will durch Gebet, Lebenserfahrung und die Begegnung mit Menschen. Die „heidnische“ Frau wird geradezu zur Stimme seines Vaters, so dass sein Wort zur Frau ganz der Bitte im Vaterunser entspricht: „Dein Wille geschehe“ (Mt 6, 10).

Entscheidend ist allein der Glaube. Ohne jegliche Leistung. In ihrer Ohnmacht ist die Kanaanäerin radikal offen für Gott! Die Ohnmacht der Frau, in die hinein sich Gott ganz gegenwärtig macht, ist so stark, dass sie Jesu dogmatische Härte zertrümmert. Ihr Glaube versetzt Berge (Mt 17, 20). Am Ende steht die wunderbare Botschaft: Gott will das Heil aller Menschen. Gott will, dass das Leben aller Menschen gelingt. „Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.“

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