Geistliches Leben

Donnerstag, 19. Juli 2012

Ausruhen dürfen – ein Geschenk Gottes

Sabbat und Sonntag – Mahnung und Angebot – Gedanken zum Markus-Evangelium 6, 30–34, von Diakon Helmut Husenbeth

Die ruhige, aber bedeutende Geste Jesu, mit der er – voller Zuneigung und Fürsorge – seine Jünger zu einer Ruhe- und Besinnungspause einlädt, hat ein großes biblisches Vorbild: das Bild von der Vollendung der Schöpfung und dem Ausruhen Gottes am 7. Schöpfungstag (Buch Genesis 2,2). Dieses Recht – ja, dann sogar diese Pflicht – zu Ruhe, zu Besinnung, zu Gebet und zu Gottesdienst wird wichtiger und wesentlicher Teil des mosaischen Gesetzes und ein großes Geschenk an Juden und Christen,  ja schließlich an die gesamte Menschheit bis heute.
Ganz offensichtlich will Jesus seinen ausgesandten und nun zurückgekehrten Aposteln nach dieser großen Herausforderung der Mission eine Ruhepause gönnen. Diese schöpferische Atempause soll, gemeinsam mit ihm selbst, sogar „an einem einsamen Ort“ geschehen, damit die Apostel, die „nicht einmal Zeit zum Essen fanden“, durchatmen können, Ruhe finden zu Begegnungen, Gesprächen und Gebet.
Die Fürsorge Jesu ist also ganz konkret. Sie ist in ihrer Unmittelbarkeit geradezu anrührend – bis heute. Und sie hat auch eine ganz starke spirituelle Dimension.
Uns Heutigen wird die Aktualität der Sorge und Fürsorge Jesu sofort klar – ja, der aktuelle Bezug drängt sich geradezu auf. Seit vielen Jahren ist eine Formulierung in den Dienstnachrichten der deutschen Diözesen auffällig: „Pfarrer X wird mit der zusätzlichen Leitung der Pfarreien Y und Z beauftragt.“ Auf mehr Ruhe, Zeit und Kraft der Betroffenen für spirituelles Auftanken lässt das nicht unbedingt schließen. Müssten da nicht die engagierten Gläubigen in den Pfarreien (oder auch zukünftig „Gemeinden“) mehr Verantwortung übernehmen – nicht nur in der Organisation von Pfarrfesten! Auch für die Gestaltung des Gemeindelebens überhaupt und von Gottesdiensten brauchen die Helfer der Hirten in den Gemeinden Freiraum, Vertrauen, Zuspruch und Hilfe der Kirchenleitung.
Bitter klingt hier das Wort des Evangeliums über die „vielen Menschen“, die Jesus an den einsamen Ort nachfolgen: „Denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ Ja, die Menschen in den Gemeinden Y und Z haben vielleicht auch bald „keinen Hirten“ mehr. Besteht nicht die Gefahr, dass bei immer größer werdenden Seelsorgeräumen der Hirte zum Verwalter wird, dass nur noch Management statt Seelsorge möglich ist? Alle, die in der Seelsorge arbeiten – ob Priester oder Diakone, Pastoral- und Gemeindereferentinnen und Referenten oder Katecheten – sie alle brauchen geistliche Inseln der Ruhe, der Spiritualität, des Gebets. Gerade auch deshalb brauchen sie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der Basis, in den Pfarreien bzw. in den Gemeinden – dort, wo Glaube und Gottesdienst vor Ort gelebt und gefeiert wird. Lateinamerika kann uns da Vorbild sein.
Leider wird das Gebot zur sonn- und feiertäglichen Ruhe, das ja auch ein hilfreiches Angebot ist, auch von uns Christen immer weniger beachtet und durch mehr oder weniger oberflächliche und banale Aktivitäten außer Kraft gesetzt. Hektik und Stress bestimmen stattdessen oft genug Werktag und Sonntag gleichermaßen. Auch kirchliche Kreise sind davon nicht grundsätzlich ausgenommen – da muss jeder von uns auch auf sich selbst schauen.
Für uns stellen sich Fragen: Ist uns die Feier des sonntäglichen Gottesdienstes, wenn möglich zusammen mit der Familie, ist uns die Begegnung mit der betenden Gemeinde, ist uns die Besinnung über das Wort Gottes, ja, ist uns vielleicht sogar einfach das Ruhigwerden nichts mehr wert? Können wir damit nicht mehr umgehen, weil wir uns an das Tempo und die zwanghafte Beschleunigung unserer Zeit angepasst haben? Der Machbarkeitswahn und die Allmachtsvorstellungen, wie sie Goethe in „Faust II“ so drastisch und so visionär darstellt, scheint auch viele von uns ein Stück weit erfasst zu haben. Müsste es nicht eine ganz andere Art von Unruhe sein, die uns ob all der Fragen bewegt, die die suchenden, sich nach Sinn und Antwort, nach Frieden und Gerechtigkeit sehnenden Menschen damals hatten – und heute haben?!
Sich den Problemen dieser Welt öffnen – wie es Johannes XXIII. und das „Zweite Vatikanische Konzil“ wollten – kann ja nicht heißen, sich der Atemlosigkeit unserer Zeit und dem Diktat der schnellen Märkte anzugleichen. Entschleunigung tut Not. Das geschieht aufgrund dessen, was in der Bibel „Gedächtnis“ genannt wird – Gedächtnis des Wortes und Gedächtnis in der eucharistischen Mahlfeier. Das ist nicht bloß Erinnerung, sondern Vergegenwärtigung von Zuspruch im Gotteswort und Einheit in der Mahlgemeinschaft. Das gewährt uns oft so Orientierungslosen, Hilflosen und Schutzlosen das Mitleid und die Nähe Jesu Christi.  Unruhe als Ausruhen bei Gott, auch – und gerade weil – wir vieles nicht verstehen oder nicht bewältigen können: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir“ (Augustinus).

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Helmut Husenbeth
Keine Kommentare

Pilger-Community

Um Kommentare verfassen zu können müssen Sie in der Pilger-Community angemeldet sein.

Falls Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich
hier kostenlos registrieren.

Die Kommentarfunktion dient dem Austausch der Pilger-Community untereinander. Alle Kommentare drücken ausschließlich die Ansichten der Autoren (Nutzer) selbst aus. Der Betreiber der Website www.pilger-speyer.de ist für den Inhalt einzelner Beiträge nicht verantwortlich. Hier finden Sie die  ausführlichen Nutzungsbedingungen und Regeln zur Kommentarfunktion.

16. Juli 2014

Warten bis zur Ernte

Gott wird uns vom „Unkraut“ befreien, das unser Leben beschwert – Gedanken zum Matthäus-Evangelium...


10. Juli 2014

Bei Gott geht niemand verloren

Wir sind nicht ohne Absicht dem Leben geschenkt - Gedanken zum Matthäus-Evangelium 13, 1–9 von...


02. Juli 2014

Mehr als Entspannung und Wellness

Wahre Ruhe ist Gelassenheit aus Gottvertrauen – Gedanken zum Matthäus-Evangelium 11, 25–30 von...


Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren