Geistliches Leben

Donnerstag, 16. Februar 2012

Brauchen wir das Unkonventionelle?

Manchmal muss eben das Dach abgedeckt werden – Gedanken zum Markus-Evangelium 2, 1–12 von Pastoralreferentin Silke Stoll

Die Heilungsgeschichten im Evangelium machen deutlich, dass auch zur Zeit Jesu Krankheiten ein zentrales Thema waren. Da wird erzählt von Menschen, die taubstumm sind, blind und gelähmt. Dann geschieht das Wunder, Jesus heilt einige dieser Menschen, und ihre Sünden sind ihnen vergeben. Heute ist es ähnlich. Menschen werden in Krankenhäuser eingeliefert mit schweren Erkrankungen. Einige von ihnen verlassen die Klinik als geheilt, andere werden sie nicht mehr lebend verlassen. 
Krankheit wird in der Bibel oft als gegengöttliche Macht bezeichnet. Es gab die Vorstellung, nur der gesunde Mensch symbolisiere die Nähe und Gunst Gottes. Doch Jesus  orientiert sich nicht an der Perfektion, sondern an der Gebrochenheit des Menschen. Deshalb brauchen auch wir alle ein Gottes- und Menschenbild, das sich nicht an der Perfektion des Menschen orientiert, sondern an seiner Gebrochenheit, denn damit werden die Normalitätsvorstellungen der Gesellschaft kontrastiert. Darin auch ereignet sich Glaube und Religiosität. Wo das Begrenzt-Sein, das Behindert-Sein geleugnet bzw. ausgeblendet wird, wird die Wirklichkeit konstruiert. So steht auch am Ende eine Lebens nicht zwingend das Sich-Versöhnen- und Aussöhnenmüssen mit Gescheitertem und Unfertigem, sondern das Sich-Überlassen an Gott in aller Spannung und Differenz, die bleibt. 
Die Stärke gilt manchmal so sehr als Kennzeichen für Gott, dass Schwachheit als die Ausnahme gegen die Spielregel verstößt. Doch theologisch gesehen ist genau das Gegenteil der Fall. Indem Jesus an und durch das Kreuz gegangen ist, hat er deutlich gemacht, dass Stärke kein göttlicher Wert ist und sich niemand seiner Schwäche schämen muss. Jesus selbst war nicht nur der Starke. Er selber hat sich helfen lassen, das Kreuz zu tragen. Damit hat er ein diakonisches Wechselspiel eröffnet. Indem Gott Jesus ans Kreuz gehen lässt, gibt er den Behinderten und Schwachen Anerkennung und Solidarität. Zugleich nimmt er die Konsequenz auf sich, selbst hilflos und schwach zu werden.
An der Begegnung mit den Schwachen und Behinderten entscheidet sich überhaupt die Möglichkeit, christliches Menschsein zu erfahren. Der Gelähmte aus dem Evangelium wollte Jesus sehen. Er sehnte sich nach der Begegnung mit ihm, doch sein Zustand hinderte ihn daran, ihm auf dem üblichen Weg zu begegnen. Viele Menschen haben auch heute Sehnsucht nach der Begegnung mit Jesus. Doch auf den traditionellen Wegen  gibt es für sie kein Fortkommen mehr. Sie fühlen sich durch traditionelle Glaubensformen eingeengt und finden darin nicht ihren Platz. 
Da können der Gelähmte und Jesus plötzlich zum Vorbild werden. Der Gelähmte nimmt seine Sehnsucht ernst und wählt mit seinen Freunden einen Weg, der ungewöhnlich ist. Kreativ und mutig durchbricht er alte Strukturen und sucht eine andere Lösung, um das zu bekommen, was ihm wichtig ist. Dadurch steht er plötzlich im Zentrum der Aufmerksamkeit.
Hier ist etwas zu spüren von der List der Gnade, vom Kairos des Augenblicks, wie vordergründige Schwäche zu tiefgründiger Stärke wird. Ein Augen-Blick genügt und Jesus und der Mensch mit der Beeinträchtigung begegnen sich. Der Gelähmte wird sich seiner Stärke, seines Durchsetzungsvermögens bewusst und bekommt neues Vertrauen in sich selbst. Jesus akzeptiert den Weg dieses Menschen, denn er hat den Gelähmten längst in seinem Wert, seinen Kämpfen und Anstrengungen erkannt und anerkannt. Nur so kann es zur Begegnung kommen, und deshalb kann Jesus zum Gelähmten sagen: Steh auf! Lass dich nicht abhalten von deinem Weg, nicht behindern von den Vorstellungen anderer.
In den Heilungsgeschichten begegnet Jesus nur beim ersten Blick den hilflosen und schwachen Menschen. Beim genaueren Hinsehen sind sie die wirklich Starken, die sich, trotz vieler Hindernisse, mutig  ihrem Leben stellen, weil sie oft überhaupt keine andere Möglichkeit haben. Es sind die wirklich Starken, die kreativ nach unkonventionellen Wegen Ausschau halten,  sich selber dabei treu bleiben und nicht aufgeben.
Wir alle kennen lähmende Lebenssituationen, die unser Leben behindern wollen. Deshalb kann dieses Evangelium für uns alle eine Anregung sein, uns nicht von den Lähmungen allein bestimmen zu lassen, sondern mutig zu sein, und wenn es notwendig ist das Dach abzudecken. Zumindest bei dem Gelähmten im Evangelium war dieser Weg von Erfolg gekrönt.

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