Geistliches Leben

Mittwoch, 13. Juni 2012

Die Hoffnungen von Gottes Reich

Jesu Gleichnisse helfen unserem Leben – Gedanken zum Markus-Evangelium 4, 26–34 von Pfarrer i.R. Bernhard Lin­vers

Das Kommen des Reiches Gottes war das zentrale Thema der Verkündigung Jesu. In der Bibel gibt es keine Definition für das Reich Gottes. Jesus hat nur in Bildern und Gleichnissen darüber gesprochen, und er hat es gelebt. So kann man sagen: die besten Kommentare für die Gleichnisse Jesu sind sein Leben und Sterben.
Was wird uns hier erzählt? Ein Bauer sät Samen auf die Erde und lässt ihn wachsen; er muss gießen und jäten und muss feststellen, ob die Frucht für die Ernte reif ist. Er zupft nicht an den Halmen herum, damit sie schneller wachsen; er weiß: wenn ich den Samen in gute Erde gegeben habe, dann wächst die Sache automatisch (so heißt es im griechischen Urtext). Den Prozess der Fruchtbarkeit kann er nicht beeinflussen. Dann kann der Bauer sich noch anderen Tätigkeiten zuwenden.
So ist es mit dem Reich Gottes, es ist nicht von der Person Jesu zu trennen. Er versteht sich als derjenige, der durch sein Wort und sein Tun den Samen aussät, und er grenzt sich von denen ab, die durch ihren Eifer das Wachsen des Reiches Gottes stören wollen. Genauso grenzt er sich ab von den Pharisäern, die durch eine genaue Beachtung der Gebote das Reich Gottes herbeiführen wollen. Wir können sensibel werden für die Zeichen des Reiches Gottes wie Gerechtigkeit, Friede, sinnerfülltes Leben. Es gibt in diesem Gleichnis ein wichtiges Wort: Ernte. Das Wort bedeutet: Vollendung, Erfüllung, Endzeit.  Die Ernte ist unverfügbar, der Bauer kann sie nur einfahren. Und die Ernte ist sicher, wenn nicht ein Unglück  alles zerstört. Jesu Tun ist so eng mit der Vollendung des Reiches Gottes verbunden wie das Säen des Bauern mit dem Kommen der Ernte. Aber die Vollendung, die Ernte: das ist Sache Gottes, Gottes wunderbare Tat.
Wie können wir mit diesem Gleichnis in unserem Leben umgehen? Gleichnisse wollen ja keine Anweisungen geben, was wir zu tun oder zu lassen haben, sondern sie wollen Hilfen sein zur Deutung unseres Lebens, sie wollen verständlich machen, wie es um uns steht.
Das Reich Gottes wird uns nicht von außen vorgegeben oder angeboten. Es ist auch nicht an äußeren Zeichen zu erkennen. „Das Reich Gottes ist schon mitten unter uns“, sagt Jesus im Lukas-Evangelium. Es ist weder unser Verdienst noch unsere Leistung. Es ist ein Geschenk, uns anvertraut, wie die Saat dem Acker anvertraut wird. Wir sind in diesem Reich zuhause und geborgen, und wir können bereits auf vielfältige Weise Leitlinien dieses Reiches zu  leben anfangen. Es zeigt sich zum Beispiel im geschwisterlichen Umgang miteinander, es zeigt sich in der Solidarität mit den Schwächeren und Ausgegrenzten, es zeigt sich in unserer Versöhnungs- und Dialogbereitschaft. Das ist das Grün der Hoffnung, das auf diesem Acker wächst.
Wir haben den Auftrag, unsere Erde den Menschen dienlich zu machen. Sind wir heute nicht in der Gefahr, unserem eigenen Wissen und Können mehr zu vertrauen als den Leitlinien der Reiches Gottes? Mit welcher Hektik und Ungeduld wollen wir uns alles „untertan“ machen, Letztverantwortung selbst übernehmen, keinem mehr Rechenschaft schuldig sein. Tag und Nacht auf der Hut, ohne schlafen und loslassen zu können! Bischof Kamphaus formuliert: „Wer aufhört, Gott zu dienen, fängt nur allzu leicht damit an, Gott zu spielen.“
Gebe ich mir genügend Zeit, damit ich auf dem Feld meines Glaubens etwas entwickeln kann?
Noch etwas kann uns nachdenklich machen: das oben schon erwähnte Wort der Ernte. Wir stehen vor der Sicherheit einer wunderbaren Ernte; wir stehen in einer Zeit, deren Zukunft Gott gehört. Und diese Zukunft hat etwas mit Jesus zu tun, der mit seinem Handeln und Reden diese Sicherheit aussagt und für diese Sicherheit bürgt. Das haben die Menschen, die mit Jesus lebten, erfahren. Er hat ihnen Zeit geschenkt, Zeit zum Essen und Trinken, zum Zuhören und Miteinander-Reden, Zeit des Vergebens und zum Neuanfangen.
Wir kennen es alle: Wenn wir „unter Druck stehen“, haben wir keine Zeit. Es gilt aber auch umgekehrt: Wenn wir keine Zeit haben, stehen wir „unter Druck“. Deshalb gehört es zum Wertvollsten, wenn wir uns einander Zeit schenken. Im Gebet – so sagen wir – schenken wir Gott Zeit. Aber ist es nicht auch so, dass Gott uns seine Zeit schenkt und uns so neu macht?
Wenn Gott uns seine Zeit schenkt, dann nimmt er den Druck von uns, was wir alles tun  müssten. Und wenn der Druck von uns genommen ist, sind wir wie neu. Gleichnisse schenken eine neue Zeit und ein neues Selbstverständnis.

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