Dass es Dämonen gibt, zu denen im Neuen Testament auch unreine Geister zählten, daran besteht kein Zweifel; zumindest war es für Israeliten, Babylonier und Ägypter so. Viel zu oft hatte es sich in der Welt des damaligen Juden- und Heidentums bewahrheitet, dass unerklärliche Mächte zum Leidwesen der Menschen ihr Unwesen getrieben haben. Allen Erklärungsversuchen in Bezug auf die Ursprünge von Dämonen ist gemein, dass sie nicht zwangsläufig mit Satan zusammenhängen und ihre Hauptaufgabe nicht in der Verleitung zu Fehlverhalten und Sünde besteht, sondern darin, den Menschen Schaden zuzufügen.
In dieser Welt lebte und wirkte Jesus Christus. In einer Welt, die uns vermeintlich aufgeklärten Menschen oft verschlossen bleibt. Er lebte in einer Zeit, die auf uns heute vielleicht sonderbar, primitiv, oder in ihren Ansichten zuweilen gar lachhaft vorkommen mag. Süffisant könnte man allerdings bemerken, dass wir gerade noch vor wenigen Wochen beim Jahreswechsel, sicherlich unreflektiert und unwissentlich, gegen diese bösen und unreinen Geister wie schon vor hunderten von Jahren vorgegangen sind: Wir haben nämlich versucht, sie durch Donnerschläge, Raketen und Knallkörper zu vertreiben, damit wir im neuen Jahr von ihnen verschont bleiben.
Das, was im heutigen Evangelium beschrieben wird, ist zunächst einmal nichts Aufregendes. Jesus geht am Sabbat in die Synagoge und lehrt. Dies ist nichts Außergewöhnliches, da sich jeder erwachsene Israelit nach der Verlesung des heiligen Textes zu Wort melden konnte. Das Besondere bei Jesus lag jedoch in der Macht seiner Worte. Markus schreibt von „göttlicher Vollmacht“, die die Zuhörer sehr betroffen machte. Dass seine Worte definitiv mehr als rhetorische Kunststücke waren, zeigt die zentrale Begebenheit der heutigen Schriftlesung. Die Rede ist von der Reaktion eines Synagogenbesuchers, der aller Wahrscheinlichkeit nach nichts ahnend in den Gottesdienst gegangen war und schon gar nicht in der Absicht, sich auf irgendeine Weise heilen zu lassen. Es ist weiterhin davon auszugehen, dass keiner ihm angesehen hatte, dass er von einem unreinen Geist besessen war, und ob er sich selbst über dessen Existenz in ihm im Klaren war, ist ungewiss. Wie dem auch sei, schreit der unreine Geist in Folge der Worte Jesu ohne Vorwarnung aus ihm heraus.
Bis zum heutigen Tag ist im binnenkirchlichen Raum viel über die Bedeutung von „Unreinheit“ und im Umkehrschluss „Reinheit“ geschrieben und geredet worden. Jedoch ist es gerade hier wichtig zu betonen, dass eine übertriebene Fixiertheit auf den Bereich der „schmutzigen Phantasien und Realitäten“ im Kontext des sechsten Gebots, der Wirklichkeit der Problematik nicht gerecht wird. „Unreine Geister“ berühren nämlich eine Vielzahl menschlicher Bereiche für die es sich ebenfalls zu schämen lohnt. Allen voran ist der Bereich der inneren Haltungen, der Gesinnungen und damit der Reinheit des Herzens zu nennen. Weitaus am meisten „Dreck am Stecken“ haben Menschen nämlich schon immer bei ethischen Fragestellungen, wo es um die breite Auseinandersetzung mit Themen wie Hass, Gewalt, Lüge und Schuld geht, deren Überwindung zu den zentralen Aufgaben des Menschseins zählen.
Die machtvollen Worte Jesu bleiben für den Mann nicht ohne Folgen. Er wird von ihnen bis ins Mark getroffen und erschüttert. Schließlich, so können wir weiter lesen, siegt die Macht seiner Lehre und der unreine Geist verlässt den Mann „mit lautem Geschrei“. Fazit: Wo Jesu Worte wirken ist kein Platz mehr für unreine Geister.
Die Auseinandersetzung mit der heutigen Bibelstelle hat einige bemerkenswerte Punkte zu Tage befördert. Direkt im Anschluss an „die Berufung der ersten Jünger“ durch Jesu machtvolles: „Kommt her, folgt mir nach!“, stellt Markus die Macht der Worte Jesu „in der Synagoge von Kafarnaum“ unter Beweis. Somit setzt Markus von Beginn an ein Ausrufezeichen für die urchristliche Gemeinde, in dem er als den Grund des Christseins das Wort Jesu in den Mittelpunkt rückt. Diese erste Heilungsgeschichte zeichnet sich dadurch aus, dass sie eine sozusagen „unabsichtliche Heilung“ war. Der Mann ist nicht, wie an anderer Stelle, zu Jesus Hilfe suchend gekommen, es hat ihn gewissermaßen „einfach erwischt“. In der Folge ist dann auffällig, dass von Markus am Ende des heutigen Abschnitts nicht so sehr Jesu Person, sondern vielmehr seine „Lehre“ herausgestellt wird.
Wir leben heutzutage in einer Zeit des Umbruchs. „Macht und Ohnmacht“ prallen weltweit immer offener aufeinander. Immer mehr Ohnmächtige stehen einer kleinen Zahl an Mächtigen gegenüber. Der Ruf nach „Machtworten“ von oben wird immer lauter. Aber machtvolle Worte gelten auch uns. Die „unreinen Geister“ in uns und unserer Gesellschaft haben schlimme Schäden angerichtet und zu einem spürbaren Verlust an Identität und Orientierung geführt. Wer oder was ist noch was wert? Wie gehen wir miteinander um? Wie verhalten wir uns uns selbst gegenüber? Worin besteht der Maßstab unseres Handelns? Wir sind gut beraten, auch wenn es weh tut, aufzuwachen, umzudenken, und auf Jesu Worte zu hören.
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