Geistliches Leben

Donnerstag, 19. August 2010

Durch die enge Tür geht es zum Leben

Wir müssen uns bücken, wie Gott selbst es getan hat.   Ein Beitrag von Diplom-Theologe Thomas Bettinger zum Lukas-Evangelium 13, 22–30

Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Es ist der Weg, an dessen Ende das Kreuz steht. Rastlos zieht er „von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und lehrte“. Für Lukas ist es die Zeit, in der die letzten Fragen, die „eigentlichen“, die Fragen nach dem, worauf es ankommt, gestellt werden müssen: „Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden?“, wird er von einem um sein Heil besorgten Menschen gefragt. Und das, was er antwortet, klingt drängend: „Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen.“ Das Drängende wird noch verschärft, in dem Jesus betont, dass viele durch die Tür hineinzukommen suchen, aber „wenn der Herr des Hauses aufsteht und die Tür verschließt, dann steht ihr draußen.“

Wer in Bethlehem die Geburtskirche besuchen will, muss durch eine enge, niedrige Tür eintreten. Man kann nur einzeln hinein und muss sich bücken, um zu der Stätte zu gelangen, an der nach der Tradition Gottes Wort Gestalt in einem Kind annahm. Ein sprechendes Symbol.

Die enge Tür ist für mich der Tod. Jeder muss allein hindurch. Ich muss mich bücken, um hindurch zu gelangen. Das Bücken ist ein Bild für das Sterben, dieser letzten Auf-Gabe, um zur Begegnung mit Gott zu gelangen, der in Jesus Mensch geworden ist und selbst durch diese Tür gegangen ist. Sterben meint aber auch den Prozess im Leben, der mich immer stärker hinein spüren, wachsen lässt in die Gegenwart Gottes. Ein Prozess, der auch mit Leiden und Schmerzen verbunden ist.

Die enge Tür, das ist ein Bild für Gott selbst. Auch Gott „bückte“ sich, er wurde Mensch. In Jesus ging er zu den Menschen, bis zum tiefsten Punkt aller menschlichen Existenz teilt er mit ihnen das Leben und will, dass es gelingt. Dabei gilt allen Gottes Heilswillen. Keiner ist ausgeschlossen, auch „Heiden“ sind berufen: „Und man wird von Norden und Süden kommen und im Reich Gottes zu Tisch sitzen. Dann werden manche von den Letzten die Ersten sein und manche von den Ersten die Letzten.“ 

Gottes Ordnung ist anders als unsere Ordnung. Das zeigen uns am deutlichsten die Seligpreisungen der Bergpredigt, in denen Jesus die Armen und Kleinen, Ohnmächtigen und Verachteten selig preist. Gott schaut von unten, nicht von oben auf Mensch und Welt, nicht von oben herab, sondern von unten hinauf geht sein Blick. Mit diesem Blick zieht er alle, die unten sind, in das Haus seines Vaters mit den vielen Wohnungen (Johannes-Evangelium 14,2) und lässt sie teilhaben am ewigen Festmahl des Lebens (Lukas-Evangelium 14, 15–24; Buch der Offenbarung 3,20).

Viele wollen durch die Tür. Aber der Hausherr, das ist Jesus, ruft ihnen zu: „Ich weiß nicht, woher ihr seid.“ Er müsste sie aber kennen, denn sie haben mit ihm gegessen und getrunken. Ihre Herkunft, ihr Stand, ihre gesellschaftliche Rang- und Machtstellung, ihr Bekannt-Sein mit dem Herrn zählen – nichts. Sie sind draußen. Dafür werden „die Heiden“ durch die Tür eingelassen. Die vielen haben den Kairos, den entscheidenden Zeitpunkt, verpasst. Sie sind nicht nur wie die törichten Jungfrauen (Lukas-Evangelium 11, 14–23) zu spät gekommen, sie haben auch durch ihr Leben, ihr Handeln provoziert, dass Jesus sagt: „Weg von mir, ihr alle habt Unrecht getan.“

Ein weiterer Gedanke: Die Tür ist das Leben. Im Kleinen, Unscheinbaren, Alltäglichen ist Gottesbegegnung möglich. Jetzt im Augenblick, am Computer, in der Schlange an der Kasse im Supermarkt, in der S-Bahn ist Gegenwart Gottes möglich, ist mir das Wort gesagt, das er an mich richtet. Ich muss nur hörbereit sein. Höre ich, wie er anklopft, eintreten und Mahl mit mir halten will (Buch der Offenbarung 3,20)? Verpasse ich den Moment, kann es zu spät sein: „Ich weiß nicht, woher ihr seid!“

Eine letzte Deutung: Die enge Tür, das bin ich selbst, mit meinem ganzen Leben. Das heißt, ich muss meinen Weg gehen, mit meinen Möglichkeiten und Ressourcen, die mir geschenkt sind, mit meiner Leidenschaft und Kraft, aber auch mit meinen Grenzen, meinen Schwächen, meinen Abgründen und Ängsten. In der Annahme meiner Wahrheit, meiner Unvollkommenheit und Kreativität, meiner Licht- und Schattenseiten, mache ich mich auf, das Ziel jenseits der Tür zu erreichen: der zu werden, der ich schon immer von Gott her bin.

Wer durch die enge Tür geht, muss sich auch wieder aufrichten. Nicht das Bücken ist also das Ziel, sondern das Aufrichten. Jesus richtet immer wieder, besonders bei seinen Heilungen, die Menschen auf, begegnet ihnen auf Augenhöhe, gibt ihnen ihre Würde zurück, die immer auch göttliche Würde ist. Wer durch die enge Tür kommt, wird empfangen wie ein Ehrengast zum Festmahl des Lebens.

E-Mail: thomas.bettinger@kolping-dv-speyer.de oder thomas.bettinger@t-online.de

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