Geistliches Leben

Donnerstag, 02. August 2012

Ein großes Drama, Ende nicht in Sicht

Wehe, wenn wir den Zeichen nicht auf den Grund gehen – Gedanken zum Johannes-Evangelium 6, 24–35 von Diplom-Theologe Klaus Haarlammert, Ordinariatsrat und Theologischer Berater in der Redaktion.

Ein Drama spielt sich hier ab, im heutigen Evangelium sehen wir nur eine kleine Szene daraus. Das ganze Drama beginnt mit einem Paukenschlag: Jesus macht aus fünf Gerstenbroten und zwei Fischen so viel, dass fünftausend Männer satt werden; zählt man Frauen und Kinder hinzu, ist es eine unglaublich große Menge; und zwölf Körbe voll bleiben davon Rest (Johannes-Evangelium 6,1–15). Das gefällt den Leuten: erst macht er die Kranken gesund, dann gibt er mehr als reichlich zu essen – alles im Überfluss und umsonst. Die Masse wird satt und hat noch dazu ein Spektakel. Brot und Spiele! Wenn er doch unser „König“ wäre! Jesus erkennt ihre Schlussfolgerung. Und entzieht sich. Weil dies nicht sein kann.
Aber die Leute lassen nicht locker. Jesus geht in die Offensive: Weil ihr satt geworden seid, lauft ihr mir nach, aber darum geht es mir nicht; dieses Brot macht satt auf Zeit, und lange aufbewahren geht nich; überhaupt: was ist „lange“, ist das nicht auch einmal zu Ende? Gewiss, ohne dieses Brot – das tägliche Essen und Trinken – kann keiner leben, aber auch nicht nur davon: Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die, die für das ewige Leben bleibt ... Sie dürfen nicht ihr körperliches Leben für das ewige halten, ihren Bauch nicht für Gott, ihr Sattsein nicht fürs Paradies: Das ewige Leben müssen sie im Sinn haben. Gott-Vergessenheit heißt das Übel.
Ihre Fragen offenbaren, dass sie Jesus nicht verstehen: Was müssen wir tun? Nicht „tun“, sagt Jesus, glauben! Aber die Leute bleiben beim „tun“: Welches Zeichen tust du, damit wir sehen und glauben? Sie reden vom Manna, dem wunderbaren Brot, das vom Himmel kam, damals in der Wüste; aber auch das war nur zum Sattwerden an einem einzigen Tag, nicht für den nächsten, schon gar nicht auf Vorrat. Das wahre Brot, sagt Jesus, gibt euch mein Vater vom Himmel, und dies gibt der Welt das Leben. Sie verstehen auch das nicht: Gib uns immer dieses Brot! Aber dieses Brot ist ja eben nicht dieses Manna, auch nicht das, was Jesus aus den fünf Gerstenbroten vermehrt hat. Überhaupt nicht geht es um dieses Brot, sondern um die Speise, die für das ewige Leben bleibt. Und dann bringt es Jesus auf den Punkt: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr dürsten.
Jetzt ist es raus: Ich bin das Brot des Lebens. Ich bin, was sättigt und tränkt für das ewige Leben. Jesus ist da für uns, einfach da. Wir müssen nichts tun, keine Werke, damit wir ihn verdienen. Wir müssen – nur – zu ihm kommen, wir müssen – nur – an ihn glauben. Alles, was wir tun, fließt daraus, aber führt dies nicht herbei.  Das ist das grobe Irr-Verständnis der Leute damals: Sie sehen nur das Äußere der Zeichen, nicht das Innere, den Urgrund; so auch – im bloß Vordergründigen – hungern und dürsten sie nach dem, was jetzt gerade, vorübergehend befriedigt, aber in keiner Hinsicht von Dauer und Tiefe ist; wenn sie Jesus so suchen, bleiben sie nur an Jesu Oberfläche hängen, sehen ihn „nach dem Augenschein“ (Johannes-Evangelium 7,24). Deshalb lassen sie sich auch nicht im Grund ihres Herzens auf Jesus ein, sie glauben nicht an ihn, es sei denn er erfüllt ihre Bedingungen: noch ein Zeichen, und Wunder ohne Ende: „Er soll doch jetzt vom Kreuz herabsteigen, damit wir sehen und glauben“ (Markus-Evangelium 15,32). Das ist purer Unglaube, das ist letztendlich die Flucht ins bloße Tun. Aber nur, wer zu Jesus kommt und an ihn glaubt, erfährt, dass er seinen Lebenshunger und Lebensdurst ein für allemal gestillt bekommt. Müßig wäre es, das Irr-Verständnis der Leute damals anzuprangern, ohne offen und ehrlich zu fragen, ob nicht wir, allzu viele von uns heute dem selben Irr-Verständnis erliegen.
An diesem Sonntag endet das Evangelium hier. Aber es geht weiter. Das Drama spitzt sich zu, bis zur Unversöhnlichkeit, bis zur Spaltung sogar unter den Jüngern, die Jesus doch am nächsten stehen und vermeintlich fest an ihn glauben. Das Drama geht wohl nie zu Ende, bis in unsere Tage. Lassen uns Distanz und Gewöhnung dieses erregend Dramatische, dieses Existentielle noch  unter die Haut gehen? Mühen – mühen! – wir uns um die Speise, die Jesus ist, die fürs ewige Leben bleibt? Haben wir überhaupt ein Verständnis dafür? Oder begnügen wir uns mit dem Brot von der Erde? Bringen wir uns unter in der Masse, ihrer Sucht nach Zeichen, Wundern? Dies mag für kurze Zeiten befriedigen, nicht aber für die Dauer – für das ewige Leben schon gleich gar nicht.

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