Geistliches Leben

Donnerstag, 02. Februar 2012

Ein Tag (und eine Nacht) mit Jesus

Von Begegnungen, Wundern und einer „Insel der Stille” – Gedanken zum Markus-Evangelium 1, 29–39 von Pastoralreferentin Annette Schulze

Vielleicht haben Sie sich das auch schon einmal gewünscht: einen Tag mit Jesus zu verbringen. Zu erleben, wie sein Leben ausgesehen hat, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Es wäre doch toll, einmal alle Fragen direkt bei ihm loswerden zu können und vor allem: Antworten zu bekommen! In diesem Sonntagsevangelium haben wir so etwas wie eine Gelegenheit dazu: Das Evangelium erzählt uns diesen Tag in drei Szenen.
Die erste beschreibt eine Heilungsgeschichte: Die Schwiegermutter des Petrus liegt mit Fieber im Bett. Jesus geht zu ihr, richtet sie auf und stellt sie wieder auf die Beine. Er hat keine Berührungsängste: er nähert sich der Kranken – tritt in ihr Frauengemach, und ganz schlicht, ohne große Worte zu machen, wendet er sich ihr zu und wendet die Krankheit in Gesundheit, das „Daniederliegen“ in den aufrechten Stand: er macht sie gesund. Als Zeichen ihrer Heilung und ihrer Dankbarkeit nimmt die Frau sofort ihre Aufgaben wieder auf und sorgt für Jesus und seine Freunde. Im Urtext ist vom Tischdienst, der „Diakonie“ die Rede.
In einer zweiten Szene berichtet Markus von der Reaktion der Menschen in der Stadt: Sie bringen alle, denen es nicht gut geht, vor die Tür des Hauses, in dem sich Jesus aufhält. Die ganze Stadt versammelt sich dort. Und Jesus heilt viele Kranke und treibt Dämonen aus. Er lässt nicht zu, dass die Dämonen reden, denn sie wissen, wer er ist. Wie an vielen anderen Stellen in seinem Evangelium weist Markus auch hier darauf hin, dass über die Wunder Jesu nicht gesprochen werden soll. Erst in der Nachfolge, erst unter dem Kreuz können wir ihn mit dem Hauptmann als Gottes Sohn bekennen.
Die dritte Szene nun erzählt etwas ganz Anderes: Jesus zieht sich in aller Herrgottsfrühe, als es noch dunkel war, in die Stille zurück, an einen einsamen Ort, um zu beten. Petrus und seine Begleiter suchen ihn, und sie verstehen ihn und die Welt nicht mehr.  „Wo bist du denn? Alle suchen dich!“ Die ganze Stadt ist auf den Beinen, um Jesus zu erleben, und der ist auf einmal verschwunden. Wie kann er alles liegen und stehen lassen, wo so viele Leute auf seine Hilfe warten? Er könnte doch beten, wenn wieder Zeit dafür ist.
Die Gedanken, die Petrus sich macht, sind menschlich und so vertraut. Für’s Beten ist Zeit, wenn alles andere erledigt ist! Die Termine im Kalender drängen sich. Neben Arbeit und Familie müssen nun noch die neuen Strukturen für das Bistum in Richtung „2015“ erarbeitet und umgesetzt werden. Pfarrei, Gemeinde, Perspektiven, Verbände, Standards, Finanzen. Überall gibt es Dinge abzusprechen, zu beraten, zu entscheiden, damit nichts aus dem Blick gerät… Wenn das alles endlich geregelt ist, werden wir wieder Zeit haben – für die Stille und für das Gebet. Damit können wir uns ganz gut vertrösten. Wir tun ja wirklich wichtige Dinge, die dringend getan werden müssen.
Aber wann ist die Zeit zum Beten? Wann haben Sie Zeit für Stille, Zeit zum Beten? Jesus zeigt uns im heutigen Evangelium seinen Weg. Er hat keine Zeit, aber er nimmt sich Zeit für das, was ihm noch wichtiger erscheint als die Heilung der vielen Menschen, die auf ihn warten. Für ihn ist klar, dass sein Handeln und Heilen nur aus der Beziehung mit Gott kommen kann. Das Gebet ist die Quelle seiner Kraft. Es gibt ihm Halt und Sinn – es ist sein Fundament. Das Gebet ist auch unser Fundament. Wir brauchen die Stille genau so wie er – oder noch viel mehr! Und je weniger Zeit wir haben, je mehr wir unter Druck stehen, desto dringender brauchen wir sie! Franz von Sales formuliert treffend: „Nimm dir jeden Tag eine halbe Stunde zum Gebet, außer wenn du viel zu tun hast, dann nimm dir eine Stunde Zeit!“
Es ist nicht viel, aber ganz entscheidend: eine halbe Stunde am Tag raus aus dem Trott unseres Alltags. Raus aus dem Planen und Denken und Sorgen. Raus aus dem Müssen und Machen. Hinein in die Stille – ins „Einfach – nur – Dasein“. Wir brauchen den einsamen Ort, um frei zu werden von all den Geräuschen und Bildern und Eindrücken, die uns „besetzen“. Auf dieser „Insel der Stille“ kann sich klären, was unsere Aufgabe ist. Wir können uns neu ausrichten und Kraft schöpfen für die nächsten Schritte. Genau so wird es uns im Evangelium von Jesus geschildert. Er erkennt in der Stille, dass ganz anderes wichtig ist als nur die Menschen, die sich um ihn scharen und auf seine Hilfe warten. Es ist an der Zeit, weiter zu ziehen, um auch anderen Menschen die frohe Botschaft zu verkünden.
Von einem Tag und einer Nacht mit Jesus erzählt uns Markus. Von Begegnungen, Wundern und von der Stille. Unsere Fragen sind nicht beantwortet. Die Lösungen müssen wir selber suchen. Aber wir könnten es einmal probieren: uns zurück zu ziehen, uns eine stille Zeit zu gönnen, an der Quelle Kraft zu schöpfen. Wir können uns die Zeit dafür nehmen – wie Jesus es getan hat.
schulze.annette@web.de

 

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