Etwa zur Zeit der Erbauung des Speyerer Doms hat im Echternacher Evangelienbuch ein Künstler die Perikope der Heilung des Aussätzigen für seine Zeitgenossen dargestellt. Das Bild wird beherrscht von einer Diagonalen, die von links oben zur rechten unteren Ecke verläuft. Jesus führt die Personengruppe an, die von oben kommt. Er ist größer dargestellt als die ihm folgende Zweiergruppe, offensichtlich zwei Apostel, barfuss wie Jesus und in Haltung und Kleidung ähnlich wie er. In geringem Abstand folgen vier weitere Personen in Schuhen und Kleidern der Zeitgenossen des Künstlers. Der Erste von ihnen trägt eine Krücke vor sich her zum Zeichen, dass er als Geheilter sie nicht mehr benötigt. Der Bewegung von oben begegnet eine Bewegung von unten: aus der untersten Ecke geht ein armselig mit einem Tuch bekleideter Mann tief gebeugt auf Jesus zu, über und über mit Geschwüren bedeckt. Die Hände bittend Jesus entgegengestreckt. Augen und Mund sprechen: „Wenn du willst, kannst du mich rein machen.“
Jesus wendet sich dem Aussätzigen zu. Aus dem Bereich Gottes heraus geht er ihm entgegen. Darum kann der Aussätzige es auch wagen, aus seinem Lebensbereich heraus einen Schritt auf Jesus hin zu machen. Sein Ort im Leben ist in der untersten Ecke der Gesellschaft, fast außerhalb der Menschen. Sollte er sich einmal in die Nähe von Menschen trauen, muss er durch den Ruf „unrein, unrein“ alle vor sich warnen. Vorschriften, die von der damaligen Gesundheitsbehörde, der Priesterschaft, her verständlich waren. Sie sollten eine Ansteckung mit der früher unheilbaren Krankheit verhindern. Wie grausam war diese Krankheit für den Aussätzigen! Zu dem schmerzhaften körperlichen Verfall kam noch die Ächtung durch die Mitmenschen hinzu. Das Leid wurde noch gesteigert durch die herrschende Vorstellung, dass ein Aussätziger auch von Gott geächtet und ihm damit die Teilnahme am Gottesdienst verwehrt ist. Aussatz als Strafe Gottes für einen Sünder. Ihn musste man meiden, er war ausgesetzt und – obwohl noch lebend – bereits tot.
Wie groß muss das Vertrauen des Aussätzigen auf Jesus sein. Von diesem erwartet er, dass er anders über Gott denkt und stärker ist als die Krankheit. Ihm traut er zu, dass er die Vorurteile über die Aussätzigen nicht teilt und keine Angst vor der Nähe zu ihnen hat. Er vertraut darauf, dass Jesus ihn herausholen kann aus dem Gefängnis der Krankheit und seiner Angst vor Gott. Vielleicht ist es seine letzte Chance zu einem neuen Leben. Er sucht die unmittelbare Nähe Jesu und ignoriert dadurch das Gesetz, weil er hofft, dass das Erbarmen Jesu und sein Mitleid mit dem Kranken und Ausgesetzten wichtiger sind als menschliche Vorschriften.
Auch Jesus lässt das Gesetz außer Acht, das ihm den Kontakt zu einem Aussätzigen verbietet. Er berührt ihn, diesen unansehnlichen Kranken mit seinem ekelhaften Aussehen. Er schreckt nicht vor dem Leid zurück und hat keine Angst sich anzustecken. Indem er ihn ansieht und ihn anspricht, verleiht er ihm Ansehen und gibt ihm seinen Wert und seine Würde zurück. Er heilt seinen Leib und seine verletzte Seele und macht ihn auch vor Gott rein. Der Geheilte hat seine Selbstachtung wieder gefunden. Nun ist er wieder Vollmitglied in seinem Volk. Der Gang zum Priester stellt die Ordnung des Mose wieder her. Er ist zugleich ein Impuls darüber nachzudenken, ob die Sicht der Priester von der Krankheit und ihr Bild von Jesus nicht korrigiert werden müssen. Denn vom Aussatz kann nur Gott befreien, der durch Jesus heilt. Vielleicht ahnen sie nun etwas von der Nähe Jesu zu Gott.
Die Anweisung an den Geheilten, nichts von dem Geschehen zu erzählen, wird häufig damit begründet, dass Jesus verhindern wollte als Wundertäter missverstanden zu werden. Er wollte als Bote des Reiches Gottes gesehen werden. Der Geheilte jedoch kann nicht anders als zu verkündigen, was ihm geschenkt wurde, und wer es ist, der sich dem Menschen heilend zuwendet.
Der Künstler des Echternacher Evangeliars hat auf seinem Bild ganz bewusst Menschen seiner Zeit in der Nachfolge Jesu dargestellt. Damit verweist er auf die zeitlose Gültigkeit der Heilung des Aussätzigen und auf die Konsequenzen daraus für seine Zeitgenossen. Sie müssen weitersagen, dass auch sie durch Jesus Heil erfahren haben und selbst die Aufgabe Jesu als heilende Menschen weiterführen sollen. Auch wir werden mit der Frage konfrontiert, wer sind die Aussätzigen in weiten Teilen der heutigen Gesellschaft oder in unserer nächsten Umgebung. Wie gehen wir mit den Menschen um, die auch durch kirchliche Bestimmungen oder staatliche Gesetze, durch gängige Vorurteile und Öffentliche Meinung in unterschiedlicher Weise an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, die gemeiner Häme und Mobbing ausgesetzt sind? Wo ist unser Platz? Folgen wir als Geheilte Jesus und gehen wir mit Verstehen und Erbarmen auf „Aussätzige“ zu? Strecken wir vielleicht selbst bittend die Hände nach Jesus aus oder sind wir auf dem Bild gar nicht zu finden, weil wir selbst Mitmenschen unmerklich in die Ecke gestellt und diskriminiert haben?
theo.wingerter@t-online.de
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