Geistliches Leben

Mittwoch, 19. April 2017

Finger in die Wunde legen

Und nicht die Hände in den Schoß – Gedanken zum Johannes-Evangelium 20, 19–31 von Diakon Hartmut von Ehr

Endlich geschafft. Nach 13 Jahren Schule ist das Abitur gepackt. Die letzten Monate waren ganz schön stressig. Doch jetzt sind die mündlichen Prüfungen  vorbei, die Abi-Feier steht in wenigen Tagen an, dann ist die Schulzeit abgeschlossen. Die Gefühlswelt vieler Abiturienten ist zwiegespalten. Einerseits sind sie froh, dieses Ziel erreicht zu haben. Andererseits muss man Gewohntes aufgeben, Freundinnen und Freunde wird man nicht mehr so oft sehen, und überhaupt wird der ganze Alltag ein anderer werden. Was sie machen wollen – das wissen viele auch noch nicht so richtig.

Ähnlich erging es Julia vor einigen Jahren. In der 12. Klasse fiel ihr jedoch ein Flyer der „MissionarInnen auf Zeit“ in die Hände. Die Organisation bietet Projekte in der ganzen Welt an, meist in sehr armen Ländern, um bei Ordensleuten mitzuleben und sich für die Menschen vor Ort zu engagieren. Julia meldete sich in der Zentrale in Stuttgart und bereitete sich ein Jahr lang auf ihren Einsatz  vor. Malawi in Afrika, eines der ärmsten Länder der Welt, sollte ihr Ziel sein. Ihr Einsatzort war ein Gesundheitszentrum, das in Deutschland den Namen nicht verdienen würde. Jeden Tag versorgte sie zusammen mit den Schwestern unterernährte Kinder mit einer speziellen Nahrung, unterstützte Mütter beim Stillen, assistierte bei Geburten. Es war eine belastende Arbeit, aber in Julia wuchs der Wunsch, Gynäkologin zu werden. Nach einem Jahr in Afrika kam sie nach Deutschland zurück und schrieb sich in Medizin ein. Ihr Ziel: Sich später auf Gynäkologie und Tropenmedizin zu spezialisieren. Die Zeit hat sie sicher gemacht, dass dies der richtige Weg ist. Ihre Finger haben die Armut und Bedürftigkeit der Menschen erspürt und gespürt. Das hat ihr Leben verändert, den Sinn ihres Lebens deutlicher hervortreten lassen.

„Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände!“ So fordert Jesus Thomas im heutigen Evangelium auf. Thomas, der nicht eher an die Auferweckung Jesu glauben will, bis er seine Finger in dessen Wunden legen kann, wird hier eines Besseren belehrt. Mit seinen Fingern kann er die Auferstehung fassen, das neue Leben förmlich erspüren. Buchstäblich legt er seine Finger in die Wunde. Und wird dadurch ein anderer Mensch. Er zuckt nicht zurück, wie es viele Gaffer tun, wenn sie einen  verletzen Menschen auf der Straße sehen. Die eher fotografieren, als zu helfen. Thomas scheut nicht die offene Wunde, sein Drang nach Gewissheit ist stärker. Im Berühren, im Anpacken, im Helfen verändern sich die Menschen. Sie spüren den Auftrag, sie finden einen Sinn, und sie entdecken dabei ihre Berufung. Wie Thomas, der bekennt: „Mein Herr und mein Gott“. Mit diesem Bekenntnis beginnt für ihn an anderes, neues Leben.

Mich erinnert diese Auferstehungsgeschichte an das Bild von Michelangelos Bilderzyklus an der Decke der Sixtinischen Kapelle im Vatikan. Adam blickt sehnsüchtig hin zum Schöpfer. Und Gott nimmt Adam in seinen fordernden Blick. Adam soll ins Leben treten. Sein linker Arm ist auf dem angewinkelten Knie aufgelegt, die Hand hängt noch schlaff nach unten geneigt. Kraftvoll ausgestreckt hingegen die Rechte Gottes. Der Zeigefinger weist hin auf jenen von Adams linker Hand. Der Blick des Betrachters wird auf die beiden Hände gelenkt und zu den Fingerspritzen geführt. Aber die beiden Finger berühren sich nicht, es bleibt ein Abstand. In dieser Fastberührung erhält Adam sein Leben. Thomas kann mit seinen Fingern die Wunden Jesu berühren, die Auferstehung wird handgreiflich. Er wird so zum neuen Adam.

Es ist eine Aufforderung an uns: Lege deine Finger in die Wunde. Halte dich nicht zurück, wenn es um die Gerechtigkeit in dieser Welt geht. Setze dich ein für die Belange deiner Mitmenschen. Hände in den Schoss zu legen, führt nicht weiter. Packe mit an.

Ich wünsche den Abiturienten von heute, dass sie ähnliche Erfahrungen machen dürfen. Dass sie sich nicht zu schade sind, sich die Hände schmutzig zu machen,  und dass sie beim Tun ihre Berufung erkennen können. „Lege deine Finger in die Wunde“, eine Aufforderung, die uns motivieren kann, sich für die Belange in dieser Welt einzusetzen.

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