Geistliches Leben

Mittwoch, 17. Mai 2017

Gott bleibt uns nahe

Der Heilige Geist erinnert uns an die Wahrheit des Lebens – Gedanken zum Johannes-Evangelium 14, 15–21 von Pfarrer i.R. Bernhard Lin­vers

Abschied nehmen schmerzt. Wenn Menschen, die einander nicht viel bedeuten, voneinander getrennt werden, gerät vieles schnell in Vergessenheit. Wenn jedoch Menschen sich sehr viel bedeutet haben, wenn sie sogar in tiefer Liebe miteinander verbunden waren, ist das etwas völlig Anderes: Dann sind die Augenblicke der Trennung noch mehr Anlass, aneinander zu denken. Und die härteste Form äußerer Trennung – der Tod – kann die Bande der Liebe nicht zerreißen, sondern es kann eine neue – innere – Gegenwart entstehen, mit einem immer tieferen Gefühl der Bedeutung des Anderen.

Könnte dies nicht die erste Verheißung sein, die Jesus seinen Jüngern  vor seinem Sterben sagen will? Sie leben zwar äußerlich getrennt von ihm, aber er lässt sie nicht als „Waisenkinder“ zurück. Sie werden umso tiefer spüren, was er ihnen bedeutete, sie werden immer mehr denken, wie er dachte, immer mehr fühlen, wie er fühlte, immer mehr leben, wie er lebte, immer mehr lieben, wie er liebte. Sein Geist – so sagt Jesus – werde in ihnen Wohnung nehmen. Das als Antwort auf ihre Angst und Sorge für die Zukunft, ihre Angst, auf die Ratlosigkeiten ihres Lebens keine Antwort zu wissen, könnte den Jüngern Lebensmut und Hoffnung geben.

Unter uns Menschen ist sicher eine unserer schönsten Tätigkeiten, andere Menschen – besonders Kinder und Jugendliche – bis zu einem Punkt zu begleiten, an dem jede und jeder von innen her so gefestigt und so stark ist, sein  eigenes Leben zu gestalten. Alles an Sorgen und Begleitung und Erziehung hat nur Gültigkeit, wenn es diesem Ziele dient, selbstständig zu werden. Viele Jahre müssen Eltern ihren Kindern Vorbild, Begleitung und Halt sein, bis die Kinder bereit und sicher sind, ihren Lebensweg aus eigenen Kräften zu gehen.  

Von den Eltern „abnabeln“ nennen wir diesen Prozess des Selbstständig werdens. Sicher ist das oft ein schwieriger, schmerzhafter Vorgang. Aber aus „Objekten“ der fürsorglichen Behandlung werden „Subjekte“ verantwortlichen Handelns. Nur so kann Reifung gelingen.

Jesus drückt in diesen Abschiedsworten an seine Jünger aus, dass es keinen Unterschied gibt zwischen Liebe und Gehorsam, zwischen Zuneigung und Pflicht. Wer seine Gebote hält, der ist es, der ihn liebt. Wir stoßen uns oft am Wort „Gebot“ als etwas, das uns von außen auferlegt wird. Vielleicht wäre das Wort „Weisungen“ besser, im Sinn von Weisheiten, durch die man sein Leben sinnvoll gestalten kann. 

„Wenn ihr mich liebt, so werdet ihr meine Weisungen halten“, würde es besser übersetzt heißen. Jesus schickt uns seinen Beistand, damit wir diese Weisungen als Geschenk annehmen und sie leben können. Dann bleiben es keine Gebote von außen, sondern werden ein Stück von uns selbst. Was  Jesus gesagt hat, wird unser Eigenstes, was er war, unser eigenes Leben. 

Jesus lehrt uns die Liebe, die ein geglücktes und erfülltes Leben schenkt. Er wollte nicht die Finger auf das legen, was in unserem Leben gebrochen ist. Er wollte uns vielmehr zeigen, zu welcher Größe und Würde und Schönheit ein jeder Mensch berufen ist.

Wir können mit offenen Augen durch unsere Welt gehen und in den Menschen die Liebe Gottes erkennen. Jedoch wenn man uns so sieht, wie wir sind, kann man manches Mal den Eindruck gewinnen, dass wir uns nur mit den Augen der Traurigkeit anschauen, wenn wir immer nur das Negative in der Welt und bei den anderen Menschen sehen. Wenn wir ständig nur die Mängel sehen und das, was wir brauchen, oder noch schlimmer: Nur das, was wir nicht haben, was uns fehlt, kann Mitleid erzeugen, aber das ist nicht Liebe. 

Der Beistand, den Jesus uns zu senden versprochen hat, ist ein Beistand in allen Anfechtungen und ein Anwalt in aller Not. Er ist die Zusage der persönlichen Nähe Gottes. An anderer Stelle sagt der Evangelist, er ist wie ein Hauch, wie der Atem. So ist Gottes Geist in mir; er beteiligt sich an meinem Leben. Das ist die größte Würde, die ein Mensch besitzen kann.

Als „Geist der Wahrheit“ wird der Beistand bezeichnet. Damit ist nicht gemeint, dass er uns in Lehrsätzen oder Glaubenssätzen über die Wirklichkeit Gottes und der Welt belehrt. Es geht nicht um theoretisches Wissen, es geht um die Wahrheit des Lebens Jesu, vor allem dass Scheitern, Kreuz und Tod nicht das Ende sind, sondern dass Gott im Tod neues Leben schafft.

Diese Botschaft hat er seinen Jüngern anvertraut und hat sie darin gestärkt, sie zu leben und weiterzugeben. Dies ist auch unsere Aufgabe im Hier und Jetzt.

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