Geistliches Leben

Donnerstag, 31. Mai 2012

„Ich bin bei euch alle Tage“

Die Begegnung mit Gott ruft uns in die Welt - Gedanken zum Matthäus-Evangelium 28, 16–20 von Diplom-Theologe Thomas Bettinger

„Ich bin bei Euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ – Das sind die Schlussworte des großen Matthäus-Evangeliums. Im Vers zuvor hat der Auferstandene „seine Freunde“ (Johannes-Evangelium 15, 15) beauftragt, zu allen Völkern zu gehen, die Menschen zu seinen Jüngern zu machen und sie zu taufen „auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Darauf, auf diesen einen Satz, läuft das ganze Werk des Matthäus hinaus: „Ich bin bei euch.“ Kann es eine tröstlichere und ermutigendere Botschaft geben? Für die Jünger, die Jesus mit einem schier unmöglich scheinenden Auftrag losschickt? Aber auch für uns, die wir „Ergebnis“ dieses Missionsbefehls nach 2000 Jahren sind? Es ist die Botschaft der einen Bibel, wie sie Mose in der Namensoffenbarung Gottes erfahren hat: „Ich bin der Ich bin da“ (Buch Exodus 3, 14), d.h. Ich bin der, der immer für euch da ist, jetzt und alle Zeit, im Leben wie im Sterben.
Wie kann ich Gott begegnen, seine Gegenwart in meinem Leben erfahren? Wo muss ich suchen, wohin gehen, um ihn zu finden? Wie weit ist der Weg, um zu ihm zu gelangen? Angelius Silesius, der bedeutende Lyriker und Mystiker des Barock, sagt es so: „Halt an, wo läufst du hin, der Himmel ist in dir: Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für. Ich bin so groß als Gott, er ist als ich so klein. Er kann nicht über mich, ich unter ihm nicht sein.“ Der indische Jesuit Sebastian Painadath, ein angesehener Theologe und spiritueller Lehrmeister, schreibt: „In jedem Augenblick sind wir vom göttlichen Leben gespeist, wie der Lebenssaft des Weinstocks die Reben erfrischt (Johannes-Evangelium 15, 5). Christus ist Gottes heilende Gegenwart in uns und um uns. Unser Leben entfaltet sich in Christo, wie Paulus wiederholt (144mal) sagt.“ Heute also, in meinem Leben, in meinem Alltag ist Gott erfahrbar. Und ich muss ihn nicht außerhalb von mir suchen. Er ist vielmehr – in mir.
Und er ist eine Kraft, die bewegt. Diese dynamische Gegenwart Gottes „in uns und um uns“, die mich treibt, die mich heilen, verwandeln will, ist der Heilige Geist. Er ist der alles durchfließende und lebendig machende Lebensatem Gottes, der mich mit allem, was lebt und atmet, mit der gesamten Schöpfung, mit jedem Menschen verbindet. Wenn ich mich dem Heiligen Geist überlasse, kann es geschehen, dass er mich in meine eigene Tiefe führt, wo mir Christus als „Gottes heilende Gegenwart“ begegnet. Und ich kann die überraschende Erfahrung machen: In der Begegnung mit dem Göttlichen komme ich zu mir selbst.
Solche Erfahrung ist Geschenk. Ich kann nicht über sie verfügen, sie planen oder kontrollieren. Der Geist weht, wo er will. Ich kann aber dazu beitragen, in die Haltung der „Bereitschaft“ (Meister Eckart) zu gelangen durch tägliche Übung – durch Gebet, Schriftlesung, achtsames Atmen, Sensibilität für meinen Leib, um im „Sakrament des Augenblicks“ (Richard Rohr) zu leben. Folgendes Gespräch (nach Richard Rohr) kann das Gemeinte veranschaulichen:
Der Schüler fragte den Zen-Meister: „Kann ich irgendetwas tun, um die Erleuchtung zu erlangen?“ Der Meister antwortete: „So wenig wie du dazu tun kannst, dass am Morgen die Sonne aufgeht.“ Da wollte der Schüler wissen, wozu denn die spirituellen Übungen taugten, die der Meister lehre. Dieser antwortete: „Du übst, damit du nicht schläfst, wenn die Sonne aufgeht.“
Wer bereit ist, den Weg in die eigene Tiefe zu gehen, ist nicht weltentrückt, sondern weltzugewandt, weltoffen. Von der französischen Mystikerin Madeleine Delbrêl (1904-1964) stammt das Wort: „Lernen wir, dass es nur eine einzige Liebe gibt. Wer Gott umarmt, findet in seinen Armen die Welt; wer in seinem Herzen das Gewicht Gottes aufnimmt, empfängt auch das Gewicht der Welt.“ Wer sich öffnet für die Begegnung mit dem Herrn in seinem eigenen „Seelengrund“ (Meister Eckart“), vermag ihn auch in der Welt zu sehen, in der Schöpfung, in der lebendigen Kreatur, in jedem Menschen. Der vermag auch zu sehen, dass der Herr leidenschaftlich mit den Leidenden ist, mit den Armen und Ohnmächtigen, den an ihren Lebensentwürfen Gescheiterten, mit den politisch Verfolgten und ihrer Freiheit Beraubten, den wegen ihrer Hautfarbe oder Religion Diskriminierten und den am Schmerz Zerbrochenen. Wo das Leben behindert oder bedroht ist, ist der Liebhaber des Lebens zu finden. In der Begegnung mit ihm ruft uns Jesus Christus auf, mit ihm das Engagement für Welt und Mensch zu wagen.
Und wer das tut, wer liebt, sich sozial und politisch engagiert, sein Leben teilt mit seinen Mitmenschen, der teilt es mit Gott selbst! „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen … Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Matthäus-Evangelium 25, 35-40). Und den Liebenden gilt die Zusage: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

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