Geistliches Leben

Freitag, 18. Mai 2012

Letzte Worte als Bitte und Auftrag

Was will das „Abschiedsgebet des Herrn“ uns Christen sagen? – Gedanken zum Johannes-Evangelium 17, 6a. 11b–19 von Pastoralreferent Thomas Stephan

„Wollen Sie seinen Abschiedsbrief lesen?“, fragte mich seine Mutter. So kam es, dass ich die letzten Zeilen eines noch nicht einmal 30 jährigen Soldaten zu lesen bekam. Er hatte für sich beschlossen seinem Leben ein Ende zu setzen. An seine Eltern und Geschwister, an seine Freundin und Kameraden hatte er kurz vor seinem Tod geschrieben. So saßen wir nun, seine Eltern und ich, fassungslos am heimischen Esstisch zusammen. Wie gebannt starrten wir auf den Papierblock auf den er alles notiert hatte. In allem Schmerz, in aller Trauer, waren die Eltern froh, wenigstens „etwas“ von ihrem Sohn hinterlassen bekommen zu haben, was ein wenig Licht in seine letzten Gedankengänge bringen konnte. Jeder Satz, jedes Wort, jeder Schriftzug hatte ein unglaubliches Gewicht aufgrund der Tatsache bekommen, dass er wenig später seinen Worten Taten folgen ließ.
Letzte Worte, Abschiedsbriefe und Testamente gehören zu den wichtigsten Äußerungen, die ein Mensch tätigen kann. An ihnen ist viel abzulesen und sie sollten wohl gewählt werden. Das heutige Evangelium ist so ein Text, wo die Worte wohl gewählt wurden. Diese Auszüge aus dem 17. Kapitel bei Johannes sind in der Einheitsübersetzung mit „Abschiedsgebet des Herrn“ überschrieben und stehen unmittelbar vor den Kapiteln über Jesu Leiden und Sterben. Im Angesicht seines eigenen Leidens und Sterbens fasst Jesus hier für seine Jünger sein Vermächtnis in Gebetsform zusammen. In diesem Dank- und Bittgebet legt Jesus, wie der Theologe Felix Porsch sagt, einen „Rechenschaftsbericht“ über seine Sendung vor.
Entscheidend ist hierbei zunächst einmal, dass Jesus Gesandter des Vaters ist. In „seinem Namen“ war er unterwegs, dementsprechend ging es ihm darum, den Menschen den Vater näher zu bringen. Die Jünger sollen den „Stab“ von ihm übernehmen und sich, wie er, auf den Weg zum Vater machen. Jesus gibt des Weiteren gewissermaßen die Verantwortung über die Jünger an den Vater wieder zurück. Er befiehlt sie ihm an und bittet ihn, dass er in Zukunft auf sie aufpasst mit den Worten: „Bewahre sie in deinem Namen.“
Wichtig ist in diesem Abschnitt auch Jesu Hinweis auf einen der zentralen christlichen Aufträge, nämlich das Gebot der Einheit! So wie er eins war mit dem Vater, so sollen auch die Jünger eins sein untereinander. Außerdem hinterlässt Jesus den Seinen seine „Freude“, die es gilt nie zu verlieren, trotz aller Gefahren und Anfeindungen. Schließlich braucht es die Verankerung im Wort Gottes, also in Jesus Christus, der die Wahrheit ist und in dem der Ursprung neuen Lebens liegt.
Im „Abschiedsgebet des Herrn“, in dem Johannes auch seine Kerngedanken auf den Punkt bringt, geht es um Nachfolge, Bewahrung, Einheit, Freude und Wahrheit.
Nachfolge beinhaltet – auf uns übertragen – die Anfrage, wie es denn um unsere Nachfolge Jesu bestellt ist? In welchem konkreten Handeln versuche wir in die Fußstapfen Jesu zu treten? Was versuchen wir so zu handhaben wie er?
„Bewahrung“ ist das, worum Jesus seinen Vater für uns gebeten hat. Trotz vieler selbstverschuldeter Irrungen und Wirrungen gibt es seine Jüngerschar bis zum heutigen Tag. Wo setzen wir uns für unseresgleichen bewahrend und beschützend ein? Mit wem solidarisieren wir uns, für wen treten wir ein?
Der Auftrag „eins zu sein“, ist gefährdeter denn je. So viele Strömungen, Tendenzen und Gruppierungen betreiben (Kirchen-) Politik. Bis in die kleinsten Formulierungen hinein wird polarisiert. Wo bleibt da der Wille zur Einheit, oder halten wir deren Verwirklichung nur noch für einen frommen Wunsch, der seinen Platz vor allem in Sonntagsreden und Grußworten findet?
Macht uns der Glaube an Jesus Christus noch wirklich froh? Spüren wir (noch), dass wir Anteil an einer göttlichen Freude haben dürfen? Schließlich sollten wir uns nach dem Stellenwert des Wortes Gottes bzw. nach der Bedeutsamkeit Jesu für unser Leben fragen? Ist dieses Wort bzw. ist Jesus zu normal, oder gar schon zu banal geworden? Was kann er mir heute noch sagen und mit auf den Weg geben? Welche Wahrheit steckt für mich darin?
Letzte Worte, Abschiedsbriefe und Testamente sind sehr bedeutsam. Normalerweise sind sie etwas sehr intimes und persönliches. Dementsprechend sind die Worte des Abschiedsbriefes des Soldaten nicht für eine breite Öffentlichkeit bestimmt. Im Gegensatz dazu hat Jesus in seinem Abschiedsgebet uns allen was zu sagen.

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