Geistliches Leben

Freitag, 06. Juli 2012

Mein Urteil über andere

Und – was werden die Nachbarn dazu sagen? – Gedanken zum Markus-Evangelium 6, 1b–6 von Diakon Hartmut von Ehr

Am 22. Juni dieses Jahres wurden auf dem Markplatz von Kusel nach einem ökumenischen Gottesdienst 382 Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte vereidigt. Sie nehmen nun ihren Bachelor-Studiengang auf, in etwa zwei Jahre werden sie ihr Examen als Polizistin oder Polizist ablegen. Die meisten schlagen direkt nach dem Abitur diesen Weg ein. Andere haben bereits Berufserfahrung. Wie Matthias, der zuerst Anlagen- und Maschinenbau studierte. In einer angesehnen Firma fand er schnell eine Anstellung und arbeitete vier Jahre im In- und Ausland. Aber irgendwie hat ihm die Arbeit nicht die Erfüllung gebracht, die er suchte. Er sieht seinen Vater, einen Polizeibeamten, der noch im Dienst ist und seinen Beruf liebt. Und plötzlich erinnert er sich, dass dies ja auch einmal sein Berufswunsch gewesen ist. Der Zeitpunkt ist gekommen, und er bewirbt sich bei der Rheinland-pfälzischen Polizei. Er wird eingestellt. Nun, nach der Vereidigung, wird er sein neues Berufsziel mit Energie anstreben. Ja, er wird seiner Berufung folgen.
Ähnliche Lebensgeschichten finden sich auch im kirchlichen Bereich. Viele – sogenannte Spätberufene – werden Diakon oder Priester. Merken nach einigen Berufsjahren, dass sie sich ihr Leben auch anders vorstellen könnten. Fühlen sich von Gott in seinen Dienst gerufen. Und so kommt es zum Umdenken, es wächst der Mut zur Veränderung – manchmal schleichend über viele Jahre, manchmal überraschend schnell. Sie spüren, dass ihnen etwas ganz Entscheidendes fehlt, um im Leben den Sinn zu finden, auf dessen Suche sie sind. 
Bei manchen, denken wir an den heiligen Franz von Assisi, kommt der Ausbruch aus dem Alltag besonders für Außenstehende aus heiterem Himmel. „Das hätten wir niemals für möglich gehalten“, so die Reaktionen der Freunde und Bekannten auf den Wandel.
Jeder, der schon einmal versucht hat, etwas Neues auf den Weg zu bringen, kennt diese oder ähnliche Reaktionen. Und je überschaubarer das Umfeld, desto verständnisloser reagieren die Menschen: „Das hat es noch nie gegeben“ oder „Was hat denn den geritten?“ lauten Ausrufe und Fragen.
Woher kommt dieses Unverständnis? Es sind zunächst einmal Ängste, die im Menschen geweckt werden. Es tut uns gut, wenn wir eingefahrene Rollen spielen können, die auch von uns erwartet werden. Sie mögen uns manchmal etwas einengen, aber wir können damit umgehen und fühlen uns sicher. Jeder Ausbruch aus diesem Gefüge verunsichert besonders die Umstehenden. Unverständnis und Skepsis rühren meist daher, weil man selbst diesen Schritt nicht wagt, aus dem Gewohnten auszubrechen; und man gleichzeitig dem anderen diesen Schritt nicht gönnt, den man selbst nicht bereit ist, zu tun.
Es ist bequem, Bekannte, Freunde und Arbeitskollegen einschätzen zu können. Das gibt mir selbst Sicherheit in meiner Rolle, die ich dabei einnehme. So stecke ich die Menschen in meinem Umfeld in Schubladen und glaube voraussagen zu können, was sie sagen und wie sie reagieren werden. Und mit diesem Erfahrungsschatz fällt es leicht, auch Personen, denen ich nur kurz einmal begegnet bin, einzuordnen und in eine Schublade abzulegen. Schon Äußeres, die Kleidung, die Frisur, die Körperhaltung, lassen mich schnell ein Urteil über einen Menschen sprechen. Mein Bild ist fertig, mein Urteil gesprochen. Ob das dem Gegenüber nun entspricht oder nicht, ist zweitrangig. „Den kenne ich doch“ oder „der war doch schon immer so“, sind die fest gefassten Meinungen. Da hat der Andere keine reelle Chance, sein wahres Gesicht zu zeigen. So stirbt die Beziehung und die Freundschaft.
Genau so ergeht es Jesus. Auch er ist auf eine Rolle fest- und in den Schubladen der Leute abgelegt. „Wir kennen ihn doch, das ist doch der Sohn des Zimmermanns“. Damit bauen sich die Menschen eine Mauer auf: die Mauer, es immer schon gewusst zu haben. Nur dass diese Mauer keine Tür enthält. Eine Offenheit ist damit nicht mehr gewährleistet. Jesus kann sein Wirken in diesem Schutzwall an Meinungen nicht mehr entfalten. Er – der mit seinen Wundern auf den Glauben der Menschen angewiesen ist – erfährt hier Zweifel und sogar Hass und Zorn.
Dieses Evangelium empfinde ich als eine Mahnung an mich. Ich bin auch gerne versucht, Menschen vorschnell zu beurteilen und in meine Schubladen einzusperren. Mich von Schwarz-weiß-Gedanken bestimmen zu lassen. Dennoch bin ich mir bewusst, dass ein Miteinander mit solchen Vorstellungen eher blockiert als erleichtert wird. Natürlich weiß ich, dass ein offener Umgang und die Neugier auf die Vorstellungen meines Gegenübers ein besseres Klima erzeugen und erst so Freundschaft wachsen kann. Aber immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich dazu nicht bereit bin. In Nazareth sind damals die Beziehungen zwischen Jesus und den Bewohnern zerbrochen. Ihm war es dort nicht mehr möglich, seine Berufung zu leben. Keiner wollte seine Veränderung wahrnehmen.Mir sollte das zur Warnung gereichen.

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