Geistliches Leben

Donnerstag, 12. Juli 2012

Mit Sandalen und ohne zweites Hemd

Was wir zum Aufbruch brauchen – Gedanken zum Markus-Evangelium 6, 7-13 von Diplom-Theologe Hans Kirsch

Sind die zwölf Apostel wie heute die Zeugen Jehovas ausgeschwärmt, um an der Haustür ihre Lehre an den Mann zu bringen? Wenn nicht, was ist dann die frohe Botschaft, die gute Nachricht, die Ermutigung oder auch die Zumutung des heutigen Evangeliumstextes an uns?
Jesus sendet die Zwölf aus – er „apostelt“ so heißt es im griechischen Text –, er schickt sie nach draußen, in die Lebenswelt der einfachen Leute. Will die Kirche apostolisch sein, dann ist ihre Aufgabe draußen, dann geht es nicht um das Heil der Kirche, sondern um das Heil der Welt, der ganzen Welt. „Allen Völkern Sein Heil“, allen Schichten, allen Milieus, allen Kulturen und Subkulturen. Aufbruch ist angesagt. Wir müssen heraus aus unseren vermeintlich gesicherten kirchlichen Räumen, im wörtlichen und im übertragenen Sinn, heraus aus Machtansprüchen und auch aus dem engen bürgerlichen Milieu, heraus aus der bequemen Anspruchs- und Versorgungsmentalität. Vielfältiger Aufbruch ist da endlich angesagt! „Du führst mich hinaus ins Weite.“
„Die Zwölf machten sich auf den Weg.“ Wenn die Kirche wirklich „Salz der Erde“, „Licht der Welt“, „universales Sakrament des Heils“ sein will, müssen wir uns auf den Weg machen und dort hingehen, wo es dunkel ist, wo Lebenskraft abstirbt, wo Not, Hunger und Krankheiten herrschen. Wir müssen gegen die heutigen „Dämonen“ angehen, deren Gefräßigkeit Millionen von Menschen immer ärmer macht, ihre Böden verseucht, ihr Wasser verbraucht, ihre Kinder missbraucht und ums Leben bringt. Nach seriösen Schätzungen sterben täglich etwa 50000 Menschen an armutsbedingten Krankheiten! Sie alle sind unsere Brüder und Schwestern, haben die gleiche Würde, das gleiche Lebensrecht wie wir. Es genügt nicht, bei ihnen einen Fototermin wahrzunehmen und schnell wieder zu verschwinden. Gerade diesen Menschen ist die dauerhafte Nähe Jahwes, des „Ich-bin-bei-euch“ zugesagt. Wenn wir Repräsentanten Jesu, des Herrn sein wollen, muss das „der Herr (ist) mit euch“ der Messe nicht nur als Zuspruch verstanden, sondern als Auftrag angenommen werden.
Nach biblischem Maßstab müsste das Zentrum der Kirche in den anschwellenden Elendsviertels, an den Rändern der Gesellschaft liegen, auf keinen Fall an der Seite der Mächtigen. Kardinal Arns hat als Bischof der 10-Millionen-Stadt Sao Paulo das sehr drastisch formuliert: „Wir verstehen nicht, wie die Kirche in Lateinamerika 500 Jahre lang im Bett der Reichen gehurt hat.“ Der Prophet Amos hatte für den gleichen Vorgang zu seiner Zeit ebenso starke Worte gefunden, weswegen er von der Priester- und Machtelite verjagt wurde. „Baschkankühe“ hatte er ihre Gemahlinnen genannt, und sie demaskiert: dass sie beim Getreideverkauf „das Maß kleiner und den Preis größer machen und die Gewichte fälschen“; und dass sie „mit Geld die Hilflosen kaufen, für ein paar Sandalen die Armen“, so wie heute die Näherinnen unserer billigen Jeans billig gekauft werden.
Auf vielerlei Weise sind wir an diesem teuflischen System als Profiteure und Mittäter beteiligt. Deswegen müssen wir uns auf den Weg machen, da herauszukommen. Ein weiter Weg, aber er beginnt mit den ersten Schritten, und die finden im Kopf statt – mit Umdenken und Umkehren. „Die Kirche, Trägerin der Evangelisierung, beginnt damit, sich selbst zu evangelisieren“ schreiben die deutschen Bischöfe und erklären: „Das betrifft nicht nur den persönlichen geistlichen Bereich. Es geht um den Zusammenhang zwischen missionarischem Handeln und innerkirchlicher Reform. Bevor die Kirche andere evangelisiert, ist sie selbst des Evangeliums bedürftig“. Das bedeutet aber, dass das einzige Kriterium der Kirchlichkeit und die einzige Norm für Kirchenreform und Aufbruch die Treue zu Jesus ist, wie er vor 2000 Jahren nach dem Zeugnis der Bibel in Palästina gelebt hat.
Dieser gebot den Zwölf, außer einem Wanderstab nichts mitzunehmen, kein Geld, keine Verpflegung, kein zweites Hemd. Die Botschaft Jesu allein soll zum Tragen kommen. Der Geist Jesu genügt voll und ganz, er darf durch nichts verwässert, entstellt, verfälscht oder behindert werden. Es geht um Glaubwürdigkeit. Wenn die Treue zu einem bestimmten System als Kriterium der Kirchlichkeit wichtiger wird als die Treue zu dem in der Bibel bezeugten geschichtlichen Jesus Christus, kann die Heilung der Kranken und die Austreibung der bösen Geister nicht mehr gelingen.
Auch der viel später „Apostelfürst“ genannte Petrus machte sich in einfachem Schuhwerk auf den Weg, ohne Gefährt und ohne Gefolge. Keine Titel, keine Amtstracht und Rangabzeichen behinderten die ebenbürtige Begegnung mit den Menschen. So konnte das Wichtigste, das die Apostel dabei hatten, am wirksamsten zum Tragen kommen: die Botschaft und der Geist Jesu. Die frühe Ausbreitung des Christentums bis an die Grenzen der damaligen Welt geschah durch die Kraft des Christentums mit seinen überzeugten Gläubigen und ausstrahlenden Gemeinden.  

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