Geistliches Leben

Donnerstag, 16. März 2017

Verbinden statt trennen

Jesu Botschaft will Begegnung ermöglichen, zwischen Menschen und zu Gott – Gedanken zum Johannes-Evangelium 4, 5–15.19b–26.39a.40–42 von Pastoralreferent Thomas Stephan

Das Verhältnis von Katholiken zu Protestanten war bis vor wenigen Jahrzehnten ein Minenfeld voller Abwertungen und Anfeindungen. Durch Familien, Ortschaften und ganze Landstriche gingen konfessionelle Gräben. Da gab es beispielsweise getrennte Treppenaufgänge bei Grundschulen, die für Schüler der jeweiligen Konfession reserviert waren, stinkender Mist wurde an Feiertagen der einen durch den Ort gefahren und zu Prozessionen der anderen wurde im Gegenzug die dreckige Wäsche herausgehängt. Viele Ältere können ein leidvolles Lied dieser Provokationen singen und in nicht wenigen Familien führte eine in konfessioneller Hinsicht falsche Partnerwahl zu Brüchen und Verletzungen, die bis heute nicht vergeben und vergessen sind. Heutigen Jungen ist dies nur schwer zu vermitteln, welch verheerende Wirkung religiöse Standpunkte haben konnten, die allzu oft den Menschen an sich ausblendeten und die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kirche in den Mittelpunkt rückten.

Die heutige Begegnung am Jakobusbrunnen ist die Geschichte der Begegnung zweier Welten, deren Verhältnis durch Anfeindungen, Diffamierungen und Provokationen bestimmt war. Auf der einen Seite ein frommer Jude, auf der anderen Seite eine Samariterin, zwei Menschen, die in vielerlei Hinsicht tiefe Gräben trennte, besonders in religiöser. Aus orthodoxem jüdischem Blickwinkel wurden die Samariter schon lange als quasi Heiden angesehen, weil sie (als Juden) Ehen mit Nichtjuden eingegangen sind. Die vermeintlich häretischen Samariter ihrerseits scheuten nicht davor zurück, die religiösen Befindlichkeiten orthodoxer Juden zu drangsalieren. Zusammenfassend kann man geschichtlich beiden Seiten attestieren, dass sie sich dem anderen gegenüber nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben.

In der bei Johannes beschriebenen Begegnung von Jesus und der Samariterin am Jakobusbrunnen steckt Ungeahntes und Ungehöriges, was die Frau deutlich macht, indem sie fragt: „Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um Wasser bitten?“ Jesus überschreitet damit unsichtbare Grenzen. Ein Mann spricht in der Öffentlichkeit keine fremde Frau an und schon gar kein Jude eine Samariterin. Jesus kontert die Frage der Frau, indem er deutlich macht, dass er etwas zu geben hat, nämlich „lebendiges Wasser“, das „ewiges Leben schenkt“. Durch das Überschreiten der unsichtbaren Grenze gibt Jesus ihr das, was ihrer tiefsten Sehnsucht entspricht, nämlich angenommen und angekommen zu sein.

Spaltungen gibt es in unseren Tagen im Überfluss. Bald kein Tag vergeht, an dem nicht von politischen „Spaltern“ die Rede ist. Man kann sie bald nicht mehr hören, die Trumps, Erdogans und Le Pens unserer Tage mit ihren Hass- und Hetzparolen, mit ihrem verbissenen Nationalismus und ihren Angsttiraden vor dem Fremden. Das, was sie alle miteinander verbindet, ist der Einsatz für das Trennende. Die trügerische Sicherheit und der scheinbare Wohlstand, mit dem sie locken, sind in Wirklichkeit Ausdruck eines tiefen Hasses und Misstrauens. Wer nicht so ist, wie man selbst gern wäre, wird abgelehnt und am liebsten abgeschoben.

Die Botschaft Jesu will im Gegensatz dazu verbinden. Sie will Grenzen überschreiten, um Begegnung zu ermöglichen, untereinander, aber auch mit Gott. Dazu gehört Überwindung und Mut. Scharfmacher und Spalter gibt es zwar heute nicht mehr so ausgeprägt im Verhältnis zwischen der katholischen und evangelischen Kirche, aber gesellschaftlich umso mehr in der wechselseitigen Ablehnung von Religionen und Kulturen. „Lebendiges Wasser“ wird aber nur in der Begegnung sprudeln und nicht in der Annahme, sich gegenseitig das Wasser durch Vorurteile und Hetze abgraben zu können.

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