Geistliches Leben

Mittwoch, 06. Juni 2012

Wie halten wir es mit der Nachfolge?

Es geht um einen Weg, der das bisherige Leben zurücklässt – Gedanken zum Markus-Evangelium 3, 20–35 von Pastoralreferent Martin Wolf

„Was sollen bloß die Leute von uns denken? Der bringt uns noch alle in Verruf mit seinen Spinnereien.“ So mögen sie gedacht haben, die Angehörigen Jesu. Es wird nicht ganz einfach mit ihm gewesen sein. Für seine Familie nicht und auch nicht für jene, die später mit ihm gingen. Der Jesus, den uns die Evangelisten vorstellen, war eben nicht nur lieb und sanftmütig, sondern auch ein bedingungslos Fordernder, sich selbst und Anderen gegenüber. Einer, der keine vagen Kompromisse duldete, der die klare Kante predigte, der sagte: Euer Ja sei ein Ja und euer Nein ein Nein. Besessen geradezu von jenem Auftrag, den er innerlich verspürte: Das nahe gekommene Reich Gottes zu verkünden, für das er seinen Zuhörern und Zuhörerinnen Augen und Ohren öffnen wollte. Ein von Gott Besessener.
Insofern lässt es tief blicken, wie nicht nur die ihn ablehnenden Schriftgelehrten über ihn urteilen, sondern auch seine engsten Angehörigen: Der ist von Sinnen. Den kann man eigentlich nur mit Gewalt zur Raison bringen. Heimholen wollen sie ihn, zu seinem Schutz und vor allem zur Rettung des eigenen Ansehens. Ein Urteil, das von den Fachtheologen seiner Zeit nicht nur gestützt, sondern sogar noch untermauert wird: Dieser Jesus ist nicht mit Gott, sondern mit dem Fürsten der Dämonen im Bunde.
In seiner Antwort erweist sich Jesus einmal mehr als Meister des scharfsinnigen Diskurses. Wie kann einer mit Beelzebul im Bunde sein, wenn er doch seine Helfershelfer, die Dämonen, austreibt? Innere Spaltungen sind früher oder später der Tod jeder Organisation und das, so folgert er, gilt auch für das Dämonenreich. Die Unterstellung, mit dem Anführer der Dämonen selber im Bunde zu sein, erscheint angesichts seines therapeutischen Wirkens also geradezu widersinnig. Ins Deutsche übertragen heißt Beelzebul übrigens so viel wie „Herr der Wohnungen“, worauf Jesus im Folgenden anspielt. Präsentiert er sich doch nun selber als jener Stärkere, der in die Wohnung des starken Mannes Beelzebul eindringt, ihn fesselt und das Haus plündert. Was er dort als „Hausrat“ mitgehen lässt sind eben jene von ihm Geheilten, die er nach damaliger Vorstellung den zerstörerischen, dämonischen Mächten entrissen hat. Menschen zumeist, die nach heutiger Lesart wohl unter psychischen oder neurologischen Erkrankungen litten, welche sich die Menschen jener Zeit nur mit dämonischer Besessenheit erklären konnten.
Wer freilich so verblendet ist, dass er im heilenden Tun Jesu nicht das Wirken des Gottesgeistes, sondern vielmehr die Dämonen am Werk sieht, der hat sich von Gott selber abgewendet und schließt sich damit aus der Gemeinschaft der Glaubenden aus. Gottes unbegrenzte Vergebungsbereitschaft kann und wird ihn nicht mehr erreichen.
Schließlich kommen noch einmal die engsten Angehörigen Jesu in den Blick. Die schroffe Zurückweisung der eigenen Familie mag für viele fromme Christen das vertraute Bild des „liebsten Jesu“ vielleicht am tiefsten erschüttern. Und dennoch spiegelt sich gerade hier überdeutlich jener unbedingte und manchmal verstörende Anspruch Jesu wieder. Der konsequente Weg in die Nachfolge ist eben keiner, der sich hier und da mal ein Stück gehen lässt, wenn mir gerade danach ist. Es ist ein umstürzender, lebensverändernder Weg, auf dem der Jünger und die Jüngerin das bisherige Leben zurücklässt und sich aus alten Bindungen löst. Darauf hat Jesus an zahlreichen Stellen hingewiesen, wenn er etwa einem Jünger, der ihm folgen möchte, erklärt, die Toten mögen doch bitte ihre Toten begraben (Matthäus-Evangelium 8,22, Lukas-Evangelium 9,60). Es sind Worte wie diese, die bis heute das Sperrige und Herausfordernde der frohen Botschaft markieren und die uns Christen immer wieder vor die Frage stellen: Und du, wie hältst du es mit der Nachfolge?
Nein, einfach war und ist es nicht mit diesem Jesus und seinem Anspruch an alle, die ihm wirklich folgen wollen. Damals wie heute.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Martin Wolf
Keine Kommentare

Pilger-Community

Um Kommentare verfassen zu können müssen Sie in der Pilger-Community angemeldet sein.

Falls Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich
hier kostenlos registrieren.

Die Kommentarfunktion dient dem Austausch der Pilger-Community untereinander. Alle Kommentare drücken ausschließlich die Ansichten der Autoren (Nutzer) selbst aus. Der Betreiber der Website www.pilger-speyer.de ist für den Inhalt einzelner Beiträge nicht verantwortlich. Hier finden Sie die  ausführlichen Nutzungsbedingungen und Regeln zur Kommentarfunktion.

24. Juli 2014

Jesus ist getrieben von der Liebe

„Gebt ihr ihnen zu essen!“: Jesu Auftrag gilt heute auch. Gedanken zum Sonntags-Bibeltext aus...


24. Juli 2014

Wer wagt, gewinnt

Bereitschaft zum Risiko für das Reich Gottes - Gedanken zum Sonntags-Evangelium aus Matthäus...


16. Juli 2014

Warten bis zur Ernte

Gott wird uns vom „Unkraut“ befreien, das unser Leben beschwert – Gedanken zum Matthäus-Evangelium...


Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren