Im Gespräch

Donnerstag, 14. September 2017

Der einfache schwere Schritt zum Frieden

Franziskus wollte in Kolumbien Versöhnung zu einer Basisbewegung machen

Papst Franziskus suchte bei seinem Besuch in Kolumbien auch das Gespräch mit Vertretern der indigenen Völker. Foto: actionpress

Die Mission des Papstes war heikel: Der nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg gespaltenen Nation Starthilfe auf dem Weg zum Frieden geben. Franziskus traf den richtigen Ton – und sparte zugleich nicht mit Kritik.

Den Kriegspfad verlassen und den Weg in eine friedliche Zukunft einschlagen – der Appell, den Papst Franziskus während seiner am 11. September zu Ende gegangenen Kolumbien-Reise wieder und wieder an die Kolumbianer richtete, war unmissverständlich. Fünf Jahrzehnte dauerte der Bürgerkrieg, vier Jahre wurde über den Friedensvertrag verhandelt, lange hatte Franziskus die Reise in das südamerikanische Land versprochen. Vor Ort verlor der Papst keine Zeit.
Vergebung, Versöhnung, Frieden – die Kernthemen seiner Reise standen am zweiten Besuchstag (8. September) auf dem Programm. Die Begegnung mit Gewaltopfern und Ex-Guerilleros bei einem großen nationalen Versöhnungstreffen wurde zum emotionalen Höhepunkt seines Besuchs – obwohl die Mission des Papstes durchaus heikel war. Der im vergangenen November geschlossene Friedensvertrag mit der FARC spaltet das Land. Kritiker sehen in ihm eine faktische Amnestie für die Kämpfer und ihre schweren Menschenrechtsverbrechen.

Und so schaute Kolumbien genau hin, als sich der Papst an seine wohl schwierigste Aufgabe wagte. Er traf den richtigen Ton, seine Rede rührte die Menschen zu Tränen. Franziskus thematisierte die Gräben, die Opfer und Täter trennen, und betonte zugleich, Hass dürfe nicht das letzte Wort haben – auch wenn es schwer sei, „den Wandel derer zu akzeptieren, die grausame Gewalt angewandt haben“. Die Aufarbeitung von Gewalt und Ungerechtigkeit benannte der Papst als Mammutaufgabe auf dem langen Weg zum Frieden, den das Land vor sich habe.
Seine Hoffnung gilt dabei der Jugend. Ihr sprach er wiederholt das Potenzial zu, „das Land aufzubauen, von dem wir immer geträumt haben“. Auch die örtlichen Bischöfe forderte er auf, ihren Teil zu tun – allerdings weniger höflich. Zwischen den Zeilen ließ Franziskus durchblicken, dass Kirchenführer zu leicht mit den Mächtigen kungelten, es an Kollegialität und Transparenz fehlen ließen.

Eine Kritik, die er bei seinem Besuch in der katholischen Hochburg Medellin vor Priestern und Ordensleuten bekräftigte. Kleriker, denen es um sozialen Aufstieg oder persönliche Bereicherung gehe, hätten keinen Platz in der Kirche. Zugleich forderte Franziskus in Medellin, innerkirchlich die heikelste Station der Reise, nachdrücklich eine offene und wandlungsfähige Kirche.

Doch nicht nur gegenüber dem Klerus fand der Papst deutliche Worte – schon am ersten Tag seiner Reise hatte er die Politik in die Pflicht genommen. Auf dem Weg zu einem gerechten und friedlichen Land dürften Politik und Wirtschaft nicht vergessen, „dass die ungleiche Verteilung der Einkünfte die Wurzel sozialen Übels ist“, so der Papst. Die Menschenwürde und das Gemeinwohl, die Rechte der Armen und Benachteiligten gehörten ins Zentrum jeglicher Politik.

Augenfällig war der Einklang zwischen dem Papst und dem kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos. Eine Nähe, die bei Beobachtern auch für Kritik sorgte: Franziskus ergreife zu klar Partei für Santos und dessen umstrittenen Friedensvertrag mit der FARC-Guerilla. Die Gegner des Abkommens seien während des Besuchs außen vor geblieben.
Das Programm der 20. Auslandsreise von Franziskus, seiner fünften Reise nach Lateinamerika, war dicht. Zwölf Reden, vier Messen, rund 21000 zurückgelegte Kilometer. Während seines viertägigen Aufenthalts sprach er zwei Märtyrer des kolumbianischen Bürgerkriegs selig, traf Vertreter des lateinamerikanischen Bischofsrates CELAM, besuchte ein Heim für minderjährige Gewaltopfer. Der innenpolitische Konflikt im Nachbarland Venezuela blieb, trotz diverser Spekulationen vorab, ein Randthema.

Unterdessen feierte die Bevölkerung in Kolumbien den Papst. Wann immer Franziskus im Papamobil unterwegs war, säumten Menschenmengen seinen Weg. Oft hielt es das Volk nicht hinter den Absperrungen – für die Sicherheitskräfte ein Alptraum. Der Papst hingegen genoss die Nähe. Vor seinem Quartier, der Nuntiatur in Bogota, herrschte allabendlich Volksfeststimmung. Franziskus machte es zu einem Ritual, seine Tage mit einer kurzen Audienz zu beschließen – auch wenn ihm die Anstrengungen der Reise am Abend häufig anzusehen waren.

Schon vor dem Ende des Papstbesuches am Abend des 10. September (Ortszeit) nach einem Besuch in der von Armut geprägten Hafenstadt Cartagena, zogen kolumbianische Medien bereits ein Fazit – im Grundton durchweg positiv. Natürlich könne der Papst keinen „wundersamen Wandel“ bringen und die Spaltung der Gesellschaft im Handumdrehen beseitigen, schrieb „El Tiempo“, die größte Tageszeitung in Bogota. Sein Besuch könne jedoch den Startschuss bilden für „einen großen Prozess der nationalen Versöhnung“.

Nur im Ansatz, in eine Frage verpackt, bekennt Franziskus in Cartagena Versäumnisse: „Wieviel haben wir unterlassen, als wir zuließen, dass die Barbarei im Leben unseres Volkes Gestalt annahm?“ Es gab Heilige wie den Jesuitenmissionar Pedro Claver, den Patron der Menschenrechte, der im 17. Jahrhundert in Cartagena für die Würde von Schwarzen und Sklaven eintrat; aber unter Tausenden von Christen war es, so der Papst, nur „eine Handvoll Menschen“, die sich der herrschen Kultur entgegenstellte.

Franziskus verlässt Kolumbien mit einem fast banalen Schlussgedanken: „Den ersten Schritt tun“, das heiße, ohne Vorleistung auf den anderen zuzugehen; ohne Anspruch, selbst Verzeihung zu finden, geliebt zu werden. Einfach ein erster Schritt. Aber das Einfachste ist das Schwerste. (kna)

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