Im Gespräch

Mittwoch, 19. April 2017

Geschichte von Flucht und Befreiung

Erläuterungen zu einer oft missverstandenen Lesung aus dem Buch Exodus

März 2017. Menschen sind aus der irakischen Stadt Mossul vor Gewalt und Zerstörung geflohen. Erstmals nach ihrer Flucht rasten sie. Die größte Gefahr liegt hinter ihnen. Flucht – und Befreiung – , fast so etwas wie eine Urerfahrung, die Menschen seit Jahrtausenden machen. Foto: actionpress

Immer wieder stößt in der Feier der Osternacht die Lesung aus dem Buch Exodus, die von der Flucht der Israeliten aus Ägypten und dem Untergang des ägyptischen Heeres im Roten Meer erzählt, auf Unverständnis. Dabei gehört sie zu den für die Osternacht „verpflichtenden“ Lesungen. Welche Bedeutung sie hat und wie sie zu verstehen ist, erklärt der Theologe Dr. Alois Moos im folgenden Beitrag.

Für den Wortgottesdienst der Osternacht sind sieben Lesungen aus dem Alten Testament vorgesehen. In den Anweisungen heißt es, dass diese Zahl aus pastoralen Gründen reduziert werden kann, eine darf jedoch nie ausfallen: Die Lesung aus dem Buch Exodus, die von der Flucht der Israeliten aus Ägypten und ihrem Zug durch das Rote Meer handelt. Gerade diese Lesung ist aber umstritten, denn oft wird sie missverstanden als ein Bericht über die Vernichtung der Ägypter. Einen solchen Text zu lesen, fällt vielen schwer, und entgegen der Vorschrift wird gerade diese Lesung manchmal ausgelassen. Zu dem Missverständnis trägt auch die Übersetzung aus dem Hebräischen bei; manche Details können im Deutschen nur schwer wiedergegeben werden. Wie aber kann der Text anders gelesen werden?

„Befreiung von Bedrängnis“
Zunächst müssen wir an einen Zusammenhang erinnern, der oft vergessen wird. Erst in diesem Zusammenhang wird deutlich, warum die Kirche diese Lesung verpflichtend vorschreibt. Jesus feierte vor seinem Tod mit seinen Jüngern das Pascha-Mahl. Diese Feier erinnert an die letzte und hastige Mahlzeit (Brot ohne Sauerteig!) der Juden in Ägypten und ihre Flucht. Die jüdische Pascha-Liturgie kreist nun um die Texte, die vom Auszug aus Ägypten und dem Zug durch das Rote Meer berichten. Wir dürfen mit großer Selbstverständlichkeit davon ausgehen, dass Jesus und allen Teilnehmern an dem Pascha-Mahl – welches wir als „letztes Abendmahl“ am Gründonnerstag gefeiert haben – der Text und die Botschaft dieser Lesung aus dem Buch Exodus gegenwärtig waren. So sind wir zunächst einmal auf einer äußeren Seite ganz nahe bei dem, was Jesus selbst unmittelbar vor seinem Tod gefeiert, bedacht, besprochen hat. In jeder Pascha-Feier ist der Bericht von der Flucht und dem Zug durch das Rote Meer präsent. Das ist kein Zufall: Die jüdische Pascha-Liturgie ist das große und zentrale Fest der Befreiung aus Knechtschaft und Unterdrückung, das Fest der Rettung aus lebensfeindlichen Mächten.
Dieser Gedanke geht bei uns oft verloren, auch weil der Lesungstext nur schwer zu übersetzen ist. Wenn wir aber genau hinschauen oder hinhören, fällt uns doch ein erschreckendes Ungleichgewicht auf: Da sind auf der einen Seite harmlose Flüchtlinge, ein Volk – Männer, Frauen und Kinder –, das mit wenig Hab und Gut, vor allem aber ohne Kriegsgerät ein Land verlassen will, in dem es Unterdrückung und Sklaverei erlebte. Auf der anderen Seite ein hochgerüstetes Heer mit einer modernen Waffen- und Kriegsausrüstung. Dieses Ungleichgewicht wird noch weiter ausgedrückt. So wird von „dem Pharao“ gesprochen, der nicht namentlich benannt wird. Dies ist ein Hinweis, dass es sich um eine symbolische Größe handelt. Weiterhin ist von „den Israeliten“ oder „den Söhnen Israels“ die Rede – auf der anderen Seite aber stets von „Ägypten“ (leider steht im deutschen Text „die Ägypter“). Der Text ist so gestaltet, dass „Ägypten“ als Chiffre, als Symbol für „lebensfeindliche Macht“ steht. Auf der einen Seite also konkrete Menschen, auf der anderen Seite eine namenlose, anonyme und unpersönliche Macht. Auch auf der Ebene des Wortklangs wird das deutlich. In dem hebräischen Wort für Ägypten „misraim“ stecken die Vorsilbe „mi-“ die eine Trennung aussagt und dann die Wurzel des hebräischen Wortes „ṣs-r“ für „Bedrängnis, Angst, Not“. Wenn Juden – und mit ihnen Jesus – also das Wort für „Ägypten“ hören, dann erklingt zugleich die Botschaft: „Fort mit der Angst“ oder auch „Befreiung von Bedrängnis“.
Diese Einzelbeobachtungen kann man zusammenfassen: Im Pascha-Mahl feiern die Juden die Befreiung von Unterdrückung, von Not und allem, was Angst macht. Diese Befreiung steht im Mittelpunkt, nicht die Vernichtung eines Kriegsheers oder gar von einzelnen Menschen. Ganz offensichtlich haben die Juden nicht an konkrete Menschen aus einem bestimmten Volk gedacht, die ertrunken sind, sondern an den Sieg über „alles Lebensfeindliche“.

Verbindung mit dem Volk Israel
Dieser Gedanke steht nun auch im Mittelpunkt der Osternacht: Unser Osterfest knüpft an dem jüdischen Pascha-Fest an, führt es weiter und vollendet es. In der Auferweckung Jesu wird deutlich, wie umfassend und grundsätzlich Gott für uns da sein will. Vor Nichts und Niemand brauchen wir Angst zu haben, selbst vor dem Tod nicht. Noch umfassender, noch grundsätzlicher als das Volk des ersten Bundes können wir ein Fest der Befreiung feiern. Alle lebensfeindlichen Mächte, alles, was uns Angst machen und uns lähmen könnte, ist besiegt. Befreit können wir aufatmen, das Leben auskosten und feiern. Nichts ist größer als die liebende Lebensmacht Gottes. Seinen Sieg – sichtbar an der Auferweckung Jesu von den Toten – feiern wir. Niemand kommt auf den Gedanken, dass wir dieses Fest nicht feiern dürften, weil wir den „armen Tod“ bedauern müssten, der nun endgültig vernichtet ist. So dürfen wir auch den Text aus dem Buch Exodus lesen: Er verbindet uns mit dem Volk Israel und allen Menschen und Völkern, die je unter Gewalt und Terror lebten. Er erzählt von dem Sieg Gottes über die Mächte, die Leben verhindern wollen. Er preist Gott, der uns aus Unterdrückung, Not und Angst befreit und das schenkt, was sein Wesen ist: Leben und Liebe in Fülle. (red)

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