Im Gespräch

Donnerstag, 26. Juli 2012

Gratwanderung der Piusbrüder

Vorerst keine Einigung mit Rom – Müller bekräftigt Verbindlichkeit des Konzils

Der Generalobere der Piusbruderschaft, Bischof Bernard Fellay (Mitte), weiht im Juni 2009 in Zaitzkofen (Bayern) drei Priester. Foto: Oliver Lang/ddp

Nach ihrem Generalkapitel im schweizerischen Econe richten sich die Lefebvre-Jünger auf ein Leben am Rande der katholischen Kirche ein.
Die jüngste Runde der schier endlosen Folge kirchenpolitischer Schachpartien zwischen der Piusbruderschaft und dem Vatikan scheint mit einem Remis zu enden. Zehn Monate hat das Hin und Her über die von Rom vorgeschlagene „lehrmäßige Präambel“ gedauert, die wiederum Frucht eines fast zweijährigen theologischen Disputs gewesen war. Nun hat, wenn nicht alles täuscht, das Generalkapitel der Traditionalisten in Econe die Präambel der vom Vatikan vorgelegten Form abgelehnt. Der Grund: Offenbar war die Glaubenskongregation nicht bereit, einige vom Generaloberen der Bruderschaft, Bischof Bernard Fellay, vorgeschlagene Textänderungen zu akzeptieren. 
Aus den ersten Verlautbarungen über das Generalkapitel spricht eine gewisse Erleichterung darüber, dass es gelungen ist, die kritische Distanz „zu Rom“ und damit auch die Identität und Einheit seiner Gruppierung zu wahren. Denn diese wäre bedroht gewesen, hätte der Generalobere in zentralen Punkten nachgegeben.
Zur Identität zählt aus Sicht der Traditionalisten das Recht, alles, was sie als Irrtümer in der nachkonziliaren Kirche sehen, laut zu kritisieren. Da der Vatikan aber mit der vorgeschlagenen Vereinbarung eine Art Friedenspflicht durchsetzen wollte, hätte sich die Piusbruderschaft im Fall einer Annahme dieses Mittels beraubt. Fellay betont neuerdings verstärkt, dass die Bruderschaft gerade nicht zum Schweigen berufen sei. „Wir können kein Stillschweigen bewahren im Angesicht des allumfassenden Glaubensabfalls“, erklärte er in Econe.
Mit der Festlegung auf eine kritische Position am Rande der Kirche hat der Obere die zuletzt zerstrittene Bruderschaft geeint. Bis auf weiteres hat er auch die Gefahr abgewendet, dass ein Teil sich den Sedisvakantisten anschließt, nach deren Meinung alle Päpste seit dem letzten Konzil Häretiker sind. Zugleich hat sich Fellay gegen diese Strömung abgegrenzt und erklärt: „Wir sind Katholiken, wir anerkennen den Papst und die Bischöfe (...). Fern sei von uns die Idee, eine Parallelkirche zu begründen, die ein paralleles Lehramt ausübt.“ Stattdessen definiert der Obere, ganz in der Tradition von Erzbischof Marcel Lefebvre, die Mission der Bruderschaft für die Wahrung der Tradition in der Kirche als eine „Gratwanderung“. 
Neben dieser kirchenpolitischen Positionierung sind dogmatische Streitfragen in den Hintergrund getreten. Interessant bleibt, welche Positionen zur Religionsfreiheit zwischen der Glaubenskongregation und der Piusbruderschaft als konsensfähig angesehen wurden. Nicht minder spannend ist die Frage, wie es nun kirchenrechtlich weitergeht. Noch vor wenigen Wochen war im Vatikan zu hören, wenn die Priesterbruderschaft die Präambel nicht akzeptieren würde, sei selbst eine „Exkommunikation erster Klasse“ nicht ausgeschlossen. Wie dies kirchenrechtlich zu bewerkstelligen wäre, und ob sie einzelne Bischöfe und Priester treffen würde – all das ist offen. 
Welche Gangart der Vatikan nun einschlägt, hängt auch an Personen. Vom neuen Glaubens-Präfekten, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, wird ein strenger Kurs erwartet. Doch operativ ist Erzbischof Joseph Di Noia zuständig. Der Dominikaner mit langer Kurienerfahrung gilt immer noch als Befürworter einer Einigung. Und schließlich ist da Benedikt XVI. Er hat die Versöhnung mit Fellay und seinen Leuten zu einem persönlichen Anliegen mit hoher Priorität gemacht. Und er ist ihnen bisher große Schritte entgegengekommen. Deshalb wiegen sich die Piusbrüder in Sicherheit, dass dieser Papst sie so bald nicht erneut exkommunizieren wird. Unter dieser Voraussetzung können sie die zunehmende Krise in der Mitte der „Konzilskirche“ entspannt von der Seitenlinie aus beobachten – jedenfalls solange, wie ihre eigene Anhängerschaft weiterhin wächst.
Erzbischof Müller, hat unterdessen das Zweite Vatikanische Konzil als verbindlich für eine eventuelle Einigung mit der Piusbruderschaft erklärt. Die Aussagen des Konzils zu Religionsfreiheit, Judentum und Menschenrechten hätten „dogmatische Implikationen“, sagte Müller in einem Interview. „Die kann man nicht ablehnen, ohne den katholischen Glauben zu beeinträchtigen.“ Müller wies Darstellungen der Piusbrüder zurück, wonach Papst Benedikt XVI. sich gerne mit ihnen einigen würde, die Glaubenskongregation jedoch dagegen sei. Das habe „mit der Wirklichkeit nichts zu tun“. (Ludwig Ring-Eifel/kna)

Stichwort: Piusbruderschaft

Die Priesterbruderschaft St. Pius X. wurde 1969 vom französischen Erzbischof Marcel Lefebvre (1905-1991) gegründet. Sie lehnt die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) ab. Die Konzilslehren hätten die Tradition der Kirche zerstört, so Lefebvre, der selbst am Konzil teilnahm. Anfangs kirchlich anerkannt, zeigte sich die Piusbruderschaft zunehmend antikonziliar. 1975 entzog Rom ihr die kirchenrechtliche Zulassung. Nach unerlaubten Priesterweihen wurde Lefebvre 1976 die Ausübung seines Bischofsamts verboten. Indem er 1988 ohne päpstliche Zustimmung vier Priester seiner Bruderschaft zu Bischöfen weihte, zogen sich alle fünf die Exkommunikation zu. 
Papst Benedikt XVI. ließ 2007 die alte lateinische Messe wieder zu und erfüllte damit eine Bedingung der Bruderschaft für die Aufnahme offizieller Gespräche. Im Januar 2009 hob er als weitere Versöhnungsgeste die Exkommunikation der Bischöfe der Piusbruderschaft auf. Im September 2011 legte der Vatikan der Leitung der Piusbrüder eine „Lehrmäßige Erklärung“ über grundlegende Glaubenslehren der katholischen Kirche zur Unterzeichnung vor. Davon hängt eine mögliche Wiedereingliederung der Bruderschaft in die katholische Kirche ab. (kna)

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