Im Gespräch

Donnerstag, 09. August 2012

In Dänemark bedeutet Seelsorge auch Integration

Besuch in Speyer: Bischof Czeslaw Kozon ist Oberhaupt der dänischen Katholiken

Bischof Czeslaw Kozon leitet das Bistum Kopenhagen. Als Oberhirte ist er zuständig für die katholischen Christen in Dänemark, auf Grönland und den Färöer-Inseln. Foto: Venus

Sein Bistum erstreckt sich über zwei Kontinente, ist das größte der Welt und zählt zu den jüngsten Europas: Czeslaw Kozon, Jahrgang 1951, ist Bischof von Kopenhagen. Vor einigen Tagen besuchte er einen Studienfreund, den Speyerer Domkapitular und Offizial Dr. Norbert Weis, in der Pfalz. Beide haben in Rom Theologie studiert. „der pilger“ nutzte Bischof Kozons Aufenthalt in Speyer für ein Interview.

Herr Bischof Kozon, was gefällt Ihnen an der Pfalz und am Bistum Speyer besonders gut?
Speyer ist für mich die Stadt in der Pfalz, die mich am meisten beeindruckt. Es gibt im Bistum Speyer aber noch weitere Bezugspunkte für mich, dazu gehört Ommersheim, die Heimat von Dr. Weis.

In Ihrer Heimat gestaltet sich die Kirche ganz anders, als wir Katholiken aus Südwestdeutschland das gewohnt sind. Zu Ihrem Sprengel gehört auch Grönland: Welche Bedeutung hat die Kirche dort?
Es gibt rund 100 Katholiken auf Grönland. Unter den Grönländern sind nur sehr wenige katholisch. Die Katholiken sind stattdessen Einwanderer, zum Beispiel von den Philippinen. Um sie kümmern sich zwei argentinische Ordenspriester. In der Hauptstadt Nuuk gibt es außerdem eine Niederlassung der Kleinen Schwestern von Charles de Foucauld. Das Bistum ist zusätzlich in der Seelsorge auf einer US-Militärbasis tätig. Die ersten Christen gab es vor rund 1000 Jahren auf Grönland. Seit dem 15. Jahrhundert fehlen dann aber die Nachrichten aus ihren Siedlungen, und es ist nicht bekannt, ob Naturkatastrophen, das natürliche Aussterben oder Eskimo-Überfälle der Grund sind, warum die Siedlungen untergingen. Erst nach der Reformation wurde Grönland erneut christlich missioniert. Die katholische Kirche unterhielt seit den 1950er Jahren eine Oblaten-Mission auf der Insel.

Besuchen Sie den grönländischen Bistumsteil oft? Die Anreise ist mit vier Flugstunden ja etwas weiter.
In meiner Zeit als Bischof war ich zu selten dort, möchte aber gerne alle drei Jahre dorthin kommen. Generell ist es für alle Gemeinden wichtig, dass der Bischof regelmäßig dort präsent ist.

Zum Bistum Kopenhagen gehört ganz Dänemark. Wie hat sich die katholische Kirche dort entwickelt?
Alles katholische Leben erlosch mit der Reformation. Es hat erst mit den Botschaftsangehörigen katholischer Staaten in Kopenhagen wieder begonnen. 1892 wurde ein Apostolisches Vikariat gegründet, Leiter wurde ein Bischof aus Deutschland. Seit 1849 ist in Dänemark die Religionsfreiheit garantiert. Die Katholikenzahl wuchs vor allem durch die Einwanderung zum Beispiel aus Polen bis zum Ersten Weltkrieg und nach dem Zweiten Weltkrieg. Mehr als die Hälfte unserer Katholiken hat einen Migrationshintergrund, mit Wurzeln in Polen – wie ich selbst –, im Nahen Osten, in Südostasien oder anderswo. Das Bistum Kopenhagen gibt es seit 1953. 

Welche Rolle spielt das Christentum in der dänischen Gesellschaft?
Das Interesse an Religion ist in Dänemark  verglichen mit früher groß, gerade am Christentum. Manchmal vielleicht auch deswegen, weil inzwischen der Islam stärker geworden ist und man bewusst die Abgrenzung sucht. „Wir waren schon immer ein christliches Land“, heißt es dann oft. Natürlich haben sowohl die lutherische Staatskirche als auch wir Katholiken Mitglieder, die sich aus ihrem Glauben nur wenig machen, die eben einfach nur getauft sind und so dazugehören.

Hat die katholische Kirche Einfluss auf das öffentliche Leben?
Im öffentlichen Leben können wir uns nicht viel beteiligen, denn wir sind eine kleine Minderheit. Das Bistum zählt rund 39000 Katholiken bei etwa 5,5 Millionen Einwohnern. Aber ich bin doch dankbar, dass wir bei Gesetzesentwürfen, die uns betreffen, vom Parlament gehört werden, oder dass inzwischen uns die Medien um Stellungnahmen zu gesellschaftlichen Fragen bitten. 

Die deutschen Bistümer befinden sich derzeit in einem strukturellen Umbruch – gibt es das bei Ihnen auch?
Derzeit haben wir 46 Pfarreien. Einige werden wir zusammenlegen. Weil auch uns Priester fehlen, müssen wir die Strukturen weiter vereinfachen. Aber diese Zusammenlegung muss gut überlegt sein und sie bleibt die Ausnahme. Sie betrifft nur den Großkopenhagener Raum, wo es viele katholische Gemeinden gibt. Anderswo werden wir nichts zusammenlegen, weil das bedeuten würde, dass die Gläubigen nicht nur 20 Kilometer im Durchschnitt, sondern vielleicht 40 oder mehr Kilometer zu ihrer Gemeinde fahren müssten.

Vom Zahlenverhältnis der Priester und Katholiken könnte ein deutscher Bischof ja nur träumen...
Wir haben 71 Priester. Davon sind 15 Dänen – aber das war schon immer so. Ja, die Zahl der Priester ist im Verhältnis zu den Katholiken groß. Rechnerisch betreut ein Priester rund 530 Gläubige. Aber man muss dabei bedenken, wie riesig die Räume sind.

Wie muss man sich das dänische Gemeindeleben vorstellen?
Es ist sehr bunt, weil die Mitglieder aus verschiedenen Kulturkreisen stammen. Seelsorge heißt bei uns auch, Integration zu betreiben. Unsere Priester müssen sich in den Kulturen und Sprachen ihrer Gemeindemitglieder auskennen. Trotz unterschiedlicher Herkunft gibt es doch ein  Zusammengehörigkeitsgefühl. Hauptereignis ist auch bei uns die Eucharistiefeier am Sonntag, zu der die Leute von weit her kommen. Rund ein Viertel der Katholiken besucht regelmäßig die Messe. Oft schließt sich daran ein „Kirchencafé“ an, wo man sich austauscht und miteinander feiert. Die Priester sind mit dabei, sie bemühen sich, immer Ansprechpartner  und nahe bei den Menschen zu sein. Manchmal ist es ihre Aufgabe, den katholischen Religionsunterricht zu organisieren. Zwar gibt es katholische Schulen, die auch bei Nichtkatholiken angesehen sind, aber nicht alle katholischen Kinder besuchen unsere Schulen. So findet dann der katholische Unterricht in der Gemeinde statt.

Der erste Bischof Kopenhagens war ein Deutscher – wie ist heute die Verbindung zur deutschen Kirche?
Es gibt viele Kontakte nach Deutschland. Von dort erhalten wir große finanzielle Unterstützung, etwa durch das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken und die Ansgarwerke. Auch auf Ebene unserer Nordischen Bischofskonferenz halten wir Verbindungen nach Deutschland. Früher kam das allein dadurch, dass viele unserer Priester und Ordensleute aus Deutschland kamen. Aber nach wie vor gibt es viele gute, vor allem persönliche Kontakte nach Deutschland.    (Interview: Hubert Mathes)

 

Information:

Katholische Kirche in Nordeuropa


Das Bistum Kopenhagen umfasst das gesamte Königreich Dänemark, einschließlich der Färöer und Grönland – beides innenpolitisch autonome Gebiete innerhalb Dänemarks. Flächenmäßig ist es damit das größte katholische Bistum der Welt. Diözesanpatron ist der heilige Ansgar, der „Apostel Skandinaviens“. Die katholische Kirche in Dänemark ist wie in Schweden, Norwegen, Island und Finnland eine Minderheitenkirche und untersteht unmittelbar dem heiligen Stuhl. Die Landeskirchen arbeiten in der Nordischen Bischofskonferenz zusammen. 
Der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung beträgt zwischen 0,2 Prozent in Finnland und 1,9 Prozent in Schweden, in Dänemark sind es 0,6 Prozent. Die Pfarreien können – für deutsche Verhältnisse – riesige Ausmaße haben. Der überwiegende Teil der Katholiken sind Einwanderer aus aller Welt; nicht selten sind in einer Gemeinde über 40 Nationalitäten anzutreffen. 
Zwar gelten die skandinavischen Länder als reiche Länder, doch ist die katholische Kirche dort arm. Viele Mitglieder kommen als mittellose Einwanderer, Flüchtlinge oder Asylbewerber ins Land. Im Gegensatz zur lutherischen Staatskirche erhält die katholische Kirche nur eine äußerst geringe staatliche Unterstützung. Gemeinden und Seelsorger sind auf Spenden angewiesen. Vor allem deutsche Katholiken sind hier über das Bonifatiuswerk in Paderborn oder die Ansgarwerke einiger Bistümer wichtige Spendenzahler.    

Quelle: www.ansgar-werk.de

 

 

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