Ordinariatsrat Michael Schmitt ist seit 33 Jahren in Diensten der Diözese Speyer. Von Anfang an war er Mitarbeiter in der Ökumene und wurde 1990 zum Ökumenereferenten des Bistums ernannt. In den Jahren 1993–1999 und nochmals 2008–2011 war er Vorsitzender der ACK in Rheinland-Pfalz und im Saarland. Von 2001 bis 2011 gehörte er der Delegation der Deutschen Bischofskonferenz in der ACK in Deutschland an. Am 24. Februar wird er in die Altersteilzeit verabschiedet.
Nach 33 Jahren im Bischöflichen Ordinariat und nach über 21 Jahren als Ökumenereferent beginnt jetzt bald die passive Phase Ihrer Altersteilzeit. Was haben Sie sich für den neuen Lebensabschnitt vorgenommen?
Da habe ich keinen Masterplan. Ich bin selbst gespannt auf Entdeckungen und Veränderungen. Zunächst einmal möchte ich die Pfalz auf dem Jakobsweg durchwandern – im innerlichen Annehmen und Loslassen dessen, was in den zurückliegenden Jahrzehnten mit mir geschehen ist.
Anfang der 1980er-Jahre haben Sie die Arbeit als Ökumenereferent begonnen. Was waren damals die herausragenden ökumenischen Fragestellungen?
In den Anfangsjahren hatte ich noch Anteil an der gleichsam auslaufenden Pionierzeit des nachkonziliaren ökumenischen Aufbruchs. Ich konnte noch von den „Vätern im Glauben“, ökumenischen Pioniergestalten im Bistum wie in der Protestantischen Landeskirche, lernen. Eigentlich waren alle klassischen Themen der Ökumene schon damals präsent. Die Lima-Dokumente über „Taufe, Eucharistie und Amt“ standen im Mittelpunkt der theologischen Debatte, und ihre „Lösungsperspektiven“ sind heute noch höchst relevant. Eigentlich ging es von Anfang an um die zentralen Themen des Kirchen- und Einheitsverständnisses, ohne deren Zusammenhang ja die Frage nach der Eucharistiegemeinschaft im Letzten gar nicht zu beantworten ist.
Was hat sich im Laufe dieser 30 Jahre daran verändert?
Es gab damals eine größere Zuversicht, dass die Konvergenzen in diesen Fragen zu noch mehr Verständigung, ja zum Konsens hinführen würden. Später kam eine Menge weiterer Klärungsarbeit hinzu, unter anderem im Zusammenhang mit dem erstmals erzielten ökumenischen Durchbruch in Form der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Der Schlüssel zu noch weiterführenden ökumenischen Wegen wurde in der Formel vom „differenzierten Konsens“ gefunden. Das bedeutet: Es gibt eine Einheit, ohne dass alle Unterschiede beseitigt sein müssen. Leider wird heute der Ertrag aus über 40 Jahren ökumenisch-theologischer Studienarbeit auf evangelischer wie katholischer Seite manchmal madig gemacht.
Was waren für Sie in Ihrem Arbeitsleben ökumenische Höhe- und Wendepunkte?
Wendepunkte sehe ich eigentlich nicht, da ich versucht habe, kontinuierlich bei der ökumenischen Sache und ihr treu zu bleiben. Höhepunkte waren u. a. die Initiative 2000 mit den großen Christentreffen an Pfingsten in Speyer und Tags darauf in Straßburg, die Lourdes-Wallfahrt mit Teilnahme einer protestantischen Pfarrergruppe, die ökumenische Gestaltung der Heilig Rock-Wallfahrt 1996 in Trier, meine Teilnahme an den großen Europäischen Ökumenischen Versammlungen in Graz 1997 und in Sibiu 2007, aber gerade auch die vielen Gemeinschaftserfahrungen bei den Ökumenischen Pfarrkollegs, in der „Werkstatt Ökumene“, bei den „Ökumenischen geistlichen Besinnungstagen“ und bei den Begegnungen im Gottesdienst und im Gespräch mit den Geschwistern in der ACK.
Und was waren Tiefschläge im ökumenischen Gespräch?
Tiefschläge waren für mich immer die „Grenzerfahrungen“: Wenn ich spürte, jetzt wird es lieb-los. Jetzt geschieht Abgrenzung und wird der Alleinstellungs-Anspruch erhoben. Schmerzvoll und mühsam war auch die als Rückschlag empfundene Debatte um die Erklärung „Dominus Iesus“ mitsamt der harschen Antwort zum Verständnis von Kirchengemeinschaft auf evangelischer Seite. Ich habe versucht, so manche Tiefschläge geistlich zu verstehen und zu bewältigen vor dem Hintergrund einer Spiritualität, die sich am „verlassenen Jesus“ festzuhalten versucht. Wo die Einheit verraten wird, begegne ich Jesus in seiner Verlassenheit.
Ökumene hat verschiedene Dimensionen – eine theoretisch-theologische Ebene und die Auswirkungen auf das Leben der Menschen: Was ist in Ihren Augen auf der ersten Ebene dringlich zu klären, was sind notwendige Wegschritte, und wo sehen Sie dringenden Handlungsbedarf im alltäglichen Glaubensleben katholischer und evangelischer Christen?
Auf der Ebene der sogenannten Lehrgespräche muss der Dialog weitergehen. Wir werden einen Weg zu gehen haben, der die Unterschiede in unseren konfessionellen Prägungen und Überzeugungen nicht verschleiert, der aber damit rechnet, dass diese Unterschiede nicht endgültig kirchentrennender Art sind. Im alltäglichen Leben kommt es darauf an, all das zu entdecken und zu vertiefen, was uns als Christinnen und Christen verschiedener Kirchen verbindet. Und das ist mehr als das, was uns trennt. Wir sollten endlich die Verpflichtung aus der Charta Oecumenica, die die Kirchen ja unterzeichnet haben, im konkreten Leben einholen, nämlich überall gemeinsam zu handeln, wo es möglich ist. Ökumene ist kein Selbstzweck. Unser gemeinsamer christlicher Auftrag ist die Gottesbezeugung und der Gottesdienst im Horizont des Reiches Gottes, seiner Gerechtigkeit und seiner Hoffnung, gerade für die Armen und Schwächsten. In den 90er Jahren haben wir uns in der Ökumene stark in den Fragen von Gerechtigkeit, Frieden und der Bewahrung der Schöpfung engagiert. Dieses Feld muss mit neuem Elan wieder beackert werden.
Von vielen wird Ökumene als stagnierend beschrieben – können Sie das bestätigen?
In gewisser Weise schon. Wir dürfen es nicht einfach kaschieren, dass wir immer wieder dieselben Fragen stellen, die wir ja bereits in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts gestellt haben. Allem voran die doch wohl berechtigte Frage, ob es bei der Feier der Eucharistie und des Abendmahls nicht doch eine theologisch und pastoral verantwortete Teilhabe insbesondere bei konfessionsverbindenden Ehepaaren geben könnte. Wie lange wollen wir hier eigentlich noch damit leben, dass es in dieser Hinsicht sowohl unterschiedliche pastorale Handhabungen gibt, als auch dass Betroffene, denen diese Frage wirklich weh tut, mehr oder weniger allein gelassen werden.
Gibt es eine besondere Situation mit Blick auf das Bistum Speyer?
Über die Besonderheiten der pfälzischen und saarpfälzischen Ökumene ist immer wieder gesprochen und geschrieben worden. Keine Frage: Unsere ökumenische Begegnungs- und Kooperationskultur ist bundesweit vorbildlich. Jetzt kommt es darauf an, nochmals und auf dem Weg in die Zukunft ganz „ernst zu machen“ mit dem ökumenischen Schulterschluss. Praktisch wird es auf dem Weg in die kommenden Jahre darum gehen, dass wir uns gegenseitig begleiten in den Veränderungen, die uns gegenwärtig erfassen und die uns noch bevorstehen. Die Debatte darüber, was die einschneidenden Veränderungsprozesse für die Kirchen ökumenisch bedeuten, steht noch ganz am Anfang. Es wird notwendig sein, in enger Tuchfühlung und gemeinsamer Abstimmung den Herausforderungen in Zeiten des Umbruchs zu begegnen und sie als Chance für ein verbindliches und zukunftsweisendes Miteinander zu entdecken. Es ist gut, dass sich Bistum und Landeskirche diesbezüglich auf einem gemeinsamen Weg wissen. Es gilt, eine tragfähige und bereichernde geistliche und praktische Ökumene zu gestalten. Die Suche nach Synergien und das Teilen von Ressourcen werden künftig neue ökumenische Verschränkungen inmitten einer sich verändernden Kirchenlandschaft herausfordern und auch möglich machen.
Angenommen, Sie hätten zwei Wünsche in Sachen Ökumene frei, was würden Sie sich wünschen?
An einer bestimmten Stelle im Bistum sollten wir ein weiteres, neues Ökumenisches Gemeindezentrum errichten, gleichsam als ökumenisches Laboratorium, in dem wir versuchen könnten, im Sinne einer ökumenisch-missionarischen Experimentierstation neue Wege einer ganzheitlich ausgerichteten Gemeindearbeit zu wagen. Zweitens: Warum nicht die Gründung einer Ökumenischen Akademie? Gilt es doch, theologische, sozialethische und spirituelle Ein- und Ansichten gemeinsam in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen. Die gemeinsame Reflexion und Bezeugung christlicher Positionen kann dabei plurale Ableitungen, Prägungen und Entfaltungen durchaus verkraften.
Was ist für Sie der wichtigste Rat für Ihren Nachfolger?
Wie ich ihn sehe, hat er den gar nicht nötig. Ich rate ihm aber gern, sich mit Herz und Hand auf die besondere Aura der hiesigen Ökumene einzulassen und dabei, zumal in Konfliktfällen, auf ein gutes Stück der pfälzischen (auch religiösen) Mentalität zu vertrauen, die nach der Einschätzung des verstorbenen Generalvikars und Domdekans Hugo Büchler bezeichnet werden kann mit dem Satz: „Mach’s net zu arg!“ (Redaktion)
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