Im Gespräch

Mittwoch, 13. Juni 2012

Vatikan übt Schadensbegrenzung

Keine Kardinäle unter den Verdächtigen in „Vatileaks“-Affäre

Papst Benedikt XVI. mit Kardinalstaatssekretär Bertone (Bildmitte) und weiteren Kardinälen Anfang des Monats bei einem Konzert in der Mailänder Scala, anlässlich des Weltfamilientreffens. Foto: Daniel Dal Zennaro/DAPD

Neben den Ermittlern und Juristen bemühen sich der Papst selbst und die Kurienspitze um Schadensbegrenzung und Klarheit im Sachen „Vatileaks“. In einer öffentlichen Erklärung hat Benedikt XVI. seinen engsten Mitarbeitern im Enthüllungsskandal sein Vertrauen ausgesprochen – und damit ganz besonders den attackierten Kardinalsstaatssekretär Tarcisio Bertone gemeint. In internen Gesprächen und Kontakten habe er nun Ruhe, Solidarität und Geschlossenheit an der Kurie angemahnt, hört man im Vatikan.
Von daher erklärt sich, dass Bertone in den vergangenen Tagen mehrfach der Rücken gestärkt wurde – gerade von der so genannten „Alten Garde“ an der Kurie. Kardinaldekan Angelo Sodano, zwischen 1990 und 2006 Leiter des Staatssekretariats, widersprach allen Spekulationen um kuriale Machtkämpfe. Mit seinem Nachfolger Bertone verbinde ihn eine „gute Zusammenarbeit und alte Freundschaft“.
Auch der frühere vatikanische Innenminister und heutige Ostkirchen-Beauftragte Kardinal Leonardo Sandri, der nicht zu den engsten Freunden Bertones gerechnet wird, versicherte die Geschlossenheit des Kirchensenats und der Kurie um den Papst. Von einem „Bandenkrieg“ an der Kirchenspitze könne nicht die Rede sein, sagte er Journalisten. Beide Kardinäle räumten aber ein, dass Meinungsverschiedenheiten legitimerweise auch in den besten Familien vorkommen könnten, ohne Zusammenhalt und Zusammenarbeit zu beeinträchtigen.

Letzte Reform der Kurie 1988

Für einiges Rätselraten sorgte unterdessen ein Beitrag des im Vatikan gutvernetzten Online-Pressedienstes „Korazym“ vom 8. Juni über „Die Revolution, die nie stattfand“. Kardinal Attilio Nicora, heute Chef der vatikanischen Finanzaufsichtsbehörde AIF und nicht gerade ein Freund Bertones, sei noch unter Johannes Paul II. (1978-2005) mit Überlegungen zu einer Kurienreform betraut gewesen. Sein Plan sah demnach vor, den Verwaltungsapparat zu verschlanken und ein aus zehn Kardinälen bestehendes vatikanisches Leitungs- und Koordinationsgremium zu bilden.
Unter Benedikt XVI. wurde der Plan nicht weiterverfolgt. Der neue Papst besetzte binnen weniger Jahre alle Leitungspositionen neu. Auch nahm er kleine Umstrukturierungen an der Kurie vor – und zog manche auch wieder zurück, etwa die Auflösung des Dialog-
rates. Das Mammutprojekt einer neuen Kurienreform – die letzte stammt von 1988 – wolle sich Benedikt aber nicht zumuten, hört man in Rom.
Zudem wäre eine Herabstufung des Staatssekretariats und eine Schwächung von dessen Leiter ein falsches Signal. Mehrfach hat Benedikt XVI. seinem langjährigen Mitarbeiter Bertone das Vertrauen ausgesprochen – für seine Person wie für seine Arbeit. Am 2. Dezember feiert der norditalienische Theologe seinen 78. Geburtstag. Durchaus denkbar ist, dass der Papst seinen Kardinalstaatssekretär über dieses Datum hinaus im Amt behält.

Nur Kammerdiener verdächtig

Der päpstliche Kammerdiener Paolo Gabriele ist nach Darstellung des Vatikan nach wie vor der einzige Verdächtige, gegen den in der „Vatileaks“-Affäre“ ermittelt wird. Berichte, dass auch gegen zwei Kardinäle, vier oder fünf Laien sowie einen Journalisten Untersuchungen eingeleitet worden seien, entbehrten jeder Plausibilität, sagte Vatikansprecher Federico Lombardi am 11. Juni vor Journalisten. Zugleich wies er die These zurück, der Kammerdiener sei nur ein Sündenbock. Die vatikanische Justiz prüfe gegenwärtig einen Antrag auf Freilassung Gabrieles, so Lombardi weiter. Einen entsprechenden Antrag hätten dessen Anwälte gestellt. Gabriele, der in einer Arrestzelle der vatikanischen Gendarmerie sitzt, könne Besuch von seiner Familie erhalten, mit Verteidigern sprechen und die Messe besuchen. 

Postkartenaktion für den Papst

Die Initiative „Deutschland pro Papa“ hat angesichts der Affäre „Vatileaks“ eine Postkartenaktion für Papst Benedikt XVI. gestartet. Hinter der Solidaritätskundgebung steht der Gedanke, dass „wir unserem geliebten Heiligen Vater zeigen möchten, dass wir ihm im Gebet zur Seite stehen“, heißt es in einer in Ludwigsburg verbreiteten Erklärung von Sabine Benedikta Besch­mann, der Vorsitzenden der Initiative. „Wir alle sind sehr betrübt über den Verrat an unserem heiligen Vater durch seinen engsten Vertrauten, der private Schriftstücke unter das Volk gebracht hat“, heißt es weiter. Noch betrüblicher als die Tat des Kammerdieners aber sei, „dass in seinem Heimatland medial einmal wieder das Bild verzerrt wird“. Deutsche Medien würden „nicht nur undifferenziert berichten, sondern sich nicht scheuen, sogar Hans Küng ins Spiel zu bringen“, kritisierte Beschmann. 
Was Benedikt XVI. jetzt am meisten brauche, sei „unser Gebet und unsere Verbundenheit in der Liebe zu Christus“. Und ihn werde es „besonders freuen, wenn aus seinem Heimatland viele kleine Zeichen kommen“. Deshalb rufe die Initiative dazu auf, vorbereitete Postkarten entweder selbst auszudrucken oder bei der Initiative unter www.d-pro-papa.de zu bestellen und dann mit einem kurzen Gruß in den Vatikan zu schicken.  (Johannes Schidelko/kna/red)

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