Im Gespräch

Mittwoch, 06. Juni 2012

Wer gegen wen mit welchem Ziel?

Krise im Vatikan ist noch lange nicht ausgestanden

Auch die alten Hasen unter den Vatikan-Korrespondenten, können Pater Federico Lombardi, Pressesprecher von Papst Benedikt XVI., in diesen Tagen nur wenige Informationen entlocken. Foto: KNA

„Mamma mia, worauf sollen wir noch vertrauen? Die Erde bebt ohne Ende, der Euro macht uns kaputt; sogar im Fußball wird betrogen, und jetzt ist auch noch der Papst in Schwierigkeiten“. Claudio B., Restaurantbesitzer in der Nähe des Petersdoms, dem dieser Stoßseufzer am Ende einer Woche voller schlechter Nachrichten entfährt, gehört eigentlich zu den Profiteuren der aktuellen Krise im Vatikan. Seit die „Vatileaks“-Dokumente in den Schlagzeilen sind, kommen noch mehr Journalisten und Kleriker in sein Lokal; das Geschäft boomt fast so wie sonst zu kirchlichen Hochfesten.
Wenige hundert Meter entfernt im Pressesaal des Heiligen Stuhls hat Vatikansprecher Federico Lombardi wieder ein tägliches Briefing für die Journalisten aus aller Welt eingeführt. Mit Engelsgeduld beantwortet er die Fragen zum Gang der Ermittlungen und zum Zustand des einzigen und mittlerweile weltberühmten Untersuchungshäftlings hinter den Vatikanmauern. Viel können ihm selbst gewiefte US-Reporter und altgediente italienische Vaticanisti nicht entlocken. Doch er nutzt das Forum, um täglich die abwegigsten Pressemeldungen des Vortags zu dementieren oder deren Unsinnigkeit darzulegen.
Die Spezialisten der italienischen Zeitungen, die sich im Ratzinger-Pontifikat oft mit spärlichen Informationen aus der Kurie begnügen mussten, erleben durch Vatileaks eine Renaissance. Seitenweise spinnen sie mit Lust an kühnen Verschwörungstheorien und erklären, wer oder was hinter dem Geheimnisverrat aus den Papstgemächern stecken könnte. Wer will wen dumm dastehen lassen? Wer profitiert davon und wer trägt am Ende bleibenden Schaden davon? Sind es Seilschaften des Ex-Staatssekretärs Angelo Sodano, die gegen den heutigen Amtsinhaber Tarcisio Bertone intrigieren? Geht es um einen Aufstand „der Italiener“ gegen „die Deutschen“ im Vatikan?
Deutsche Vatikankenner erinnern an Papst Hadrian VI. (1522-1523), den vor der Wahl Ratzingers letzten Papst aus deutschen Landen. Schon damals scheiterte dieser mit seinem Versuch, die römische Kurie zu reformieren. Im nächsten Atemzug erinnern sie mit besorgter Stimme daran, dass wenig später die Kirchenspaltung in Europa einsetzte. Nur wenige Kommentatoren betonen derzeit die Chance, dass der Papst – ähnlich wie aus dem Missbrauchsskandal – letztlich doch gestärkt aus der Krise hervorgehen könnte.
Jenseits der sich überschlagenden Deutungsversuche mahlen die vatikanischen Mühlen erstaunlich gelassen. Es schlägt die Stunde der Kriminologen und Juristen. Eine Woche nach seiner Festnahme hat der förmliche Prozess gegen den mutmaßlichen Dokumente-Dieb aus der päpstlichen Wohnung noch nicht begonnen. Die vatikaninterne Untersuchungskommission soll angeblich vier oder fünf weitere Verdächtige befragen. Juristen erklären, der große Nutznießer des Dokumentenschmuggels, der Journalist Gianluigi Nuzzi, könne nicht belangt werden, da er in Italien unter dem Schutz der Pressefreiheit gehandelt habe.
Sein Buch „Sua Santita“ (Eure Heiligkeit), das Hunderte Geheimdokumente aus dem Vatikan im Wortlaut enthält, ist längst vergriffen; die Buchhändler hoffen täglich auf neue Auflagen. Nach und nach werden nun die einzelnen brenzligen Fakten in neuen Zeitungsstorys aufbereitet. Manches ist banal, anderes erschreckend – etwa der ruppige, bisweilen fast nötigende Umgangston unter Kardinälen. Ein Kommentator im „Corriere della Sera“ vergleicht die Turbulenzen mit der Eurokrise: Beides beruhe auf einer Vertrauenskrise – und beides lade zu immer weiteren Spekulationen gegen das betroffene Land ein, bis die Abwärtsspirale unaufhaltsam scheint. Nur dass die Währung, die dadurch an Wert verliere, kein Geld ist, sondern die Glaubwürdigkeit einer der moralisch anspruchsvollsten Institutionen der Welt. (Ludwig Ring-Eifel)

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Redaktion
Keine Kommentare

Pilger-Community

Um Kommentare verfassen zu können müssen Sie in der Pilger-Community angemeldet sein.

Falls Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich
hier kostenlos registrieren.

Die Kommentarfunktion dient dem Austausch der Pilger-Community untereinander. Alle Kommentare drücken ausschließlich die Ansichten der Autoren (Nutzer) selbst aus. Der Betreiber der Website www.pilger-speyer.de ist für den Inhalt einzelner Beiträge nicht verantwortlich. Hier finden Sie die  ausführlichen Nutzungsbedingungen und Regeln zur Kommentarfunktion.

Deutsche Bischofskonferenz

Der Ständige Rat hat auf seiner Sitzung am 24./25. November 2014 in Würzburg-Himmelspforten über...
Bischof Bode: „Gemeinsam für Gerechtigkeit aktiv werden“
Feierliche Preisverleihung am 5. Dezember 2014 in München

Anzeige

20. November 2014

Ein großartiges Friedensprojekt

Kardinal Reinhard Marx sprach im Speyerer Dom über Christentum und Europa


13. November 2014

Sanierung kostet 9,5 Millionen Euro

Priesterseminar St. German in Speyer wird barrierefrei umgebaut


Anzeige

Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren