Kirche und Welt

Mittwoch, 11. Juli 2012

„Auch wir sind Menschen“

Down-Syndrom: Bluttest ermöglicht Selektion von Menschen

Sarah (20 Monate) mit ihrer Mutter. Bei dem kleinen Mädchen wurde Trisomie 21 festgestellt, das Down-Syndrom. Foto: Mario Vedder/dapd

„Wir sind verdammt noch mal auch Menschen!“, rief der Berliner Schauspieler Sebastian Urbanski am 5. Juli in der Berliner Bundespressekonferenz. Sein Appell richtete sich gegen einen neuen Bluttest zur Feststellung des Down-Syndroms. Urbanski hat selbst das Syndrom. Der umstrittene Test soll noch in diesem Monat in Deutschland zugelassen werden. Seit Monaten streiten Mediziner, das Pharmaunternehmen, Juristen, Politik und Behindertenverbände über die ethische und juristische Zulässigkeit.
In Berlin stellte der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe (CDU), nun ein Gutachten vor, wonach der Test gegen das Antidiskriminierungsverbot im Grundgesetz und das Gendiagnostikgesetz verstößt. Während Hüppe die zuständigen Behörden aufrief, die Markteinführung zu untersagen, verteidigte Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery den umstrittenen Bluttest mit der vorherrschenden Mentalität: „Unsere Gesellschaft hat sich für Pränatal-Diagnostik entschieden. Das Rad lässt sich nicht mehr zurückdrehen“.
Ausgangspunkt für den neuen Trisomie-Test der Biotech-Firma LifeCodexx ist die in den 1990ern gemachte Entdeckung, dass im Blut der Schwangeren auch Bruchstücke des Erbmaterials ihres ungeborenen Kindes zu finden sind. Das Unternehmen argumentiert, durch den Test sogar Leben retten zu können: Denn die Blutuntersuchung könne für das ungeborene Kind potenziell gefährliche Untersuchungen wie Fruchtwasseranalyse oder Gewebeentnahme aus der Plazenta ersetzen. 
Auch Montgomery folgte dieser Logik: es sei besser, „diesen Bluttest anzuwenden, als eine mit Risiken behaftete Fruchtwasseruntersuchung vorzunehmen“. Was LifeCodexx allerdings nur indirekt einräumt: Fast immer wird es im Falle eines positiven Bluttest-Ergebnisses zusätzlich eine Fruchtwasseruntersuchung zur Bestätigung der Trisomie-Diagnose geben müssen.
Für Hüppe widerspricht der Test dem Ethos des Mediziners: „Er dient weder medizinischen noch therapeutischen Zwecken.“ Genau dies müsse er aber nach dem Gendiagnostikgesetz bei einer zulässigen vorgeburtlichen Untersuchung leisten. Aber das Down-Syndrom sei „weder therapierbar noch heilbar“, so Hüppe. Folglich gehe es beim Bluttest fast ausschließlich um die „Selektion von Menschen mit Down-Syndrom“. Der Test diskriminiere damit „Menschen mit Down-Syndrom in der schlimmsten Form, nämlich in ihrem Recht auf Leben“.
Für den Autor des Rechtsgutachtens, den Bonner Rechtswissenschaftler Klaus-Ferdinand Gärditz, geht es um ein kommerzielles Ziel, das nichts mit Heilen zu tun hat, im Gegenteil. Nach seiner Argumentation gefährdet PraenaTest „die Sicherheit und Gesundheit der Ungeborenen gezielt“. Im Unterschied zur Fruchtwasseruntersuchung diene der Test ausschließlich dem Aufspüren eines Gendefekts. Und Hüppe ist überzeugt, dass sich mit dem neuen Verfahren die „Rasterfahndung“ noch verschärfen wird.
Zunächst soll der selbst zu finanzierende, rund 1250 Euro teure Trisomie-Test Anwendung finden, wenn bei Routine-Untersuchungen ein Verdacht auf Down-Syndrom entsteht. Kritiker gehen davon aus, dass sehr viel mehr Frauen den Test nutzen, als heute eine Fruchtwasseruntersuchung machen. Für den Behindertenbeauftragten wird der Druck auf Frauen wachsen, „schon bei auffälligem Befund abzutreiben – und der Rechtfertigungsdruck auf all jene Frauen, die ein betroffenes Kind austragen“. Urbanski sieht in dem Test schon jetzt ein Zeichen dafür, „dass wir Außenseiter bleiben“.   

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