Kirche und Welt

Donnerstag, 19. Juli 2012

„Wie wenn Sie Christen die Taufe verbieten“

Rabbinerin und Kinderurologin Antje Yael Deusel (Bamberg) zum umstrittenen Beschneidungsurteil

Rabbinerin und Ärztin: Antje Yael Deusel. Foto: KNA

Das Kölner Landgericht hat am 26. Juni mit einem Urteil zur Strafbarkeit ritueller Beschneidungen eine bis heute anhaltende Debatte ausgelöst. In einem Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur äußert sich die Bamberger Rabbinerin und Kinderurologin, Oberärztin Antje Yael Deusel (51), zur Bedeutung dieser Entscheidung, die nach ihrer Ansicht so nicht stehenbleiben kann.

Frau Rabbinerin Deusel, eine rituelle Beschneidung kleiner Kinder soll jetzt in Deutschland als Körperverletzung strafbar sein. Wie bewerten Sie diese Gerichtsentscheidung?
Sie gilt zunächst für den Einzelfall, aber es ist davon auszugehen, dass sich andere Gerichte darauf beziehen werden. Insofern muss die Frage auf höchstrichterlicher Ebene noch einmal behandelt und entschieden werden. Das Urteil kann so nicht stehenbleiben.

Sie sind seit zwölf Jahren auch für rituelle Beschneidungen qualifiziert. Wie gehen Sie selbst mit der neuen Rechtslage um?
Momentan mache ich aus zeitlichen Gründen keine rituellen Beschneidungen. Aber ich würde schon erst einmal abwarten, bis Rechtssicherheit da ist. Nur kann das sehr lange dauern. Es ist den Eltern aber unbenommen, zu jemand anderem zu gehen, der das anders handhabt.

Was raten Sie jüdischen Eltern als Rabbinerin?
Das ist richtig schwierig. Denn es geht um die Grundlage unserer Religion, die Aufnahme als vollwertiges Mitglied in den jüdischen Bund mit dem Ewigen. Das wäre so, wie wenn Sie Christen die Taufe verbieten wollten. Momentan wird so getan, als habe ein Kind nicht das Recht, in eine Religion hineinzuwachsen.

Das Gericht schlug vor, den Termin auf ein Alter zu verschieben, in dem die Betroffenen selbst entscheiden können.
Das wäre grausam. Jugendliche kriegen das im Unterschied zu Kleinkindern voll mit und haben dann Angst. Die könnten ihren Eltern mit Recht vorwerfen: Warum habt ihr das nicht gemacht, als ich ein Säugling war? Außerdem heilt das bei kleinen Kindern viel schneller. Da sieht man nach drei, vier Tagen fast nichts mehr. Bei Erwachsenen dauert das zwei Wochen und länger. Natürlich erfolgt der Eingriff stets unter Betäubung. Es geht aber auch gar nicht um Schmerzen, sondern das ganze Drumherum und die psychische Belastung.

Bis wann sollte die Beschneidung spätestens erfolgen?
Die rituelle Vorgabe sagt: Am achten Tag nach der Geburt, außer es gibt Kontraindikationen. Und es ist genau festgelegt, was zu tun ist. Ein Ritzer oder ein Stich kommt als Alternative nicht in Frage. Das Gebot gilt außerdem in doppelte Richtung: in die der Eltern und in die des Jungen, der beschnitten sein muss. Wenn er das nicht erfüllt, wird ihm das vielleicht zunächst egal sein, aber wenn er älter ist, sieht er, dass andere beschnitten sind und merkt dann, er gehört nicht dazu.

Einmal angenommen, die höchsten deutschen Gerichte bestätigen das Verbot der Beschneidung. Was würde dies für das Judentum in Deutschland bedeuten?
Dann sind sie uns los (lacht). Dann müssen wir leider auswandern. Aber Nichtjuden verstehen auch nicht genau, warum das so ist. Da gibt es merkwürdige Vorstellungen, wie an manchen Leserbriefen zu sehen ist.

Haben die Juden für ihre rituellen Verpflichtungen jetzt ein Begründungsproblem?
Ich möchte mich nicht dafür rechtfertigen müssen, dass ich jüdisch bin und jüdisch lebe. Oft begegne ich einer gewissen Gedankenlosigkeit, die sich dann in so Sätzen ausdrückt wie: Wer bei uns lebt, soll sich halt anpassen. Das Zeichen der Beschneidung wurde aufrechterhalten in Zeiten schlimmster Verfolgung, etwa in der Sowjetunion. In der Makkabäerzeit war ein Beschneidungsverbot mit ein Grund für den jüdischen Aufstand, weil damit die Assimilation erzwungen werden sollte. Assimilation kann man anbieten. Wenn man sie erzwingt, gibt es keine Religionsfreiheit mehr.

Warum ist die Beschneidung für den jüdischen Glauben unverzichtbar?
Das ist sozusagen die Unterschrift unter den Bundesschluss. Schauen Sie, gegen Piercing und Tattoos hat keiner was, die jüngsten Mädels laufen damit herum. Bei uns geht es um etwas anderes. Die Beschneidung ist eines der wenigen absoluten und unveräußerlichen Gebote im Judentum. Wie der Schabbat. Der lässt sich auch nicht auf den Sonntag verlegen nach dem Motto: Da ist ja sowieso frei. (KNA/Redaktion)

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