Kultur

Donnerstag, 11. Mai 2017

Begegnung mit zwei großen Europäern

Pilger-Leserfahrt führte nach Metz, zu Marc Chagall und Robert Schuman

Ein imposantes Bauwerk: Die Kathedrale St. Etienne in Metz aus Sicht der Fußgängerzone. Foto: Decker

Zwei große Europäer standen im Mittelpunkt einer Tagesfahrt, die 47 Leserinnen und Leser des „Pilger“ am 27. April in die französische Stadt Metz führte: Marc Chagall (1887 bis 1985), der als Jude im Ghetto von Witebsk im damaligen Russland aufwuchs, dann in Frankreich seine Heimat fand und mit seinen im jüdisch-chassidischen Glauben wurzelnden Bildern zur Bibel eindrucksvolle Zeugnisse der Botschaft von Versöhnung und Liebe schuf, sowie der französische Staatsmann mit deutschen Wurzeln Robert Schuman (1886 bis 1963), der zu den Gründungsvätern Europas gehört und dessen Lebensspuren auch in die Pfalz, nach Neustadt und Speyer führen.

Der Vormittag der Tagesfahrt war Marc Chagall gewidmet. Nach einer Einführung in sein bewegtes Leben wurden die Glasfenster besichtigt, die Marc Chagall in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts für die von 1250 und 1550 erbaute Metzer Kathedrale Saint Etienne schuf. Klaus Haarlammert, Theologe und Chagall-Kenner, erläuterte die Grundszenen und Schlüsselgestalten aus dem Alten Testament, die Marc Chagall immer wieder, auch mit überraschenden, ungewohnten Deutungen, bearbeitet hatte, vor allem in seiner großformatigen „Biblischen Botschaft“ in Nizza. In den Metzer Fenstern sind dies die Motive Erschaffung des Menschen, „Sündenfall“ und Vertreibung aus dem Paradies, dann Opfer des Isaak, Jakobs Kampf mit dem Engel und sein Traum von der Himmelsleiter, Mose vor dem brennenden Dornbusch und beim Empfang der Tafeln mit dem Zehnwort, König David als Sänger der Psalmen, Arche Noah und der Gottesbund.

Marc Chagall, so machte Klaus Haarlammert deutlich, verstand die Bibel nicht als Heilige Schrift einer einzigen Religion, sondern der gesamten Menschheit. Deshalb fand Marc Chagall in ihr die Grundwerte schlechthin für das menschliche Leben und Zusammenleben, auf denen letztlich auch Europa aufgebaut ist. Das Fundament jedoch von allem ist der Glaube an das absolute Geheimnis, das wir Gott nennen. Nach den schrecklichen Ereignissen des Terrorregimes der Nationalsozialisten und des Zweiten Weltkrieg machte Marc Chagall, der da erst, im Alter von über siebzig Jahren, zur Glasmalerei fand, in seinen Fensterbildern auf diese Grundwerte aufmerksam. So, und auch durch seinen Lebenslauf insgesamt, gehört Marc Chagall zu den großen Europäern.

Nach der Mittagspause und einem Stadtrundgang lernten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagesfahrt bei einem Besuch in Scy-Chazelles bei Metz den anderen großen Europäer kennen: Robert Schuman, Luxemburger mit deutscher Staatsbürgerschaft und französischer Staatsmann, der bereits früh die Vision eines geeinten Europa verfolgte, ebenfalls gerade nach den bitteren Erfahrungen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs. Als Ministerpräsident und Außenminister Frankreichs – Robert Schuman war auch Finanzminister und vor allem der erste Präsident des Europa-Parlaments – setzte er sich für die Aussöhnung mit Deutschland und für die deutsch-französische Freundschaft ein. Eine starke Geste war, dass Robert Schuman, der 1941 von der Gestapo verhaftet und in Neustadt gefangen gesetzt wurde, 1953 bei der Grundsteinlegung zur Friedenskirche St. Bernhard in Speyer eine Rede hielt. In Scy-Chazelle bei Metz hat sich Robert Schuman einen Rückzugsort geschaffen, gegenüber eines Klosters, in dessen Kirche er jeden Morgen die Heilige Messe mitfeierte. Dort lebte er zuletzt, dort starb er auch und fand in der Kapelle seine letzte Ruhestätte.

Sein Haus ist heute eine Gedenkstätte, und daneben entstand ein Dokumentationszentrum des europäischen Gedankens. Mitarbeiterinnen des Zentrums brachten den Besucherinnen und Besuchern Robert Schuman nahe, seine beeindruckende Persönlichkeit, seine hohe Bildung und einfache Lebensweise, seine tiefe Frömmigkeit – und seine daraus entspringende Vision von Europa, die gerade heute aktueller denn je ist. (kh)   

Die Tagesfahrt „Auf den Spuren großer Europäer“ nach Metz erfuhr einen so unerwartet goßen Zuspruch, dass sie rasch ausgebucht war und ein lange Warteliste hatte. Deshalb wird die Tagesfahrt noch einmal wiederholt, und zwar am Donnerstag, 17. August, ebenfalls mit Zustiegen in Speyer, Neustadt, Homburg und zum Preis von 40 Euro pro Person. Erfahrungsgemäß ist auch dazu eine möglichst umgehende Buchung zu empfehlen bei:
der pilger,
Hasenpfuhlstraße 33,
67346 Speyer,
Telefon: 06232/318381,
E-Mail: info@pilger-speyer.de

Bilder im internet
Weitere Eindrücke dieser Tagesfahrt finden Sie
hier.

 

 

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