Kultur

Donnerstag, 09. Februar 2012

Die Amazone des Himmels

Vor 600 Jahren wurde Jeanne d’Arc geboren – Verbrannt, weil sie ihrer inneren Stimme folgte

Jeanne d’Arc auf dem Scheiterhaufen. Zeichnung von Eugène Devéria aus dem 19. Jahrhundert, ausgestellt im Museum von Angers (Frankreich) Foto: privat

Der vornehme Robert de Baudricourt, Kommandant von Vaucouleurs, als Haudegen, Frauenheld und Diplomat gleichermaßen berühmt, traute seinen Augen nicht: Da hatte sich doch vor ihm ein stämmiges Bauernmädchen aufgepflanzt, dunkle Haare, rötlicher Teint, und verlangte, vor den französischen Thronfolger, den Dauphin, geführt zu werden. Gewiss, das gutgebaute Mädchen mit seinem derben Charme gefiel ihm, aber was es sagte, war doch zu sonderbar: „Mein Herr will, dass der Dauphin zum König gemacht wird und das Königreich regiert. Trotz seiner Feinde wird der Dauphin zum König gemacht werden, und ich bin es, die ihn zur Krönung führen wird.“ Im Glauben, eine Verrückte vor sich zu haben, fragte Baudricourt vorsichtig zurück: „Wer ist denn dein Herr?“ Darauf wieder eine ganz selbstverständliche Antwort: „Der König des Himmels.“

 

Engel in leuchtender Rüstung

Um den 6. Januar 1412, die Quellen sind sich da nicht ganz sicher, kam sie auf einem Bauernhof im lothringischen Domremy zur Welt. Im Dorf galt sie als arbeitsam und fromm, keineswegs aber als überspannt – bis sie die „Stimmen“ hörte. Diese ermunterten sie, ihr kleines Dorf zu verlassen, das von den Engländern belagerte Orléans zu befreien und den Dauphin Karl VII. nach Reims zur Krönung zu führen. Für den Menschen des 15. Jahrhunderts, der von Psychologie nichts wusste und sich nicht vorstellen konnte, die eigenen unbewussten Antriebe und Hoffnungen als Stimmen von außen wahrzunehmen, war so ein vertrauter Umgang mit dem Himmel nichts Ungewöhnliches.
Dass Jeanne nicht mit einer Tracht Prügel zu ihrem Vater heimgeschickt wurde, lag nicht nur an ihrer Hartnäckigkeit („Ich muss gehen, mein Herr will, dass ich es tue“), sondern auch an der miserablen politischen Situation Frankreichs. Im sogenannten „Hundertjährigen Krieg“ hatten die Engländer große Teile des Landes besetzt. Der – mit einer Französin verheiratete – englische König erhob Anspruch auf den Thron von Frankreich; der „Dauphin“ Karl VII., ein entschlussloser Zauderer, war nur von einem Teil der französischen Fürsten anerkannt. In diesem politischen Spiel ließen sich eine himmlische Stimme und ein naives Bauernmädchen natürlich gut gebrauchen.
Und Jeanne liebte ihr Land und ihren König über alles. Man schenkte ihr eine weiße Rüstung und ließ sie beim Feldzug zur Befreiung von Orléans mit reiten. Ihre Wirkung auf die französischen Soldaten muss ungeheuer gewesen sein. In vorderster Reihe reitend, in ihrer leuchtenden Rüstung eine Mischung aus Amazone und Engel, feuerte sie die Franzosen derart an, dass Orléans nach wenigen Tagen frei war. Noch etliche siegreiche Schlachten, und Karl VII. konnte zur Salbung und Krönung als König von Frankreich in Reims einziehen. Stolz kniete Jeanne vor ihrem Herrscher, und Karl gewährte den Bauern von Domremy gerührt Steuerfreiheit für ewige Zeiten.
Aber Jeannes Stern begann bald zu verblassen. Die Heerführer wollten sich von diesem unbedarften Landmädchen nicht mehr dreinreden lassen, das zwar zur Jagd auf die Engländer aufrief, selbst jedoch nie Blut vergoss. Der König setzte mehr auf Diplomatie als auf Jeannes hitzige Rückeroberungsstrategie. Bei Compiègne wurde sie schließlich von burgundischen Truppen – Burgund hielt es mit den Engländern – gefangen genommen.

 

Unrühmlicher Ketzerprozess

Am 9. Januar 1431 begann in Rouen ein fünf Monate dauernder Prozess vor einem kirchlichen Gericht, der für die beteiligten Theologen, Mönche und Domherren alles andere als ein Ruhmesblatt wurde. Ein 19-jähriges Landmädchen, geschwächt von der Kerkerhaft, stand 60 geschulten Richtern gegenüber, die ihr Opfer fast allesamt für eine gefährliche Ketzerin hielten. Die Hauptanklagepunkte: Jeanne habe sich besondere Offenbarungen angemaßt, es an der nötigen Unterwerfung unter das Urteil der Kirche fehlen lassen und Gott durch ihre Männerkleidung gelästert. Für Jeanne freilich war diese Kleidung ein Zeichen ihrer Beauftragung durch Gott gewesen – und ein Schutz gegenüber rauen Kriegsknechten und Gefangenenwärtern.
Die erhaltenen Protokolle dieser unwürdigen Gerichtsverhandlung zeigen eine erfrischend natürliche, selbstbewusste, vernünftig argumentierende Angeklagte, die die Richter oft genug beschämt. Klassisch ihre Antwort auf die trickreiche Frage, ob sie sicher sei, sich im Stand der Gnade zu befinden: Jeanne platzte weder mit einem hochmütigen Ja heraus, noch bekannte sie sich mit einem Nein, wie man gehofft hatte, als verworfene Sünderin. Stattdessen formulierte sie entwaffnend gläubig: „Wenn ich es nicht bin, möge Gott mich darein versetzen. Wenn ich es bin, möge er mich darin erhalten.“

 

Treue zu Gott bis zuletzt

Über ihre „Stimmen“, da blieb Jeanne stur bis zum Schluss, werde sie nur dem König oder dem Papst antworten, „und wenn Ihr mir den Kopf abschlagt“. In der Treue gegenüber Gottes Befehl und dem eigenen Gewissen wurde sie auch nicht wankend, als man ihr die Folterzangen, Daumenschrauben und glühenden Kohlenbecken zeigte. Den Widerruf, zu dem man sie endlich doch bewegen konnte, nahm sie nach drei Tagen zurück: „Nur aus Angst vor dem Feuer“ habe sie abgeschworen.
Damit war ihr Todesurteil besiegelt. Wie ein vom Teufel der Ketzerei angestecktes Glied müsse sie aus dem Leib der Kirche weg geschnitten werden, hieß es im Richterspruch. Am 30. Mai 1431 wurde die 19-Jährige auf dem Marktplatz von Rouen verbrannt. Ihren Glauben verlor sie auch nicht während ihres qualvollen Sterbens. Noch als ihr der beißende Rauch den Atem nahm, schrie sie nach Jesus und dem heiligen Michael.
25 Jahre später erklärten Theologen und Juristen in einem Rehabilitationsprozess – wieder aus sehr durchsichtigen politischen Motiven – das das damalige Urteil für „null und nichtig“. 1920 sprach Papst Benedikt XV. das Bauernmädchen Jeanne heilig. (Christian Feldmann)

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