Kultur

Donnerstag, 16. März 2017

Mancher blickt noch immer mit Wehmut zurück

Der Zarensturz läutete vor 100 Jahren das Ende der russischen Monarchie ein

Der letzte Zar: Nikolaus II. Foto: wikipedia.de

Am 8. März vor 100 Jahren brach in Russland die Februarrevolution aus. Noch heute wird darüber gestritten, ob der Sturz Nikolaus II. (1868 bis 1918) für Russland ein Fluch oder ein Segen war – auch in der orthodoxen Kirche. Mit dem Untergang des Zarenreichs habe das Land an nationaler Größe eingebüßt, meint jeder fünfte Russe laut einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Lewada. Die positiven und negativen Folgen des Zusammenbruchs der Monarchie halten sich die Waage, sagen 23 Prozent. 43 Prozent trauen sich keine Aussage zu.

Die Ereignisse von 1917 wälzten das Riesenreich so um, dass viele Bürger damit immer noch nicht im Reinen scheinen. Im ersten Anlauf 1905 war die Revolution noch gescheitert. Arbeiter und Bauern hatten versucht, Nikolaus II. vom Thron zu stürzen. Doch der selbstherrliche Zar ließ in die unbewaffnete Menge schießen und schlug den Aufstand nieder.

Stark an Rückhalt in der Bevölkerung verloren die seit 300 Jahren herrschenden Romanows 1917 aus vielerlei Gründen. Der Zar erwies sich als reformunfähig, war nicht bereit, seine Macht zu teilen, sondern suspendierte im Dezember 1916 das Parlament, die Duma. Im Ersten Weltkrieg erlitt das Zarenreich Niederlagen und musste mehrere Landstriche abgeben. Die Lebensmittelproduktion ging katastrophal zurück. Die Preise stiegen enorm.

Wegen des Elends streikten immer mehr Arbeiter, allen voran in den Putilow-Werken, einer Rüstungsfabrik in der Hauptstadt Petrograd (Sankt Petersburg). Die Regierung ließ das Werk schließen – ein Grund mehr für die Arbeiter, auf die Straßen zu gehen. Den Protesten schlossen sich schließlich Arbeiter aus fast allen Fabriken Petrograds an: insgesamt 200000 Menschen.

Damals galt in Russland noch der Julianische Kalender. Erst 1918 führte Lenin den Gregorianischen Kalender ein, Jahrhunderte nach seinen europäischen Nachbarländern. Nach dem heutigen Kalender beginnt die Februarrevolution deshalb erst am 8. März (julianisch: 23. Februar). Es ist der Tag der ersten schweren Kämpfe zwischen streikenden Arbeitern und Soldaten. Die Aufständischen dringen bis auf die Prachtstraße, den Newski-Prospekt, vor.

Zwei Tage später legt ein Generalstreik Petrograd lahm. Der Zar will den Aufruhr mit Gewalt stoppen. Er befiehlt, die Demonstranten zu „liquidieren“. Doch erste Soldaten solidarisieren sich mit den streikenden Arbeitern. Auch die Abgeordneten der Duma stellen sich gegen den Zaren und die von ihm verfügte Parlamentsauflösung. In den wichtigsten russischen Städten bilden sich Arbeiter- und Soldatenräte. Schließlich dankt Nikolaus II. am 15. März (nach dem Gregorianischen Kalender) zugunsten seines Bruders Michail (1878 bis 1918) ab – der jedoch schon einen Tag später auf den Thron verzichtet. Das Aus für die Monarchie.

Die von der Duma eingesetzte bürgerliche Regierung lässt den Ex-Zaren und seine Familie am 21. März verhaften und in Zarskoje Selo internieren. 1918 wird Nikolaus II. zusammen mit seiner Ehefrau und seinen Kindern in Jekaterinburg hingerichtet.

Nach der erfolgreichen Februarrevolution hatten die Duma und die bürgerliche Regierung zunächst Oberwasser. Sie schickten sich an, einen neuen Staat aufzubauen. Doch der zentrale Arbeiter- und Soldatenrat bestimmte den Kurs des Landes mit. Die Regierung brachte die Bevölkerung gegen sich auf, weil sie den Weltkrieg fortführte. Schließlich ergriffen die Bolschewiki durch die Oktoberrevolution 1917 die Macht.

Die Schattenseiten der autoritären Zarenherrschaft sind heute in Russland vielfach kein Thema mehr. Ein Blick auf das heutige Staatswappen reicht, um zu sehen, dass Russland stolz auf das einstige Zarenreich ist. Der Doppeladler trägt drei historische Kronen Peters des Großen, den Reichsapfel und das Zepter. Russlands orthodoxe Kirche sprach die Zarenfamilie im Jahr 2000 heilig.

Schon im April 1917 hatte sich die orthodoxe Kirche offiziell gegen die provisorische Regierung ausgesprochen. Dem Klerus gefiel jedoch, dass die Februarrevolution die Kirche vom Zarenhaus löste. Im Jahr 1700 hatte Zar Peter der Große die Wahl eines russisch-orthodoxen Patriarchen verhindert und die Kirche dem Staat unterstellt. Erst die Revolution trennte Staat und Kirche wieder – und machte den Weg frei für die Wiedererrichtung des Patriarchats. (red)

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