Kultur

Donnerstag, 12. Januar 2017

Wiederaufbau ist ein Friedensprojekt

Syriens Chef-Archäologe vergleicht Schäden mit dem Zweiten Weltkrieg

Die Ruinen der Kirche des heiligen Simeon Stylites im Gebiet der Toten Städte im Nordosten Syriens. Foto: actionpress

Der gemeinsame Wiederaufbau zerstörter Städte kann nach den Worten von Syriens Chef-Archäologen Maamoun Abdulkarim helfen, verfeindete Bevölkerungsgruppen wieder zusammenbringen. „Archäologie kann ein Friedensprojekt für das syrische Volk werden“, sagte Abdulkarim der „Süddeutschen Zeitung“. Das gemeinsame Erbe „gehört dem Volk und nicht der Regierung oder der Opposition“. Er arbeite im ganzen Land mit lokalen Verwaltungen zusammen. Auch die Gehälter aller rund 2500 Wächter historischer Stätten würden weiter bezahlt. Derzeit nehme seine Behörde immer noch die Schäden in Aleppo auf, sagte Abdulkarim.

Er verglich den Zustand dort mit dem von deutschen Städten nach dem Zweiten Weltkrieg – „eine komplette Katastrophe, so etwas kannte ich bisher nur von Fotos“. So seien mehr als 150 Gebäude zerstört, die als Baudenkmäler eingestuft seien. Der historische Souk, ein überdachter, verwinkelter Basar, sei zu 60 Prozent vernichtet. In der Altstadt treffe dies auch auf Tausende Häuser in traditioneller Bauweise zu. Seine Behörde versuche derzeit, viele bewegliche Artefakte und Trümmerteile in Sicherheit zu bringen.

Ziel müsse es nun sein, so viele Menschen wie möglich für eine Rückkehr nach Aleppo zu gewinnen. „Ohne sie ist jeder Wiederaufbau zwecklos“, so Abdulkarim. Sie trügen das kulturelle Gedächtnis der Stadt in sich. „Die Bomben mögen ihre Häuser zerstört haben, aber nicht die Erinnerung an die Lebensart, an all die kleinen Traditionen, die sich selbst von Viertel zu Viertel unterschieden haben.“

Schockiert zeigte sich der Antikenbehörden-Leiter über die Rückeroberung Palmyras durch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Er habe nach der ersten Befreiung im März alle Kunstwerke aus dem dortigen Museum nach Damaskus evakuieren lassen. „Wenn wir dem IS erlauben, dort zu bleiben – ich rede von Wochen, nicht von Monaten – werden wir beschämende Momente massiver Zerstörung erleben.“ Wegen des besonderen Platzes im Herzen vieler Menschen könne ein Angriff der Terroristen auf die Ruinen so effektiv wie ein Anschlag im Westen sein.

Abdulkarim rief zugleich alle Konfliktparteien auf, Palmyra nicht zu instrumentalisieren, wie etwa bei der pompösen Siegesfeier der Russen in Palmyras Amphitheater. „Die Ruinen sind nicht politisch – sie sind Kultur, Zivilisation.“ (red)

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Redaktion
Keine Kommentare

Pilger-Community

Um Kommentare verfassen zu können müssen Sie in der Pilger-Community angemeldet sein.

Falls Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich
hier kostenlos registrieren.

Die Kommentarfunktion dient dem Austausch der Pilger-Community untereinander. Alle Kommentare drücken ausschließlich die Ansichten der Autoren (Nutzer) selbst aus. Der Betreiber der Website www.pilger-speyer.de ist für den Inhalt einzelner Beiträge nicht verantwortlich. Hier finden Sie die  ausführlichen Nutzungsbedingungen und Regeln zur Kommentarfunktion.

Anzeige

22. Juni 2017

Die Taufstelle am Jordan soll minenfrei werden

Vorhaben der Organisation Halo Trust hat politische Sprengkraft


16. Juni 2017

Vom Knochenschüttler zum Designerrad

Vor 200 Jahren fährt Karl Drais mit seiner Laufmaschine von Mannheim nach Schwetzingen


08. Juni 2017

Zu einem der größten Marienheiligtümer der Welt

Pilgerreise der Diözese Speyer im September nach Lourdes – Buswallfahrt als „pilger“-Leserreise


Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren