Silbermöwe

Freitag, 18. August 2017

Ruth Pfau erhält Staatsbegräbnis

Lepra-Ärztin und Ordensfrau in Pakistan im Alter von 87 Jahren gestorben.

Ruth Pfau bei der Bambi-Verleihung. Foto: GUIDO OHLENBOSTEL/actionpress

Ihren „Bambi“ hat sie in der Kategorie „Stille Heldin“ erhalten. Doch als Ruth Pfau, international bekannte Lepra-Ärztin und katholische Ordensfrau, 2012 den Medienpreis bei einer TV-Gala überreicht bekam, bezeichnete sie Moderator Johannes B. Kerner als „Superstar“. Solche Ehrungen waren ihre Sache nicht. Jetzt ist die „stille Heldin“ tot. Ruth Pfau starb nach Angaben der in Würzburg ansässigen Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) am 10. August im Alter von 87 Jahren in Pakistan.

Die Ordensfrau hat es in den vergangenen 55 Jahren geschafft, die Zahl der Lepra-Erkrankungen in der Islamischen Republik Pakistan drastisch zu verringern. Seit 1960 lebte sie in der 13-Millionen-Metropole Karachi. 1963 gründete sie dort mit Unterstützung der DAHW das Marie-Adelaide-Lep­ra-Krankenhaus. Unter ihrer Leitung entstand ein flächendeckendes Behandlungsnetz in Pakistan.

„Ich weiß nicht, wie oft wir wieder von vorne angefangen haben“, erinnerte sie sich einmal, als sie die Ehrendoktorwürde der Katholischen Fakultät der Universität Freiburg erhielt. Es gab Rückschläge: Das große Erdbeben von 2005, das fast 100000 Pakistanis in den Tod riss, zerstörte auch 30 der 170 Gesundheitsstationen, die Pfau seinerzeit in Pakistan betrieb. Labortechnik, Mikroskope und Pflegematerial mussten neu beschafft werden. Auch die Auseinandersetzungen mit den Taliban erschwerten die medizinische Versorgung. 2013 wurden zwei Mitarbeiter bei einem Überfall getötet – und doch setzte sie die Arbeit fort. „Ich bin überzeugt: Was Christentum ist, lässt sich nicht theoretisch erklären. Es geht nicht durch Worte. Nur über das eigene Tun“, sagte sie einmal.

Geboren am 9. September 1929 in Leipzig, kam Ruth Pfau nach Kriegsende nach Westdeutschland und studierte Medizin. Mit 22 ließ sie sich evangelisch taufen, trat aber wenig später zum Katholizismus über. Während ihrer Weiterbildung kam der nächste große Wendepunkt. „Das kann doch nicht alles sein: Geld verdienen – Auto kaufen – mehr Geld verdienen – anderes Auto kaufen“, dachte sie sich. 1957 trat sie in den Orden der „Töchter vom Herzen Mariä“ ein: Die Ordensschwestern wirken ohne Klausur und Tracht, mitten im Leben. 1960 begann Pfau als Ärztin in den Elendsquartieren von Karachi.

Dort hatte die Ordensfrau ein weiteres Schlüsselerlebnis: „Hassan kroch auf Händen und Füßen in den Bretterverschlag, auf allen Vieren, wie ein Hund“, erinnerte sie sich. Er und die Mitpatienten hätten dies gleichgültig hingenommen. „Dieses Ja zur Entwürdigung hat mich fast betäubt.“ Bald zog ihre Leprastation aus dem Slum ins Zentrum von Karachi.

Das weltweit angesehene Marie-Adelaide Leprosy Centre ist vor allem Ruth Pfaus Werk. Die Klinik wurde der Ausgangspunkt für ein dichtes Netz von Ambulanzen in Pakistan. Helfer tragen dazu bei, Lepra, Augenkrankheiten und Tuberkulose bis ins kleinste Dorf zu bekämpfen. Mit großem Erfolg: „Ich habe im kühnsten Traum nicht gedacht, dass wir Lepra in Pakistan in den Griff kriegen“, zog sie einmal Bilanz.

Hinzu kamen Maßnahmen, die verhinderten, dass die Hilfe ein Tropfen auf den heißen Stein blieb: Gesundheitserziehung, Vorsorge, Eingliederung Geheilter. „Ich werde diese Menschen erst aus meiner Patientenkartei streichen, wenn sie auch wieder so leben können wie jeder andere Mensch“, so Pfau.

Die Ordensfrau war Trägerin hoher deutscher und pakistanischer Orden. Die Regierung Pakistans ernannte sie 1980 zur Beraterin für das Lepra- und Tuberkulose-Kontrollprogramm und gab ihr den Status einer Staatssekretärin. Völlig wird sich Lepra nicht besiegen lassen. Für die langfristige und nachhaltige Absicherung ihrer Arbeit gründete die DAHW 1996 die Ruth-Pfau-Stiftung. Ruth  Pfau habe Hunderttausenden ein Leben in Würde ermöglicht, erklärte der Vorstand der Ruth-Pfau-Stiftung, Harald Meyer-Porzky. „Ruth Pfau wird als große Kämpferin für eine bessere Welt in Erinnerung bleiben“, betonte DAHW-Präsidentin Gudrun Freifrau von Wiedersperg.

Der pakistanische Staatspräsident Mam­­noon Hussain erklärte in einer Trauerbotschaft, Pfaus Tod sei ein großer Verlust für Pakistan. Die ganze Nation danke ihr für ihren Einsatz. Premierminister Shahid Khaqan Abbasi erklärte, man werde sich an ihren Mut, ihre Loyalität, ihren Dienst an der Ausrottung von Lepra und vor allem an ihren Patriotismus erinnern. Auch das Internationale Katholische Missionswerk missio Aachen würdigte die Verstorbene. „Wir trauern um eine große Frau der Weltkirche, um eine außerordentliche Glaubenszeugin, um eine große Freundin des pakistanischen Volkes und des Islams“, sagte missio-Präsident Klaus Krämer.

Nach Angaben des DAHW soll die Lepra-Ärztin nach ihrem Wunsch in Karachi bestattet werden. Pakistanische Medien gaben am vergangenen Wochenende bekannt, dass sie ein Staatsbegräbnis erhält. Die Beisetzung findet am 19. August auf dem christlichen Friedhof von Karachi statt. Zuvor werde die Totenmesse in der St.-Patrick's-Kathe­drale gefeiert.

Die Abgeordnete Hina Pervaiz Butt brachte laut der pakistanischen Zeitung „Tribune“ zudem eine Resolution ins Regionalparlament ein, um eine Universität, eine Straße oder ein öffentliches Gebäude nach Pfau zu benennen. Zur Begründung erklärte sie, die Ordensfrau sei „die Mutter Teresa Pakistans“ gewesen und habe mehr als ein halbes Jahrhundert der pakistanischen Nation und ihren Menschen gedient. (red)

 

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