Silbermöwe

Donnerstag, 23. März 2017

„Bewegt von ihrer Zuversicht“

Der Speyerer Peter Sauter begegnet in Uganda einer ehemaligen Kindersoldatin

Die ehemalige Kindersoldatin Stella (28) mit Schwester Gianna und Peter Sauter in Norduganda. Foto: Privat

Die Not in Afrika treibt immer wieder Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen. Die jüngsten Meldungen in unseren Medien berichten beispielsweise von der Situation im Süd-Sudan. Peter Sauter reist seit vielen Jahren regelmäßig nach Afrika, vor allem nach Ruanda, um einen Jugendaustausch mit Speyer zu organisieren. Kürzlich war er auch in Uganda. Er besuchte im Norden des Landes nahe der Grenze Flüchtlinge aus dem Süd-Sudan und sprach mit einer ehemaligen Kindersoldatin. Sie alle versuchen,  nach traumatischen Erlebnissen ein normales Leben zu führen. Hier sein Bericht:

Gulu – große Stadt im Norden Ugandas. Nur wenige Kilometer bis zum Krieg. Ich besuche mit Pater Matthew eine Stunde entfernt ein erst jüngst eingerichtetes Flüchtlings-Camp. Die meisten Flüchtlinge sind erst seit drei oder vier Monaten hier, alles ist noch sehr provisorisch: Schulen, Krankenstationen etc. in großen Zelten aus UN-Planen für viele tausend Menschen.

Die ganze Familie arbeitet mit

Wir bleiben bei einer Familie eine Weile stehen und werden eingeladen, uns zu ihnen zu setzen. Joseph ist im August mit seiner Familie angekommen: sein kranker Vater, zwei seiner Brüder, seine Frau mit ihren sechs  Kindern. Der alte Mann liegt apathisch auf einer Decke, malariakrank. Die Familie arrangiert sich auf dem zugewiesenen kleinen Stück Land. Zwei Töchter bauen einen Plumpsklo, die Erwachsenen versuchen, den kargen Boden so zu bearbeiten, dass etwas Gemüse angepflanzt werden kann. Sie sind geflohen, so Joseph, um den tödlichen Kämpfen zu entkommen. Sie kamen an in der Hoffnung, nicht lange hier bleiben zu müssen. Man sagt ihnen jetzt, sie müssten sich darauf einstellen, mehrere Jahre hier zu bleiben. Trotz aller Erlebnisse der letzten Monate, trotz aller Schwierigkeiten unterwegs und hier: Joseph setzt sich zu uns und spricht ruhig und freundlich mit uns. Die kleinen Kinder kommen näher, alle bedanken sich für unseren Besuch und mein Interesse an ihnen. Ich bin tief beeindruckt von den offenen freundlichen Gesichtern trotz des harten Schicksals. Ich bin bewegt von dem wenigen, was ihnen zum Leben bleibt. Pater Matthew sagt mir, dass gerade Nahrungsrationen gekürzt wurden, weil die UN zu wenig von dem international zugesagten Geld bekommen hat… Innerlich aufgewühlt fahren wir zurück nach Gulu.  
In Norduganda wütete von 1987 bis 2006 ein Krieg um die Macht im Land. Die Widerstandsbewegung LRA entführte in dieser Zeit mehr als 60 000 Kinder und Jugendliche und machte sie zu „child soldiers“, Kindersoldaten. Eine von ihnen, Stella, treffe ich am folgenden Tag. Eine italienische Don-Bosco-Schwester, die sich hier im „Zentrum für verwundete Menschen“ vor allem um Frauen kümmert, bringt mich zu ihr.

Die Kindersoldatin

Acht für uns unvorstellbare Jahre sollte sie im Urwald in den Händen der Rebellen leben müssen. Sie lernte zunächst den Umgang mit Waffen, wurde geschult in einfacher medizinischer Versorgung von Verletzungen und musste stets den Soldaten zu Diensten sein. Mit 14 wurde sie einem hohen Offizier zur „Partnerin“ zugeteilt. Sie wurde wiederholt von ihm und anderen Soldaten vergewaltigt. Man drohte immer, sie zu töten, falls sie sich wehren oder später darüber reden würde. Sie sagte dazu: „Ich war körperlich anwesend, aber meine Seele war weit weg.“ Während eines Angriffs konnte sie nach acht Jahren mit ihrem inzwischen vierjährigen Sohn fliehen. Zurück in der Gesellschaft, zeigten die Menschen auf die beiden, auf die, „die aus dem Urwald“ kamen, und sie machten deutlich, dass sie eine Last seien für „die daheim“.

Acht Jahre im Busch

Heute lebt Stella mit ihrem inzwischen 14jährigen Sohn und einer 5jährigen Tochter in einem kleinen Zimmer, daneben ihre Großmutter und zwei ihrer Schwestern. Im Hof wird gekocht, hier näht sie auch. Das hat sie im Zentrum von Schwester Gianna, zusammen mit anderen Frauen in Not (z.B. jugendliche Schwangere oder junge Mütter mit HIV) gelernt. Sie näht Taschen und kleine Stofftiere, die zum Verkauf angeboten werden. So sichert sie notdürftig den Unterhalt von sechs Personen.

Trotz der entsetzlichen acht Jahre im Busch, die ihr die Kindheit geraubt und so viel Leid gebracht haben, blickt sie stark in ihrem Glauben hoffnungsvoll in die Welt. Sie ist eine der wenigen, die bereit ist, über ihr Schicksal als Kindersoldatin auch öffentlich zu reden.

Am Ende des Tages verabschieden wir uns. Sie und ihre Kinder danken für mein Interesse an ihnen und meinen Besuch. Ich bin ebenfalls dankbar und bewegt über die Begegnung mit Stella, die so viel Ausstrahlungskraft und Zuversicht hat trotz der traumatischen unendlichen acht Jahre und des täglichen Kampfes ums Überleben. (red)

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