Silbermöwe

Donnerstag, 19. Februar 2015

Auch der letzte Krümel sollte uns wertvoll sein

Ein Ernährungswissenschaftler über Lebensmittel im Müll

Viele Lebensmittel, die nicht vorgegebenen Normen entsprechen, landen auf dem Müll. Der Einkauf beim Erzeuger ist ein Schritt in Richtung des verantwortungsvollen Umgangs etwa mit Obst und Gemüse. Foto: actionpress

Zu viel gekauft, zu wenig gegessen oder einfach falsch gelagert – jeder Deutsche wirft pro Jahr 82 Kilogramm Lebensmittel weg. So entstehen jährlich nach einer Studie 6,7 Millionen Tonnen Nahrungsmittelabfälle. Wie das vermieden werden kann, erforscht der Ernährungswissenschaftler Guido Ritter aus Münster. Gerade hat er ein zweijähriges Forschungsprojekt zu Backwaren abgeschlossen.

Herr Ritter, warum interessieren Sie sich so sehr für Lebensmittelabfälle?
Wir wissen dazu in Deutschland noch relativ wenig. In den skandinavischen Ländern beschäftigt sich die Forschung damit schon länger. Wir vermuten, dass auf der ganzen Welt ein Drittel aller Lebensmittel nicht bei den Konsumenten ankommt. Das ist ein ethisches, soziales und ökologisches Problem.

Gibt es dabei einen Unterschied zwischen reichen und armen Ländern?
Bei den Entwicklungsländern steht das Problem am Anfang der Kette. Landwirtschaft, Lagerung und Logistik sind dort noch nicht ausgereift. Das Essen verdirbt oft, bevor es bei den Menschen ankommt. Was aber ankommt, wird gegessen. Die reichen Länder sind zwar sehr gut in der Lebensmittelsicherheit am Anfang. Am Ende wird aber vieles, zum Teil sogar ungeöffnet, weggeworfen.

Was lässt sich dagegen tun?
Im Auftrag des Umweltministeriums Nordrhein-Westfalen haben wir herausgefunden, dass die Problematik vor allem im Übergang zwischen den einzelnen Produktionsstufen liegt. Der Handel sagt von sich selbst, dass in seinem Bereich nur drei Prozent der Lebensmittel weggeworfen werden. Diese Menge ist dort deshalb so klein, weil vieles nicht im Handel landet und gleich wieder zum Produzenten zurückgeht – als Retoure.

Und was passiert mit diesen Lebensmitteln?
Sie werden als Futtermittel oder Biogas verwertet. Vieles geht auch an die Tafeln.

Und wie sieht es bei den Endverbrauchern aus?
Wenn Obst oder Gemüse nicht mehr so gut aussieht, findet es häufig den Weg in die Tonne. Wir riechen, tasten und schmecken die Lebensmittel gar nicht mehr. Die Wertigkeit und damit die Qualität des Produkts definiert sich allein über das Aussehen. Das müssen wir ändern.

Sehen Sie noch weitere Schwierigkeiten?
Ein großes Problem ist das große Angebot und die permanente Verfügbarkeit. Das ist aber eine Scheinvielfalt. Denn das eigentlich Besondere wirkt nicht mehr besonders, weil es von allen angeboten wird. Letztlich sind die Lebensmittel dann so billig, dass es einfacher ist, sie bei kleinen Mängeln wegzuwerfen.

Auch Backwaren?
Ja. Jedes fünfte Brot landet nicht beim Kunden. Denn in der Backwarenbranche hat man es mit super frischen Produkten zu tun. Viele Brote gelten schon nach wenigen Stunden nicht mehr als frisch.
Aber das könnte doch geändert werden, indem einfach weniger produziert wird?
Genau. Selbst kleinere Bäckereien müssen viel anbieten, um mit Großproduzenten mitzuhalten. Dabei stellen sie mehr her, als sie verkaufen können.

Was müssen Betriebe ändern, damit Brot nicht mehr im Müll landet?
Unsere Studie zeigt, dass in den Backstuben selbst kaum Abfälle anfallen. Einfache Dinge können aber optimiert werden: Überschüssiges Mehl und Körner können aufgesammelt und wiederbenutzt werden. Vor allem aber muss das ganze Bestellsystem geändert werden. Es darf nur noch die Menge in den Filialen angefordert werden, die auch tatsächlich gebraucht wird.

Und Sie sind sich sicher, dass das funktioniert?
Allein unsere Gespräche in den Bäckereien zu unserer Untersuchung haben schon zu einer Reduzierung des Abfalls geführt. Das Gleiche sehen wir auch beim Verbraucher: Wenn er sich bewusst ist, dass so viel Nahrung weggeworfen wird, findet schnell ein Umdenken statt. Am Ende muss das Gewissen gewinnen. Wir müssen uns bewusst werden, dass das Brot wirklich einen Wert hat. Auch der letzte Krümmel ist wertvoll. Das muss uns bewusst sein.

Das heißt, Sie wollen die Bevölkerung jetzt aufklären?
Ein Flyer wird die Welt nicht retten. Es müssen auch Zahlen vermittelt und Ziele gesetzt werden. Wir müssen die Arbeitsprozesse und Verbrauchergewohnheiten beobachten, darauf reagieren und Vorgaben machen. Auf diese Weise will die EU bis 2025 die Lebensmittelabfälle um 30 Prozent verringern. Das Thema wird in den nächsten Jahren immer wichtiger. Denn keiner ist glücklich mit den Lebensmitteln im Müll.
Interview: Samuel Dekempe (kna)

Anregungen und Informationen:
www.gutesleben-fueralle.de

 

 

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