Silbermöwe

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Zuhause für junge Mädchen

Aktion Silbermöwe und Aloisiushof in St. Martin unterstützen Adveniat-Projekt im Norden Argentiniens

Alltag im Internat: Gemeinsames Backen mit Schwester Nancy Gomez (Mitte). Bild: Jürgen Escher/Adveniat

Unter dem Motto „Ich will Zukunft!“ stellt das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat die Jugendförderung der katholischen Kirche in den Blickpunkt der Advents- und Weihnachtsaktion 2014. Junge Menschen bilden die große Mehrheit der Bevölkerung in Lateinamerika und der Karibik. Armut, Gewalt, fehlende Bildungschancen und Arbeitslosigkeit gehören zu ihrem Alltag. Durch Bildungsinitiativen, Friedensarbeit, Glaubensweitergabe und Zuwendung macht die katholische Kirche in Lateinamerika Jugendliche stark. Adveniat unterstützt sie dabei – zum Beispiel in Santa María im Norden Argentiniens. Das Mädcheninternat San Augustin fördert 30 Mädchen und junge Frauen. Der Aloisiushof in St. Martin und die Aktion Silbermöwe des „pilger“ haben das Mädchenheim mit dem Erlös aus einem Adveniat-Wein bis heute mit insgesamt mehr als 12000 Euro unterstützt. Davon kamen 8700 Euro aus dem Weinverkauf des Aloisiushofes. Unsere Reportage stellt die „Albergue San Augustín“ in Santa María vor.

Staub und Geröll bedecken den Boden, und der trotz Sonnenschein kalte Wind treibt einem den Sand in die Augen. Richtung Nordwesten erhebt sich ein mächtiges Bergmassiv der Anden, in der entgegengesetzten Richtung säumen karge Hügel den Horizont. Wir sind im Grenzgebiet zwischen Catamarca und Salta, hoch im Norden Argentiniens. Lediglich eine Flugstunde und zwei weitere mit dem Jeep trennen die einsame Region von der pulsierenden Hauptstadt Buenos Aires mit seinem prallen Leben und dem Großstadtlärm.

Ausbildung fürs Leben

„Ich bin immer wieder froh, wenn ich hier in die Ruhe zurückkehren kann“. Seit vier Jahren arbeitet die Ordensschwester María Soledad del Río bereits in dem Mädchenheim Albergue San Augustín in der Kleinstadt Santa María. Es liegt nahe dem Stadtkern, der eigentlich nur aus einem mit Bäumen bepflanzten Platz besteht. Als Tole, so der Spitzname der Schwester, die Hauptstraße Santa Marías hinabfährt, winkt ihr ein Trupp Mädchen in Schuluniformen zu. Dreißig Mädchen bietet der zweistöckige Backsteinbau Platz. In manchen Fällen wäre wohl Zuflucht das bessere Wort. Die Mädchen sind zwischen zwölf und 18 Jahre alt, „ein schwieriges Alter“, meint Hermana Dorita Roman, die Dienstälteste der drei Schwestern. „Die Eltern beschützen sie daheim entweder zu sehr oder geben ihnen zu viele Freiräume“.
Hier in dem Heim folgen die Mädchen einem festen Tagesplan, helfen in der Küche mit, reinigen ihre Zimmer, machen ihre Hausaufgaben und beschließen den Tag mit einem gemeinsamen Gebet. Man biete den Jugendlichen eine „integrale Ausbildung fürs Leben“, wie Schwester Tole sagt. Dazu gehört auch die religiöse Ausbildung, die nicht verpflichtend sei, „aber an der immer alle teilnehmen“, so Hermana Dorita.

Für viele Mädchen eine neue Familie

„Die Familien wissen, dass sie ihre Töchter hier ohne Bedenken unterbringen können“, sagt Schwester Nancy Natália del Valle Gómez, mit 34 Jahren die jüngste der drei Schwestern und damit automatisch erster Ansprechpartner der Mädchen. „Die Mädchen haben natürlich auch ihre Freiheiten, können abends weggehen, solange wir wissen, wo sie sind.“, sagt Tole. Eine Balance zwischen Regeln und Vertrauen. „Daheim haben sie das nicht“, so Hermanam Dorita. Daheim – manche Mädchen stutzen, wenn sie den Begriff definieren sollen. „Am Anfang fühlte ich mich einsam, aber jetzt ist das hier meine Familie“, erzählt die 17-jährige Cinthia Gómez, die seit drei Jahren in dem Heim lebt. Sie stammt aus dem eine Autostunde entfernten La Puntilla de San José, wo ihre drei kleinen Geschwister derzeit in die Dorfschule gehen.
Cinthia erinnert sich noch an ihre eigene Schulzeit dort. Nach der Grundschule hatte sie zwei Möglichkeiten: auf die Mittelschule zu verzichten oder nach Santa María zu gehen. Sie hat die richtige Entscheidung getroffen, meint sie. „Ich will später nach Catamarca zum Pädagogikstudium. Danach kann ich in mein Dorf zurück und dort als Lehrerin arbeiten“.
An den Wochenenden schließt das Heim, und die Mädchen verbringen die Tage bei ihren Familien. Die 18-jährige Belén nimmt dafür den Bus nach Colalao del Valle, zwei Stunden durch das Tal. Danach geht es weitere acht Kilometer steil die Berge hoch. Ihr Heimatdorf El Pichao liegt auf 2550 Meter Höhe, 80 Familien leben hier, rund 200 Einwohner. Mutter Mónica und die beiden Geschwister schließen Belén in die Arme.

Am Wochenende zuhause

„Wir vermissen sie sehr“, sagt die Mutter unter Tränen. In Colalao gebe es zwar eine Mittelschule, „aber die in Santa María ist besser“. Natürlich sei es für die Familie schwierig, den monatlichen Eigenanteil für die Heimkosten aufzubringen. Aber für ihre Tochter ist es die beste Lösung, wissen die Eltern.
Seit fünf Jahren lebt Belén nun schon in Santa María, dies wird ihr letztes sein. „Mein Traum für Belén ist, dass sie die Schule beendet und einen Job bekommt. Hier wird sie den allerdings nicht finden“. Beléns Mutter sieht sich um in der einfachen Hütte, der Fußboden besteht aus festgetrampelter Erde.

Land der weiten Schulwege

Belén will in Salta Kommunikationswissenschaften studieren. In ihrem Dorf dagegen gibt es weder ein Handynetz noch Internet, nur manchmal empfängt der Fernseher ein Signal. „Hier auf dem Land übernehmen die Söhne den Hof vom Vater, den Mädchen bleibt nur die Option, sich um die Kinder, den Mann und den Haushalt zu kümmern. Andere Möglichkeiten existieren nicht“, sagt Schwester Nancy.
Von El Pichao führt eine Geröllstraße einige Kilometer weiter hoch in die Berge. Dann geht es über Trampelpfade nur noch zu Fuß weiter. Gigantische Kakteen beherrschen die Landschaft, links und rechts der Gebirgsbäche säumen vereinzelt Bäume die ansonsten kargen Hügel. Schon als fünfjährige war dies Maribels Schulweg. Morgens zwei Stunden ins Tal hinab, nachmittags acht Kilometer wieder hinauf. Ganz allein.
„Besonders im Winter war das schwierig, sie musste ja schon vor Sonnenaufgang los“, erinnert sich die Mutter. Als die Tochter zwölf Jahre alt wurde, vertraute man sie den Ordensschwestern an. „Dort ist es sicherer und besser für ihr Studium“. Maribels Mutter ist gerade 50 Jahre alt. Doch das Leben auf dem einsamen Bauernhof Anchillo hat sie und ihren Mann gezeichnet.
Maribel ist die Jüngste, die beiden älteren Söhne leben in der Großstadt. Maribel will Ingenieurin werden, ein Studium in einer Großstadt liegt vor ihr. Die Kinder werden nicht nach Anchillo zurückkehren, die Eltern wissen das. Sie werden die letzte Generation sein, die ihr Leben inmitten der stummen Berge verbringe, die Letzten, die ihre Lebensmittel per Lastesel hinauf auf den Hof schaffen.
Die Autobahn 40 schlängelt sich Richtung Süden durch das Tal. Nach zwei Stunden geht es von der Asphaltpiste ab, eine weitere Stunde über Sand und Schotter folgt. Dann ein halbes Dutzend Lehmhütten. Hier ist die 16-jährige Eliana Guanca aufgewachsen.

Leben in die eigenen Hände nehmen


Jedes Wochenende nimmt sie die stundenlange Fahrt von Santa Mariá auf sich, um nach ihrem Großvater zu sehen. Seit dem Tod seiner Frau ist mit dem 70-jährigen Melitón nicht mehr viel los. Er fühlt sich nutzlos, flüsterte Eliana, „es wäre besser, wenn ich sterben würde“, grummelt der Alte. Eliana streicht dem alten Mann zärtlich über die Wangen. Der Großvater sei ihre letzte Bezugsperson in der Familie, sagt sie später auf der Rückfahrt. Ihrer Mutter gehe sie aus dem Weg, ihren leiblichen Vater kennt sie nicht. „Viele Mädchen kennen nicht mal den Namen des Vaters“, erzählt Schwester Tole. „Wir müssen diese Lü-cke schließen, müssen mit diesem Schmerz des Verlustes arbeiten“.
Viele der Mädchen hätten zu ihnen ein besseres Verhältnis als zu der eigenen Familie, erzählen die Schwestern später. In den Heimatdörfern der Mädchen in den entlegenen Bergregionen herrschten oft noch alte Traditionen,die den Frauen kaum Rechte einräumten.
Mädchen seien dem sexuellen Missbrauch in den Familien oft hilflos ausgeliefert, berichtet die Psychologin Veronica Galuez. „Es gibt unglaublich komplexe Fälle, in denen die Mädchen danach eine enge Betreuung brauchen“. Seit drei Jahren hält die Psychologin Sprechstunden im Heim ab, hat sie ein offenes Ohr für die Mädchen. „Die Familien stellen sich oft blind, tun so, als ob es die Missbrauchsfälle nicht gäbe“, sagt Schwester Nancy. „Wir helfen den Mädchen, dass sie beginnen können, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen.“     (Thomas Milz)

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