Silbermöwe

Mittwoch, 27. Juni 2012

Paridzane will sein Land zurück

Brasilianische Xavante Indianer fordern bei Rio+20 ihr Recht

Polizei überwachte den Marsch der Indianer zum Kongress-Center in Rio. Seit Jahren führen Sie einen Kampf um ihre Rechte. Foto: dapd

Kirchliche Hilfswerke Misereor haben sich enttäuscht über den Verlauf des Umweltgipfels Rio+20 geäußert. „Die große Überraschung ist das inhaltsleere Abschlussdokument, das bereits einige Tage vor der offiziellen Konferenz feststand“, so Benjamin Luig, agrarpolitischer Referent und Vertreter des Hilfswerks Misereor bei der Konferenz in Rio de Janeiro. Es sei „eine Frage des politischen Willens und der Bereitschaft, auch mal bei eigenen wirtschaftlichen Interessen Abstriche zugunsten einer gerechteren Entwicklung zu machen“. Diesen Willen sieht der Misereor-Vertreter bei vielen Regierungen nicht. – Der positive Aspekt der Mega-Veranstaltung von Rio: Die indigenen Völker Brasiliens konnten das Medieninte-resse nutzen, um auf die Verletzung ihrer Rechte hinzuweisen.

Mit Federschmuck und Holzstöckchen als Ohrstecker sitzen Kazique Damiao Paridzane und seine Brüder vor dem Kongress-Cafe des UN-Umweltgipfels in Brasilien. Anzugträger links und rechts schielen misstrauisch auf die Gruppe. „Ich bin hier, um Präsidentin Dilma Rousseff zu sagen, dass 20 Jahre genug sind“, sagt Paridzane. Zwar tagt der Gipfel schon seit einer Woche in Rio de Janeiro über Natur und jene Menschen, die in ihr leben. Aber die Realität der Indigenen des Xavante-Stammes in Nordbrasilien überfordert die Delegierten, die am Wochenende in ihre Heimatländer zurückkehren werden, dann wohl doch.
Bereits auf dem Erdgipfel 1992, der ebenfalls in Rio stattfand, hatte Brasiliens Regierungsvertreter Paridzane und seinem Stamm versprochen, die weißen Siedler von ihrem Reservat Maraiwatsede abzuziehen. „Passiert ist nichts, und deshalb bin ich heute wieder hier, 20 Jahre später.“ Zuerst hatten die Xavante mit Dutzenden anderer Stämme am „People’s Summit“, dem Gegengipfel der Zivilgesellschaft in Rio de Janeiro, teilgenommen. Am Mittwoch verhandelten sie mit Rousseffs starkem Mann, dem Kanzleramtschef Gilberto Cavalho. Der wollte sich dafür einsetzen, dass zwölf Stammesführer zum UN-Gipfel zugelassen werden, um eine Protestnote abzugeben.
Jetzt sind die Indigenen hier, ziehen durch den Öko-Supermarkt auf dem Konferenzgelände, werden beim Kaufen von Keksen geknipst. Paridzane war noch ein kleiner Junge, als Brasiliens Luftwaffe 1966 auf dem Territorium der Xavante im Amazonas-Bundesstaat Mato Grosso landete und die Ureinwohner abtransportierte. 1992 forderte er Rückgabe seines Landes. Es dauerte jedoch sechs Jahre, bis das Gebiet 1998 offiziell zu Xavante-Land erklärt wurde.
Bis heute haben die Indigenen gerade einmal fünf Prozent davon zurück. 95 Prozent sind nach wie vor in der Hand weißer Siedler. Sämtlichen Versprechen der Regierung, diesen illegalen Zustand zu beenden, folgten bislang keine Taten. „Vor Ort machen die Lokalpolitiker stets ihre eigenen Gesetze, da gelten unsere verfassungsmäßigen Rechte nichts“, sagt Paridzane. Entlang den großen Straßen harren viele Xavante aus, warten auf eine Schicksalswende. Viele klagen über Gewalt; kaum jemand glaubt, dass die Siedler das Land freiwillig zurückgeben.
Vor einem Jahr entschied die Justiz, dass die Siedler weichen müssen. Doch diese erwirkten vor Gericht eine einstweilige Verfügung. Vor einigen Wochen wurde ihr Einspruch nun abgewiesen. Jetzt gibt es eigentlich keine Entschuldigung mehr, das Land nicht den Indigenen zu überlassen. „Aber ich denke, dass auch das nicht wirklich passieren wird“, meint Paridzane. Außerdem, so der Mann, seien inzwischen 85 Prozent des Landes abgeholzt und in Viehweiden und Sojaäcker umgewandelt worden. Ob es da ein Zurück gibt, auch wenn sie zurück dürfen?
Eines ist sicher: Ohne ihr Land können die Indigenen nicht ihr altes Leben leben, können sie nicht jagen, nichts anpflanzen. Derweil bringen die Siedler Dünger und Pflanzenschutzmittel auf die Felder, verseuchen die Flüsse. Xavante-Kinder, die in den Flüssen baden und aus ihnen trinken, bekommen Durchfall, Erbrechen, Infektionskrankheiten. Auch das will Paridzane seiner Präsidentin berichten. „Während wir hier in Rio de Janeiro sind, haben wir die Nachricht erhalten, dass eines unserer Kinder an Mangelernährung gestorben ist.“ Das steht im Brief an Rousseff.
Sein Leben drehe sich um die Wiedergutmachung für jenen Tag im Jahre 1966, dem Beginn der Deportation. „Seit jenem Moment kämpfen wir dafür, zurückkommen und unser Land wieder besitzen zu dürfen“, hat Paridzane geschrieben. „Ich bin müde. Aber ich werde nicht aufgeben. Niemals.“ So endet er. Jetzt sitzen sie auf den Bänken im grünen Innenhof des Konferenzzentrums und hoffen, ihre Präsidentin an diesem letzten Tag des UN-Umweltgipfels zu treffen. Die ersten Xavante nicken ein, die Müdigkeit von 20 Jahren auf den Schultern. (Thomas Milz)

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Redaktion
Keine Kommentare

Pilger-Community

Um Kommentare verfassen zu können müssen Sie in der Pilger-Community angemeldet sein.

Falls Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich
hier kostenlos registrieren.

Die Kommentarfunktion dient dem Austausch der Pilger-Community untereinander. Alle Kommentare drücken ausschließlich die Ansichten der Autoren (Nutzer) selbst aus. Der Betreiber der Website www.pilger-speyer.de ist für den Inhalt einzelner Beiträge nicht verantwortlich. Hier finden Sie die  ausführlichen Nutzungsbedingungen und Regeln zur Kommentarfunktion.

Anzeige

23. Oktober 2014

Ebola-Epidemie: missio unterstützt Betroffene

Hilferuf aus Guinea-Bissau: Krankenstation steht unter Quarantäne – Hilfe notwendig


16. Oktober 2014

Orkan wütet über Speyerer Partnerbistum Cyangugu

Räume der Caritas, Schulen und das Gesundheitszentrum stark betroffen


09. Oktober 2014

Gebet für Flüchtlinge und Verfolgte

Bischof lädt zum Gebet des Rosenkranzes am 12. Oktober in den Dom ein


Anzeige

Abo der Pilger

Bestellen Sie bequem online Ihre persönliche Ausgabe der Kirchenzeitung.

Anmeldung im Benutzerbereich

Passwort vergessen?
neu registrieren