Silbermöwe

Donnerstag, 16. März 2017

Unsere Welt braucht die Kraft der Solidarität

Kampagne „Gutes Leben. Für alle!“ offiziell beendet, aber sie soll weiterwirken

Veranstaltung zur Kampagne „Gutes Leben. Für alle“ mit Misereor-Chef Pirmin Spiegel. Links die frühere Katholikenratsvorsitzende Maria Faßnacht und Astrid Waller. Foto: Julie Waller

Am 9. März wurde mit einem eindringlichen Aufruf zur Solidarität mit den Ländern und Menschen des Südens im Ludwigshafener Heinrich Pesch Haus der offizielle Schlusspunkt gesetzt zur kirchlichen Kampagne  „Gutes Leben.Für alle!“. Für den Speyerer Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann war es ein Abend, der ihm persönlich „sehr unter die Haut ging“, wie er in einem Dankwort bekannte. Im Jahr 2013 hatten der Katholikenrat mit seiner damaligen Vorsitzenden Maria Faßnacht, das Bistum Speyer und das Hilfswerk Misereor die Initiative gemeinsam gestartet, um Menschen für einen umweltverträglichen, Ressourcen schonenden Lebensstil zu gewinnen und um für das Thema globale Gerechtigkeit zu sensibilisieren.

Ökumenisches Zeichen
Bischof Wiesemann machte deutlich, dass in Ludwigshafen zwar offiziell ein Schlusspunkt gesetzt werde, die Anstrengungen zum Erhalt der Schöpfung, der Einsatz für nachhaltiges Wirtschaften, für einen veränderten Lebensstil und für weltweite Gerechtigkeit jedoch wichtiger seien als je zuvor und weitergehen müssten. Wiesemann zeigte sich glücklich, dass durch die Mitwirkung von Oberkirchenrätin Karin Kessel (Evangelische Kirche der Pfalz) ein ökumenisches Zeichen gesetzt werde. Die Christen seien „an einem Wendepunkt der Menschheitsgeschichte herausgefordert, gemeinsam Zeugnis zu geben und gemeinsam die Stimme zu erheben“. Die Welt dürfe nicht den Mächtigen und deren Interessen überlassen werden. In der  Enzyklika „Laudato si“, in der Papst Franziskus den ökologischen Ansatz weiterführe in die globale Gerechtigkeitsfrage, sieht der Bischof  dabei „eine große Ermutigung“.
Gäste und Referenten des Abends waren der Kardinal von Ouagadougou/Burkina Faso, Philippe Ouédraogo, und Tadzio Müller, Klimaexperte bei der Rosa Luxemburg-Stiftung in Berlin. Verbunden mit einem Dank betonte der Speyerer Bischof den Auftrag an die Kirche, „Menschen guten Willens zusammen zu bringen“. Und er machte Mut, den „Horizont nicht zu klein zu setzen“. Der Horizont des Evangeliums sei „oft größer, als wir ihn wahrnehmen“, so der Bischof.

Markt der Möglichkeiten
Angesichts der vielen Krisen, Konflikte und der neuen Mauern, die Menschen trennten, könnte man mutlos werden, sagte Wiesemann. Gleichzeitig sei es beeindruckend, wie viele Menschen sich zum Beispiel in der Flüchtlingsarbeit engagierten und geradezu darauf warteten, etwas tun zu können. Aus der Kraft der Solidarität heraus „können wir trotz der vielen negativen Vorzeichen etwas bewirken“, zeigte er sich sicher. Solidarität, Liebe und Hinwendung gerade zu den Armen sei den Christen vom Evangelium als Auftrag mitgegeben.
Bei einem „Markt der Möglichkeiten“ in der Eingangshalle des Heinrich Pesch Hauses stellten sich Pfarreien, Gemeinden und Initiativen mit ihren Beiträgen zu der Kampagne „Gutes Leben. Für alle!“ vor.

Strukturelle Veränderungen
Luisa Fischer, Vorsitzende des Speyerer Katholikenrates, konnte anschließend viele Gäste aus allen Teilen der Pfalz und der Saarpfalz begrüßen. Sie unterstrich die Anfrage an den Lebensstil der Einzelnen, betonte jedoch auch die Notwendigkeit zu „strukturellen Veränderungen im Bereich der wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen“. Den Katholikenrat bezeichnete sie dabei als „Lobbyist  für die Armen in der Welt“.

Anregung für Umweltpreis
Als eine Konkretisierung der Kampagne habe der Katholikenrat Pfarreien Kriterien an die Hand gegeben, wie die Anliegen von „Gutes Leben. Für alle!“ in deren Planungen nach Gemeindepastoral 2015 einfließen können. Zudem regte Fischer die Verleihung eines Umweltpreises des Bistums Speyer an. Mit Blick auf die anstehenden Bundestagswahlen ermutigt sie zudem, die Politiker auf die Fragen von Nachhaltigkeit, Bewahrung der Schöpfung und sozialer Gerechtigkeit deutlich anzusprechen.

Bio kaufen reicht nicht
Dr. Tadzio Müller, Referent für Klimagerechtigkeit und Energiedemokratie bei der Rosa Luxemburg-Stiftung Berlin, konfrontierte seine Zuhörerinnen und Zuhörer  mit nachdenklich stimmenden, manchen vielleicht auch provozierend klingenden Thesen. Das Thema seines Vortrags lautete: „Bio kaufen reicht nicht! Die sozial-ökologische Transformation als kollektive Herausforderung.“ Eine zentrale Erkenntnis ist für den Klimaexperten: Unter Umweltkrisen leiden die am meisten, die am wenigsten dazu beigetragen haben. Und die, die  sie verursachen, leiden am  wenigsten – eben die Gesellschaften der reichen Industrienationen. Müller: „Die Armen der Welt leiden an unserem Lebensstil, Wir leben nicht über unsere Verhältnisse, sondern wir leben über die Verhältnisse anderer. Wir alle sind Privilegierte in unserer Gesellschaft, profitierten auf die eine oder andere Weise von der politischen und vor allem von der  wirtschaftlichen Ausbeutung eines Großteils der Welt.“
Hart ins Gericht ging Müller mit Teilen des „Ökobürgertums“, „meist gut gebildet und gut verdienend“. Sie kauften zwar im Bioladen ein, hätten jedoch ansonsten vielfach einen verheerenden ökologischen Fußabdruck durch ihren Lebensstil, ihre Reisen, ihre Autos. Für Müller ist klar: Es kann kein unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten geben. 

Bündnisse knüpfen
Der Klimaexperte setzt auf die Kraft sozialer Bewegungen, die beispielsweise einen wichtigen Beitrag zum Ausstieg aus der Atomkraft geleistet hätten oder zur Entwicklung einer Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen. In diesem Zusammenhang misst er den Kirchen große Bedeutung zu mit ihren globalen Erfahrungen sowie ihrer ethisch-moralischen Kompetenz. Er ermutigte zum Knüpfen von Bündnissen – in Toleranz und im Akzeptieren von Verschiedenheiten.  Begeistert zeigte sich Müller von Papst Franziskus und seiner deutlichen Kritik an wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen. Seine Forderung nach „universeller Solidarität“ sei auch für ihn Herausforderung und Ermutigung.

Strukturen der Ausbeutung
Kardinal Philippe Ouédraogo aus Ouagadougou, der Hauptstadt des afrikanischen Staates Burkina Faso, erläuterte mit konkreten Beispielen, wie sich Leben und Handeln der Länder des Nordens auf sein Land auswirken, das zu den ärmsten des Kontinents zählt. Der Kardinal besucht das Bistum Speyer im Rahmen der Fastenaktion des katholischen Hilfswerkes „Misereor“. Ouédraogo berichtete von den Problemen der Milchbauern in seinem Land, die durch subventioniertes Milchpulver aus Europa unter Druck gesetzt würden. Damit könnten sie nicht konkurrieren und verlören ihre Lebensgrundlage. Der Kardinal verwies auf Konzerne aus den USA, Kanada und Europa, die die Goldreserven des Landes ausbeuteten und dabei den Boden verseuchten. Nur ganz wenige Menschen im Land profitierten davon, bei dem allergrößten Teil der Bevölkerung komme von den Gewinnen nichts an. Deutlich war die Kritik des Kardinals an den Waffenexporten des Nordens an die armen Länder des Südens, die dort Konflikte verschärften. Kritisch sieht er auch den „Medienexport“, der eine neue Kultur in sein Land bringe, Werte und gesellschaftliche Strukturen bedrohe und zerstöre. Kardinal Ouédraogo warb nachdrücklich für gerechte wirtschaftliche Beziehungen und für Solidarität zwischen Nord und Süd.

Abendgebt zum Ausklang
Der Tag klang aus mit einem Abendgebet, das Oberkirchenrätin Karin Kessel und Bischof Karl-Heinz Wiesemann gestalteten. Für die musikalische Umrahmung sorgten die Umucy-Trommler aus Kaiserslautern, Studenten aus Ruanda, die in der Pfalz studieren. (rn)

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