Wochenkommentar

Donnerstag, 26. Januar 2012

Gesundheitsreligion

Heutige Diätmoden übertreffen die Büßer- und Geißlerbewegungen des Mittelalters

Dass viele Deutsche einem übertriebenen Gesundheits- und Fitness-Wahn verfallen sind, das ist oft Thema in den Medien. Der katholische Theologe, Bestseller-Autor und Arzt Manfred Lütz sagt es drastischer: Die heutigen Diätmoden überträfen „in ihrem Ernst die Büßer- und Geißlerbewegungen des Mittelalters“, so stellt er in der jüngsten Ausgabe des Nachrichtenmagazins „Focus“ fest. „Kein Zweifel, wir leben heute im Zeitalter der real existierenden Gesundheitsreligion. All das, was man früher für den lieben Gott tat – wallfahren, fasten, gute Werke verrichten –, das tut man heute für die Gesundheit“, schreibt der Leiter einer Kölner Klinik.
Der Arzt und Theologe Lütz beobachtet bei vielen Menschen ein religiöses Vakuum, das sie mit „Kunstprodukten“ zu füllen versuchen – etwa einer „Gesundheitsreligion“. Eine neuzeitliche Variante des Strebens der Menschen nach Unsterblichkeit. Man versucht quasi das ewige Leben im Diesseits zu produzieren, was natürlich ein völlig aussichtsloses Projekt ist. Tiefsinnig und auch humorvoll beurteilt Lütz dieses Bemühen so: Es ist höchst anstrengend, sehr kostspielig, sehr asketisch, und am Ende stirbt man leider doch. Freilich, auch wer gesund stirbt, ist definitiv tot.
Dabei hat Lütz ganz und gar nichts gegen einen gesunden Lebensstil. Aber er beobachtet, dass viele Menschen nicht begreifen, dass Gesundheit nur eine Rahmenbedingung für das Leben ist, aber nicht das Leben selbst. (rn)

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