Im Gespräch

Mittwoch, 23. Mai 2018

„Afrikanisches Palaver“ kann hilfreich sein

Ein Interview mit Bischof em. Dr. Michael Wüstenberg über Erfahrungen aus weltkirchlichen Begegnungen

Bischof Michael Wüstenberg freut sich über die Verbindung ins Bistum Speyer. Rechts Alois Moos vom Bischöflichen Ordinariat. Foto: Deiters

Vier Kundschaftergruppen aus der Diözese waren unterwegs in der Weltkirche, um zu lernen. Eine Gruppe besuchte im März 2017 die Diözese Aliwal in Südafrika. Damals konnte niemand ahnen, dass wenig später Bischof Dr. Michael Wüstenberg, der aus Deutschland stammt und den Kundschaftern viele Erfahrungen ermöglichte, aus gesundheitlichen Gründen in den vorzeitigen Ruhestand treten müsste. – So fügte es sich, dass Bischof Wüstenberg den Austausch der ehrenamtlich Engagierten aus den Gemeinden mit den Kundschafter/innen („der pilger“ berichtete darüber) in einer besonderen Rolle begleiten konnte: Er war zunächst Gastgeber einer Gruppe und konnte dann hören, welche Erfahrungen diese Gruppe der Diözese als besonders wichtig und hilfreich berichtete. Für den „pilger“ sprach Alois Moos, der die Kundschafter-Reise vorbereitet und begleitet hat, mit Bischof Wüstenberg über seine Eindrücke:

Herr Bischof, zunächst ein großes und ehrliches Danke für Ihre weltkirchlichen Impulse: Sie haben uns viele Begegnungen in Aliwal ermöglicht und beehren uns nun bei diesem Austausch, bei dem auch die anderen Kundschafter ihre Erfahrungen und Impulse vorstellen. Was halten Sie denn von der Idee solchen „weltkirchlichen Lernens“?
Sie haben da ja schon Ihre eigenen Erfahrungen gemacht, nicht nur mit den vier Kundschaftergruppen. Mir persönlich waren meine Begegnungen mit Christen in anderen Regionen der Welt sehr wertvoll. Ich erinnere mich an Besuche in Bolivien, wo ich von der tief sitzenden Verletztheit durch die Kolonialzeit erfuhr. Das hat mich sensibel gemacht für solche durchaus erkennbare, bevormundende Praxis auch heute. In Brasilien erlebte ich die Lebendigkeit von Basisgemeinden – in Südafrika würden wir die „Außenstationen“ genannt haben, und von den Nachbarschaftskreisen, die sich um das Evangelium versammeln. In Kenia sah ich, wie Kleine Christliche Gemeinschaften Vertreter für verschiedene pastorale Felder wie Jugend, Soziales, Ehe, Liturgie ... haben, die eigens zusammenkommen, um dann ihre Gemeinschaften in Dialog und Entwicklung einzubeziehen. Und in Südafrika lernte ich unter anderem die Umsicht meines Vorgängers Fritz Lobinger kennen, mit der Frage der bewährten Gemeindemitglieder umzugehen, die womöglich einmal als lokale Priester wirken könnten. Ihm war wichtig, gut überlegt, beherzt und gut vorbereitet an diese Frage von Hirten, die aus dem Gemeinden stammen und ihren Heimatgemeinden einen Dienst leisten, heranzugehen. So halte ich in weltkirchlichen Begegnungen die Inspiration, die gegenseitige Befruchtung und Ideengebung für wichtig.

Über welche Berichte der Kundschafter waren Sie überrascht? Hat Sie etwas besonders erfreut?
Ich möchte gar nicht auf Einzeldinge eingehen. Ich habe mich erfreut an Ihrer Vorgehensweise. Das war ein Beispiel für „afrikanisches Palaver“, bei dem vorab viel und lang gesprochen wird, um spätere Konfliktbearbeitung wegen vorschneller Beschlüsse zu vermeiden. Obgleich damals die Grippewelle ihren Tribut forderte, waren doch eine Menge Leute aus der Diözese zusammengekommen, um voneinander zu hören, von den verschiedenen weltkirchlichen Erfahrungen, und um Eigenes dazu zu setzen. Das hat mich erinnert an die Weise, wie in der Diözese Aliwal der wegweisende Pastoralplan der Südafrikanischen Bischofskonferez (1989) eingeführt wurde: In den Regionen fanden mehrere Treffen statt mit Beteiligung vieler, die ihre Beiträge und auch Bedenken äußern konnten und dann auch die in den Dörfern gebliebenen einbezogen. Es ging und geht ja auch hier um deutliche Veränderungen. Da ist es wichtig, dass alle mitsprechen können, auch wenn nicht alle Ideen durchgeführt werden können. Das ist ein schönes Beispiel für Behutsamkeit.

Uns Kundschaftern in Aliwal haben Sie ermöglicht, den Wert kleiner christlichen Gemeinschaften kennen und schätzen zu lernen. Sie erläuterten: Bevor Paulus seine ersten Briefe schreiben konnte, musste er zunächst solche Gemeinden/Gemeinschaften gründen, an die dann seine Briefe gerichtet waren. Da Sie ja auch die deutsche Kirche kennen: Trauen sie uns zu, dass in unseren Pfarreien solche Gemeinschaften entstehen können? Wie sollten wir sie fördern?
Es ist fast wie bei der alten Frage, was zuerst da war, Ei oder Huhn. Wenn ich die Osterzeit hindurch die Lesungen gerade in der Apostelgeschichte, aber auch die Zeugnisse der Evangelien betrachte, dann geht mir immer mehr auf, dass die wesentlichen Ostererfahrungen in Gemeinschaft gemacht wurden. Am Anfang stand die – geisterfüllte – Gemeinschaft. Das Neue Testament hat das dann später aufgeschrieben und sozusagen das Feuer des Anfangs eingefangen, damit es auch uns ergreifen kann. Wie solche Gemeinschaften konkret zustande kommen, das wird sich vor Ort und in Vielfalt ergeben. Die Freunde Jesu hatten keine Arbeitsmaterialien dafür, und erstaunlicherweise, obgleich vorher – in ihrer Zeit mit Jesus – so viel schief gegangen ist, waren sie nun auf einmal so einsatzbereit, dass sie wagemutig wurden und große Risiken eingingen. Es macht keinen Sinn, solche Gemeinschaften zu verordnen, die sich dann hinterher dahinschleppen. Es ginge mir darum, in Treue zum apostolischen Anfang in Gemeinschaften, dem Feuer des Glaubens zu erlauben, sich zu entfalten, eben in Gemeinschaften, in denen der Geist lebendig erfahren wird. Wegen solcher Gemeinschaften ist ja das Neue Testament entstanden, und die Briefe von Paulus zeugen von der Sorge, diesen Geist durch Schwierigkeiten hindurch immer wieder leben zu lassen. Eindrücklich der Text über die Liebe in der Gemeinschaft, die 1 Korinther, Kapitel 13, beschreibt. Wie also Gemeinschaften fördern? Indem man Glauben fördert. Wo der da ist, kann man guten Mutes darauf vertrauen, dass Christen, auch im gegenseitigen Austausch (diözesan wie mit der Weltkirche) einen guten Weg finden. Und sie haben es ja oft auch schon in vielfältiger Weise getan. Wir fangen ja nicht bei Null an, können vielmehr wachsen und immer besser verstehen, worum es geht.

Eine letzte, vielleicht schwierigere Frage an Sie als einen Menschen, der mehrere Sprachen spricht: Unser deutsches Wort „Ehrenamt“ ist verzerrend und missverständlich. Wie sollten wir Ihrer Meinung nach reden?
Die Bezeichnungen „hauptamtlich“, „nebenamtlich“ und „ehrenamtlich“ kennzeichnen ja eher Einkommensverhältnisse, nicht spirituelle Größen. Sie haben das Potenzial, die Taufgaben – oder die Ämter von Priester, Prophet und König, die mit ihren weiblichen Formen ja allen zukommen – zu verdunkeln. Ich habe sehr gute, engagierte Christen in den Gemeinden gehabt, die viel Verantwortung übernommen haben, nicht zuletzt auch im Dienst der Versöhnung, der uns allen ans Herz gelegt ist; sie haben wesentlich zu Frieden in den Gemeinden beigetragen. Es war gut für alle, auf sie zu hören. Wenn Amt ein anderes Wort für „Ordo“ ist, dann sorgen sie wirklich in vielerlei Weise für Ordnung, auch in Gottesdiensten und bei Beerdigungen. Ich habe einmal gesagt, dass unsere Diözese unser gemeinsames Projekt ist, mit allen als Team-Mitarbeitern. Könnte es ein Zeichen gegenseitigen Respektes sein, wenn wir uns biblisch alle als (gute) Verwalter, Diener, Gehilfen verstehen, den Respekt für die verschiedenen Rollen wie für die vielen Gaben eingeschlossen? Als Rückkehrer nach Deutschland suche auch ich manchmal nach Worten. Vielleicht fallen Ihnen bessere Begriffe für all diese Amtlichkeiten ein. Paulus hat in seinen Listen einfach die Dienste nebeneinander gestellt und ausgedrückt, dass alle eine Rolle spielen und dass gerade die für niedrig Gehaltenen besondere Achtung verdienen. (red)

Informationen
Auf der Seite  www.bistum-speyer.de/bistum-speyer/kundschafterreisen/  sind alle Berichte der Kundschaftergruppen und Informationen zu dem Kundschafter-Projekt eingestellt. Hier kann man auch nachlesen, wie die Kundschafter/innen nach den Reisen in der Diözese informierten und welche Empfehlungen sie der Diözese vorschlagen.

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