Kultur

Mittwoch, 24. August 2016

Als der Bischof Speyer besetzen ließ

Der Speyerer Bauernkrieg von 1716 und die komplizierte Situation der alten Reichskirche

Die freie Reichsstadt Speyer vor 1750. Links der seit 1689 teilzerstörte Dom. Foto: Wikipedia Commons

200 Jahre besteht das Bistum Speyer im nächsten Jahr. Sein Vorläufer existierte streng genommen bis in die Zeit der Säkularisation im Jahr 1803. Dieses alte Speyerer Bistum zählte zu den Reichsständen, die das Heilige Römische Reich bildeten. Vor 300 Jahren kam es bei Speyer zur folgenschweren Auseinandersetzung zweier Reichsstände, nämlich Fürstbischof und Reichsstadt. Der Vorfall von 1716 belegt die komplizierte Situation im damaligen Reich.

Heinrich Hartard von Rollingen, geboren 1633 im heutigen Land Luxemburg, trug seit 1676 die Verantwortung für das Bistum Speyer. Und zwar als Statthalter des damaligen Bischofs Johann Hugo von Orsbeck, der 1675 Bischof von Speyer geworden war. Seine Bischofsstadt sah Orsbeck aber nur ein einziges Mal, dann wechselte er nach Trier, wo er seinen Onkel auf dem Posten des Bischofs und Kurfürsten beerbte. Orsbeck führte, damals keine Ausnahme, mehrere Bistümer.

Sein Speyerer Statthalter von Rollingen hatte – dies war nicht selbstverständlich – eine profunde theologische Ausbildung erhalten: Studium in Rom, mit 25 Jahren Priesterweihe, 1661 Domkapitular, 1676 dann Chorbischof in Trier (eine Art Regionalbischof),  1688 wurde er in Speyer Domdekan, 1692 dann Generalvikar. Somit hatte er weitreichende Rechte inne, zusätzlich besaß er die Bischofsweihe. Es wundert nicht, dass ihn das Speyerer Domkapitel nach dem Tode Orsbecks zum Nachfolger wählte. Am 26. Februar 1711 war dies, Heinrich-Hartard von Rollingen war zu diesem Zeitpunkt bereits 78 Jahre alt.


Immer wieder Krieg und Zerstörung  

Als Statthalter hatte er in Speyer schwere Zeiten hinter sich: Zunächst ist das aus dem Dreißigjährigen Krieg verwüstete, entvölkerte oder verarmte Land zu nennen. 1680 schließlich brachte Frankreich das südlich der Queich beginnende Elsass in seinen Besitz. Das Hochstift, in dem der Bischof Landesherr war, hatte nun zwei Oberherrschaften: den Kaiser in Wien und den französischen König. Die durch Bischof Orsbeck versuchte Annährung des Bistums an Frankreich zahlte sich nicht aus, wie sich ab 1688 im Orleans’schen Krieg zeigte: Französische Truppen brandschatzten in ganz Süddeutschland. 1689 trafen sie Speyer schwer, den großen Stadtbrand überstanden nur wenige Häuser. Der Dom erlitt schweren Schaden, sein Langhaus stürzte ein, das romanische Westwerk war schwer beschädigt.


Speyer liegt zehn Jahre brach

Für die Speyerer selbst kam es noch schlimmer – sie mussten ihre zerstörte Heimat aufgeben und wurden verbannt. Zehn Jahre durften sie keinen Fuß in die Stadt setzen. Erst 1697 begannen nach dem Frieden von Rijswijk Rückkehr, Wiederbesiedelung und Wiederaufbau. Aus dieser Zeit stammt ein alter Flurplan, den das Speyerer Stadtarchiv verwahrt. Diese Karte zeigt Speyer und seine Gemarkungsgrenzen und sollte wohl dem Umland klarmachen, wo der städtische Besitz beginnt.

Wie Gymnasialprofessor Dr. Wilhelm Harster 1888 in einem Beitrag für die Mitteilungsblätter des Pfälzischen Vereins für Geschichte schreibt, sei es nachvollziehbar, dass die umliegenden Dörfer sich in den knapp zehn Jahren das ungenutzte städtische Land – wie ein herrenloses Eigentum – aneigneten. Die Berghäuser, Otterstadter, Dudenhofener und Schifferstadter befanden sich so bald mit den zurückgekehrten Speyerern im Streit über die Nutzung der Wälder, Äcker und Weiden. Von den komplizierten Regelungen und Rechten, die vor den Kriegshandlungen bestanden, wussten viele nichts mehr oder wollten nichts davon wissen, zumal die entsprechenden Urkunden beim Stadtbrand von 1689 verlorengegangen waren.

Grenzsteine mit dem Wappen Speyers (dem Dom) existierten noch. Doch teilweise erkannten sie die „Dörfler“ schlicht nicht mehr als Besitzmarken an. Die Dudenhofener waren dabei besonders frech: Ursprünglich hatten sie keine eigene Gemarkung besessen, nun konstruierten sie sich eine, indem sie auf Speyerer Gebiet Steine sammelten, mit einem krummen Kreuz markierten und selbst aufstellten. Speyer rief daraufhin das Reichs-Kammergericht an – die juristischen Auseinandersetzungen zogen sich über Jahre hin.


Die Rolle der Konfession

Die Religionszugehörigkeit heizte diese Konflikte weiter an: Speyer war freie Reichsstadt. In den meisten Reichsstädten war eine mehrheitlich protestantische Bevölkerung üblich. Nach Harster seien zum damaligen Zeitpunkt nur zwei Dutzend der rund 2000 Speyerer Einwohner katholisch gewesen, nicht mitgezählt das Domkapitel, Klosterangehörige und deren Bedienstete. Im Umland sah es anders aus – die direkten Nachbardörfer Speyers gehörten zum Hochstift, waren also Eigentum des Bischofs. Damit war die Bevölkerung katholisch.


Holzeinschlag führt zum Konflikt

1714 schritten die Dudenhofener zur Tat – im Herbst schlugen sie Brenn- und Bauholz auf Speyerer Gemarkung. Bauern aus anderen Bischofsdörfern beschützten dabei die Waldarbeiter. Der Speyerer Stadtrat allerdings ließ in der Nacht das Holz abfahren. Das Kammergericht mahnte die Konfliktparteien zur Ruhe. Den Dudenhofenern wurde untersagt, in Speyer Holz zu verkaufen, weil nicht ersichtlich war, ob es sich nicht ohnehin um Speyerer Eigentum handelte.

Der Streit war damit nicht beigelegt: Im Spätwinter 1716 begannen die Speyerer, in ihrem Wald Holz zu schlagen. Dieses raubten, wiederum in der Nacht, bischöfliche Bauern aus dem Amtsbezirk Marientraut (Hanhofen). Mit Billigung des bischöflichen Amtsvorstehers, der den protestierenden Speyerer Räten entgegnen ließ, „man müsste noch ein paar Städter totschießen“. Dies war nur Vorgeplänkel, in das die benachbarte Kurpfalz zwar schlichtend einzugreifen suchte, was sie aber nicht daran hinderte, dem bischöflichen Amtmann Pulver und Blei zu verkaufen.


Die Besetzung Speyers

Am 20. März 1716 nachts zogen 1000 bischöfliche Bauern aus den Ämtern Marientraut, Kirrweiler und Deidesheim mit Knüppeln, Flinten, Heugabeln und Stangen gegen Speyer, wo sie die Landwehr besetzten. Dieses System aus Aufschüttungen und Wachttürmen hatte ursprünglich der Verteidigung der Stadt und ihren Ländereien gedient. Der inzwischen 83-jährige Bischof Rollingen – er bewohnte ein Bürgerhaus in Speyer, weil die Bischofspfalz seit 1689 zerstört war – ließ dem Rat ausrichten, er wisse von keinem Bauernaufstand. Am 21. März bestätigte sich ein Gerücht, wonach Bauern aus dem Bruhrain, der Gegend von Philippsburg und Bruchsal, nach Speyer unterwegs seien. 2000 waren es. Die Bauern teilten sich in drei Trupps auf und besetzten nach einem zweistündigen Gefecht mit der Bürgerwehr die freie Reichsstadt. „Die Sieger hausten in derselben, wie es eben von fanatisierten Bauern zu erwarten war“, schreibt Professor Harster. Fast vier Monate blieben die Bauern. Erst als am 5. Juli 1716 eine kaiserliche Abordnung eintraf, gaben die Besatzer kleinbei. Bischof Hartard hatte indes erklärt, er sehe die Bauern als seinen Schutz in den unsicheren Speyerer Gefilden.


Rachsucht oder große Verdienste?

Rollingen wird als „rachsüchtiger Greis“ bezeichnet, der sicher mit diesem militärischem Vorgehen die alten bischöflichen Rechte in der Domstadt wiederzugewinnen suchte. Jahrzehntelange Auseinandersetzungen mit den Speyerern hatten ihn wohl nur diesen wenig diplomatischen Weg finden lassen. Immerhin kommt es dem Geistlichen zu, mit hohem persönlichen Einsatz den Dom vor der völligen Zerstörung gerettet zu haben. Eigenhändig hatte er 1689 das alte Gnadenbild aus der brennenden Kathedrale geholt.

Für Heinrich-Hartard von Rollingen ging der Speyerer Bauernkrieg schlecht zu Ende. Die protestantischen „Reichsstädter“ hatten den groben Landfriedensbruch im Wien beim katholischen Kaiser angezeigt – und bekamen praktisch Recht. Rollingen blieb zwar noch bis zu seinem Tod am 30. November 1719 Bischof. Doch auf Betreiben des Kaisers erhielt er noch 1716 einen Koadjutor an die Seite. Dies war Graf Hugo Damian von Schönborn, der schließlich 1719 zum Bischof gewählt wurde. Den Dudenhofenern übrigens erkannte das höchste Reichsgericht als Folge des Bauernkrieges eine Gemarkungsgrenze mit Speyer zu, die teilweise bis heute besteht. (hm)

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