Geistliches Leben

Donnerstag, 22. Juni 2017

Angst ist ein schlechter Ratgeber

Jesus stellt dagegen: Fürchtet euch nicht! – Gedanken zum Matthäus–Evangelium 10,26–33 von Pastoralreferent Thomas Stephan

Laut Untersuchungen des US-amerikanischen Psychologen Paul Ekman gibt es sechs angeborene Basisemotionen. „Freude, Wut, Ekel, Trauer, Überraschung und Furcht“ können Analysen zufolge von allen Völkern allein anhand des Gesichtsausdrucks richtig erkannt werden. Biologisch gesehen ist das wichtigste Gefühl die Furcht, da sie überlebenswichtig ist, indem sie in Bruchteilen von Sekunden Körperkräfte mobilisiert und koordiniert. Aus wissenschaftlicher Sicht muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass zu starke Emotionen die Funktion des Verstandes massiv beeinträchtigen können. So ist es nicht verwunderlich, wenn z.B. Wut und Liebe „blind“ machen können.

Für den Bereich der Ängste kann man individuell und gesellschaftlich feststellen, dass sie sich im Laufe der Zeit verändern. Wenn man Umfragen Glauben schenken darf, dann waren in Deutschland die ersten Jahre unseres Jahrhunderts gesellschaftlich geprägt von der Sorge im Hinblick auf die Entwicklung von Inflation und Rezession. Abgelöst wurde sie dann von der Angst vor den Kosten der Eurokrise. Von seiner Spitzenposition wurde dieses Thema 2016 schließlich abgelöst von der Furcht vor dem Terrorismus, die voraussichtlich auch 2017 dominierend sein wird. Seither ist viel passiert, was dieses Gefühl geschürt hat. Zu nennen wäre im letzten Jahr eine gefühlt endlose Liste an Terroranschlag in London, Paris, Brüssel, Kabul, Berlin und an vielen weiteren Orten rund um die Welt. Gerade in einem Wahljahr, wie dem unseren, ist dieses zentrale Gefühl zu einem beherrschenden Thema geworden, das wahlentscheidend sein kann und andernorts schon geworden ist.

„Fürchtet euch nicht!“ So heißt es heute dreimal im Matthäus-Evangelium. Der Appell Jesu, die Furcht nicht an die erste Stelle treten zu lassen, ist unüberhörbar. „Fürchtet euch nicht vor den Menschen!“, ist zu Beginn zu lesen. Hierbei geht es Jesus darum, dass man nichts verheimlichen, keine Berührungsängste und keine Scheu vor dem eigenen Bekenntnis und der eigenen Courage haben soll. Sein zweites „Fürchtet euch nicht!“ bezieht sich darauf, dass die eigentliche Gefahr nicht für den Leib, sondern für die Seele und damit für das Heil des ganzen Menschen besteht. Um unsere Gesundheit brauchen wir uns in den Augen Jesu nicht wirklich Sorgen zu machen, sondern vielmehr um die eigenen Überzeugungen und den eigenen Glauben. Wenn etwas in seinen Augen wirklich gefährlich ist, dann sind es die geistigen Blender und Brandstifter. Das dritte „Fürchtet euch nicht!“ bezieht sich auf das grenzenlose Vertrauen, das wir Gott gegenüber haben dürfen. Er weiß um uns in jeglicher Hinsicht und so heißt es folgerichtig: „Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht!“

Falsch verstandener Glaube und Furcht sind in der Geschichte oftmals eine unheilige Allianz eingegangen. Viel zu oft wurde im Namen von Religionen Angst vor Gott oder der Hölle verbreitet, um damit die eigene Macht zu festigen oder auszubauen. Auch die christlichen Kirchen haben ihren verheerenden Beitrag zu diesem Thema geleistet. Furcht ist zwar kein guter, aber leider bis heute ein äußerst wirkungsvoller Ratgeber.

Ich erinnere mich an eine Begegnung vor vielen Jahren. In einem Altenpflegeheim traf ich auf eine alte Dame, die in der schreckliche Vorstellung vor sich hin vegetierte, in die Hölle kommen zu müssen, da sie vergessen hatte, an der Beerdigung einer bestimmten Person teilzunehmen. Selbst ein hinzugezogener Pfarrer, der ihr die Vergebung Gottes zusprechen wollte, konnte sie von dieser fürchterlichen Vorstellung, diesem Wahn nicht abbringen. Dies wurde für mich ein erschütterndes Beispiel für einen angstmachenden, abstrafenden „Glauben“, der bei ihr im hohen Alter seine volle zerstörerische Wirkung entfaltete.

„Fürchtet euch nicht“, so lautet der Aufruf Jesu damals wie heute. Das Wesen des Glaubens sollte Hoffnung und Leben und nicht Furcht und Tod sein. Gerade in einer Zeit, die viele Ängste kennt, sollte ihnen nicht die Herrschaft über unser Denken und Handeln übertragen werden. Ein Übermaß an Angst, das in einem Wahljahr gern im politischen Bereich geschürt wird, macht blind und öffnet Radikalen jeglicher Couleur Tür und Tor. Scharfmacher, die bei uns Kriegsflüchtlinge, Heimatvertriebene und Asylbewerber pauschal eine (Mit-) Schuld an Terror- und Krisenszenarien unterstellen wollen, schüren nämlich auf unverantwortliche Weise Ängste, mit deren Hilfe sie ihren (politischen) Aufstieg erreichen wollen.

„Fürchtet euch nicht“, das bedeutet nicht, im Angesicht von Bedrohungen jeglicher Art untätig und Schicksal ergeben abzuwarten. Es fordert uns vielmehr auf, einen kühlen Kopf zu bewahren und ohne Angst hinzusehen, unseren Mann und unsere Frau zu stehen und im Vertrauen auf Gott, das Notwendige anzupacken.

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