Kirche und Welt

Mittwoch, 24. April 2019

Angst und tiefe Verunsicherung

In Sri Lanka sterben mehr als 300 Menschen bei Anschlägen auf Kirchen und Hotels

In der St. Anthony-Kirche in Colombo starben am Ostersonntag zahlreiche Gottesdienstbesucher. In Sri Lanka sind 70,2 Prozent der knapp 21 Millionen Einwohner Buddhisten, 12,6 Prozent Hindus, 9,7 Prozent Muslime und 7,4 Prozent Christen. Foto: actionpress

Bisher 320 Tote und mehr als 500 Verletzte – das ist die Bilanz der Terroranschläge auf drei katholische Kirchen und Luxushotels am Ostersonntag in Sri Lanka. Die Hintergründe sind noch weitgehend unklar. Die Anschläge überschatteten auch die Osterfeierlichkeiten am Ostersonntag in Rom. Papst Franziskus sagte auf dem Petersplatz, er sei der christlichen Gemeinde des Inselstaats und „allen Opfern solch grausamer Gewalt“ nahe. Die Nachricht über die vielen Toten und Verletzten erfülle ihn mit Trauer.

Trauer, Wut, Entsetzen, Fassungslosigkeit – das sind die Reaktion der Menschen in Sri Lanka nach den verheerenden Bombenanschlägen auf Kirchen und Luxushotels am Ostersonntag. In einem vom „Colombo Telegraph“ veröffentlichten Handyvideo aus dem Inneren der St. Anthony-Kirche in Colombo sind schreiende Menschen zu hören, andere bergen Verletzte aus den Trümmern des Gotteshauses, dessen Dach nur noch ein Gerippe ist, durch das der Himmel zu sehen ist.

Die Polizei – die bereits Tage zuvor aus indischen Geheimdienstkreisen  vor Anschlägen auf Kirchen gewarnt worden war – nahm inzwischen Dutzende von Verdächtigen fest. An belastbaren Informationen zu den Hintergründen der Anschläge mangelte es lange. Am Dienstag ( 23. April) teilt der stellvertretende Verteidigungsminister Ruwan Wijewardene laut örtlichen Medien vor dem Parlament mit, die Terroranschläge auf Kirchen und Hotels in Sri Lanka seien nach ersten Erkenntnissen ein Racheakt für die Anschläge eines australischen Neonazis auf Moscheen im neuseeländischen Christchurch gewesen. Die sechs Selbstmordanschläge seien von der einheimischen islamischen Gruppe National Thowheeth Jama‘ath (NTJ) begangen worden. Die NTJ erhielt demnach Unterstützung von  einer islamistischen Gruppierung aus Indien. Konkrete Details zu diesen Angaben sei Wijewardene jedoch schuldig geblieben, so die Berichte.

Sri Lanka hat eine lange Geschichte blutiger Gewalt gegen und zwischen Religionsgemeinschaften und ethnischen Gruppen. Radikale buddhistische Mönche heizen seit Jahren Hass und Gewalt vor allem gegen die muslimische, aber auch christliche Minderheit an. Immer wieder kommt es zu antimuslimischen Gewaltexzessen wie im Mai 2018, als radikale Buddhisten in Kandy Moscheen verwüsteten, muslimische Geschäfte brandschatzten und mindestens drei Menschen umbrachten.

Der Krieg zwischen der Minderheit der Tamilen im Norden Sri Lankas und der Armee ging vor zehn Jahren mit einem Gemetzel an der militärischen Führung der Rebellenmiliz Tamilische Tiger zu Ende. Sri Lanka ist aber immer noch gespalten zwischen der Politik, Wirtschaft und Militär dominierenden buddhistischen Mehrheit im Süden des Landes und den armen Tamilen, von denen 80 Prozent Hindus, die anderen 20 Prozent Christen und Muslime sind. Weil die katholische Kirche immer wieder die Menschenrechtsverletzungen an den Tamilen angeprangert hat, gelten vor allem die Bischöfe im Norden bei Armee und Geheimdienst als Verräter und Terrorunterstützer.

Unter dem Titel „Geopolitische Rahmenbedingungen: Über das Aufkommen offensichtlicher religiöser Gewalt in Sri Lanka“ beschäftigt sich ein erster Kommentar im „Colombo Telegraph“ mit möglichen internationalen Hintergründen des Anschlags. Es sei eine seit dem Kalten Krieg in Asien bewährte Strategie von internationalen Kräften, Religion als Waffe zur Spaltung von Gesellschaften zu nutzen. Die Anschläge auf die Kirchen und Hotels seien Teil dieser Strategie, Sri Lanka religiös, gesellschaftlich und wirtschaftlich zu destabilisieren. Wegen seiner wichtigen geostrategischen Lage im Indischen Ozean sei Sri Lanka „im Fadenkreuz zwischen den USA und ihres Verbündeten Indien sowie China“.

Im Internet widmen sich unterdessen Bewohner des Inselstaates allerlei innenpolitischen Verschwörungstheorien. In einem Kommentar zur Berichterstattung im „Colombo Telegraph“ heißt es: „Es ist unmöglich, eine koordinierte Attacke dieser Art und diesen Ausmaßes ohne das Wissen von sehr mächtigen Personen in der Armee oder der Regierung durchzuführen.“

Ganz abwegig sind solche Spekulation nicht in einem Land, das reich an oft gewaltsam ausgetragenen politischen Konflikten und Intrigen ist. Die Mahnung von Papst Franziskus zu Versöhnung und interreligiösem Dialog bei seinem Besuch in Sri Lanka im Januar 2015 ist bei den Mächtigen leider verhallt.

(Michael Lenz)

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