Kirche und Welt

Donnerstag, 23. Juni 2016

„Angst vor Anforderungen der Leistungsgesellschaft“

Betriebsseelsorger aus dem gesamten Bundesgebiet beschäftigten sich mit der Digitalisierung der Arbeit

Erzbischof Stephan Burger feierte mit den Betriebsseelsorgern einen Gottesdienst. Foto: Erzbistum Freiburg

Industrie 4.0 – ein Begriff macht Karriere. Bei der Hannover-Messe 2011 wurde der „Politische Marketingbegriff“ erstmals vorgestellt. Und heute begegnen uns der Begriff und die dahinter stehende Realität auf Schritt und Tritt.

Die Digitalisierung der Arbeit verändert die Arbeitsplätze und die Arbeitswelt durchgreifend. Aber ist Industrie 4.0 tatsächlich die vierte industrielle Revolution oder eher eine sich stetig beschleunigende Evolution einer Entwicklung, die schon vor vielen Jahren begonnen hat? Worin besteht die neue Qualität von Industrie 4.0 bzw. Arbeit 4.0, weil die Digitalisierung ja alle Branchen und Arbeitsbereiche umfasst? Wo stehen wir auf dem Weg zur „smart factory“, zur intelligenten Fabrik der Zukunft? Und vor allem: Was bedeutet dieser Umbruch für die Beschäftigten? Wird der Mensch zum Anhängsel der Maschine? Werden die Roboter die Menschen verdrängen? Viele Fragen.

Die Bundesfachtagung der Betriebsseelsorger vom 7. bis 9. Juni auf der Insel Reichenau, die unter dem Thema „Arbeit 4.0 – Chancen und Risiken der Digitalisierung der Arbeit“ stand, hatte sich zur Beantwortung dieser Fragen wichtige Gesprächspartner eingeladen. So erläuterte Professor Lars Windelband von der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd den aktuellen Sachstand der Diskussion aus den Bereichen Metall- und Elektroindustrie. Seine neue Studie zu Industrie 4.0 hebt stark die neuen technischen Möglichkeiten hervor.

Welf Schröter vom Forum Soziale Technikgestaltung entwickelte seinen Vortrag aus der Perspektive des arbeitenden Menschen. „Die ,Zukunft der Arbeit‘ darf sich nicht nur am technisch Machbaren orientieren, sondern hat individuelle, gesellschaftliche und ethische Auswirken, die es zu berücksichtige gilt“, so Welf Schröter.

Für die Betriebsseelsorger der Diözese Speyer Thomas Eschbach und Andreas Welte steht fest: Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist ein unumkehrbarer Prozess, der gestaltet werden muss. Die Gestaltung ist aber nicht nur auf betrieblicher Ebene zu vollziehen. Die Implikationen reichen weit darüber hinaus.

Den Schlusspunkt der Veranstaltung bildete ein gemeinsamer Gottesdienst mit Erzbischof Stephan Burger aus Freiburg auf einem Kirchenschiff auf dem Bodensee. „Frauen und Männer haben Angst, in den Anforderungen der Leistungsgesellschaft unterzugehen“. Er erklärte, in einer sich rasant verändernden Arbeitswelt gehe es „so manches Mal stürmisch zu“. Dann schlügen die „Wellen der Rationalisierung und des ‚Immer-schneller-und-besser‘ über einem zusammen. Dann geraten wir unter Druck, wissen nicht mehr ein noch aus, haben Befürchtungen, die uns die Luft nehmen und unser Leben eng und beklemmend machen.“ Arbeitnehmer- und Betriebsseelsorger könnten nach Ansicht des Freiburger Erzbischofs mit ihrem offenen Ohr weiterhelfen. Die Zeit, die sie einem anderen schenkten, könne dann „zum Hoffnungsanker werden“. „Ein offenes Gespräch kann helfen, die Angst zu mildern oder gar auszuschalten.“ Wieder an Land  stand der Freiburger Erzbischof noch als kompetenter Gesprächspartner zur Verfügung.   

Mehr als 60 Betriebsseelsorger aus dem gesamten Bundesgebiet hatten an der Tagung teilgenommen, um über die Digitalisierung von Arbeitsplätzen und die Rolle des Menschen in neuen Produktionsprozessen zu beraten. Gemeinsam mit Betriebsräten und Gewerkschaftsvertretern hatten sie sich die Frage gestellt, wie sie Betriebs- und Personalräte in dieser neuen Arbeitswelt unterstützen können. (red)

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